Wo stehen wir - was brauchen wir?

Mehr erneuerbare Energien: Bringt das Osterpaket die Energie-Wende?

von Oliver Scheel

Es geht langsam voran mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Wie weit sind wir wirklich und ist es realistisch, dass bis 2035 unsere Stromversorgung nahezu komplett aus erneuerbaren Energien bezogen wird?

Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass es zu den erneuerbaren Energien keine Alternative gibt. Sie sind im Preis wesentlich stabiler und werden eher günstiger als teurer. Alle Kraft auf die Energiewende also? Ganz so einfach ist es nicht, aber es gibt erste Erfolgsmeldungen.

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Immerhin ist in Deutschland im ersten Quartal 2022 jede zweite verbrauchte Kilowattstunde Strom klimaneutral erzeugt worden. 50 Prozent des Stromverbrauchs kam also aus den Erneuerbaren, teilte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft mit. Dies seien immerhin neun Prozentpunkte mehr als im Vorjahreszeitraum. Dank des stürmischen Wetters lag die Erneuerbaren-Quote im Februar sogar bei 62 Prozent. Im Januar wurden 47 Prozent, im März 41 Prozent erreicht.

Nun ist der Stromverbrauch eine Sache, aber der Energieverbraucheine ganz andere. Denn der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieverbrauch – also Strom, Wärme und Verkehr – beträgt nur rund 20 Prozent. Da ist also noch einiges zu tun.

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Was kann das Osterpaket?

Robert Habeck Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Vizekanzler, Bündnis 90/Die Grünen
Robert Habeck (Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz) hat mit dem Osterpaket ein beachtliches Werk für den Ausbau der erneuerbaren Energien vorgelegt.

Die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, Kerstin Andreae, bezeichnete den Anstieg des Erneuerbaren-Anteils am Stromverbrauch als „erfreulich“. Dies dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie aktuell viel zu schleppend verlaufe, betonte sie. Andreae forderte in diesem Zusammenhang ein effizienteres Planungs- und Genehmigungsrecht, mit dem Bauvorhaben sehr viel schneller realisiert werden könnten. Nötig sei auch ein schnellerer Netzausbau.

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Dazu hat Klima und Wirtschaftsminister Robert Habeck ein „Osterpaket“ auf den Weg gebracht, der eigentliche etwas sperrige Name lautet Energiesofortmaßnahmen-Paket. Schon 2030 sollen 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren kommen, 2035 dann nahezu 100 Prozent. Angesichts des Krieges in der Ukraine und der Rohstoffabhängigkeit von Russland wurde der Ausbau Erneuerbarer Energien zu einer „Frage der nationalen Sicherheit“ernannt und hat damit höchste Priorität.

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Krasser Zubau von Wind- und Sonnenenergie geplant

Photovoltaik
Photovoltaik ist eine der Säulen beim Ausbau der erneuerbaren Energien.

Neben dem Wegfall von bürokratischen Hürden soll der Zubau von Windkraftanlagen an Land beschleunigt werden. Dafür sollen kurzfristig neue Flächenpotenziale erschlossen werden. Ab 2025 sollen jährlich Windräder an Land mit einer Leistung von zehn Gigawatt gebaut werden – 2021 waren es knapp zwei Gigawatt. 2030 sollen es auf See 30 Gigawatt sein – eine Vervierfachung gegenüber dem Stand von 2020 mit 7,75 Gigawatt.

Auch bei der Solarenergie aus Photovoltaik-Anlagen etwa auf Dächern und freien Flächen sollen sich die Ausbauraten deutlich beschleunigen – auf einen Zubau von jährlich 22 Gigawatt ab 2026. Im Jahr 2021 waren es gut fünf Gigawatt. 2030 sollen dann eine Gesamtleistung von 215 Gigawatt installiert sein.

Um den Strom aus erneuerbaren Energien attraktiver zu machen, sieht das Osterpaket auch eine Senkung des Strompreises für die Erneuerbaren vor. Bereits ab 1. Juli 2022 soll die EEG-Umlage über den Bundeshaushalt finanziert werden, das wirkt dann endlich entlastend auf die Stromkosten der Verbraucher.

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Welche Probleme sind zu erwarten?

Windräder und ein Strommast stehen in der Region Hannover. Der voraussichtliche Verlauf der Stromtrasse Suedlink über 700 Kilometer von Nord- nach Süddeutschland wird konkreter.
Wie kommt der Strom aus dem Windrad in die Haushalten? Der Netzausbau ist ein Problem bei der Energiewende. Vor allem Bayern blockiert

Strom zu produzieren ist eine Sache, ihn zu transportieren eine andere: Beim Netzausbau gibt es große Probleme. Aber dem Problem wird sich angenommen. So wird der Netzausbau beschleunigt. Laut Gesetzentwurf werden 19 neue Netzausbauvorhaben aufgenommen. Dazu müssen die Stromtrassengegner in Bayern ihre Blockade beenden. Mit den Befugnissen aus dem Osterpaket können Einwände und Klagen schneller bearbeitet bzw. beiseite gelegt werden.

Ein Riesen-Problem, vielleicht das größte, ist der Fachkräftemangel. Es fehlen Handwerker, es fehlen aber auch Energieberater und Experten für Wärmepumpen und andere Heizsysteme. Darüberhinaus spielen die Lieferketten und Halbleiter eine Rolle. So viele Photovoltaik-Anlagen, wie wir brauchen, können wir im Moment nicht herstellen.

ABER: All diese Probleme sind wesentlich kleiner und besser in den Griff zu bekommen, als das was uns Atomenergie und Kohleverstromung hinterlassen. Der strahlende Atommüll kann noch Hunderten von Generationen Kopfzerbrechen bereiten genau wie ein aus den Fugen geratener Klimawandel, den wir mit Sicherheit erhalten, wenn wir weiter Kohle und Öl verfeuern.

Das sagen die Experten:

Prof. Dr. Andreas Bett vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, Freiburg:

„Der Entwurf zur Änderung des EEG markiert eine Zeitenwende für die Energiewende. Nachdem lange Zeit eine Umsetzung der Energiewende durch die Vorgaben der Regierung eher gebremst wurde, werden mit dem Entwurf die richtigen Ansätze für eine Beschleunigung der Energiewende gewählt. Die Zielkorridore für den Ausbau und für die notwendigen Strommengen sind richtig gesetzt. Ob die gesetzten finanziellen Anreize für Investoren ausreichend gewählt sind, muss die Praxis zeigen.“

Prof. Dr. Michael Sterner von der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher FENES, Regensburg:

„Negativ am Gesetzentwurf ist: Neben Wind und Solar braucht es auch Backup-Kraftwerke, vor allem wenn wir aus Atom, Kohle, Öl und Gas rausgehen in der Stromerzeugung. Sehr positiv am Gesetzentwurf ist: Die Verankerung des Grundsatzes ‚die Nutzung erneuerbarer Energien liegt im überragenden öffentlichen Interesse und dient der öffentlichen Sicherheit‘ ist ein wahrer Meilenstein und Gordischer-Knoten-Löser im Ausbau erneuerbarer Energien. Damit werden die Prioritäten richtig gesetzt und viel zeitaufwendiges Klein-Klein wird beiseitegelegt und richtig eingeordnet. Das wird ein richtiger Booster für den Ausbau von erneuerbaren Energien sein.“

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(osc)