Interview mit Expertin Kenzie Azmi

Klimawandel in Ägypten und Nordafrika: Es drohen unbewohnbare Regionen

aus Ägypten: Oliver Scheel

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Kenzie Azmi von Greenpeace Ägypten mit Oliver Scheel von wetter.de

Während die Delegationen um eine Abschlusserklärung auf der 27. Klimakonferenz in Sharm el Sheikh ringen, geht es für viele Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten um Leben und Tod. Kenzie Azmi von Greenpeace Ägypten erklärt uns im Interview, vor welchen Herausforderungen die Ägypter stehen, wenn nicht endlich Zählbares von der Politik kommt. Die Situation ist dramatisch und das kann auch Folgen für uns in Europa haben.

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Nordafrika trifft die globale Erwärmung doppelt so schnell

Ein alter Mann ist mit Kanistern auf dem Weg zur Wasserverteilung durch die Hilfsorganisation Islamic Relief im Dorf Guyan (Semera, Afar Region, Aethiopien, Foto vom 15.05.2012). Der Weltklimagipfel COP27 tagt von 6.-18. November in Aegypten und wird
Nord- und Ostafrika sind besonders vom Klimawandel betroffen. Dürren und Überschwemmungen wechseln einander ab. Viele Bauern können keinen Ackerbau mehr betreiben.

„Living on the edge“ – das Leben am Rand der Katastrophe. Dies ist der Titel eines Berichts, den Azmi als Co-Autorin kürzlich verfasste. Sie untersuchte mit ihren Kollegen darin die Lebensrealitäten der Menschen in sechs Ländern der Region. Die Ergebnisse zeigen ein dramatisches Bild. „Die globale Erwärmung schreitet in der Region Naher Osten, Nordafrika doppelt so schnell voran wie in anderen Weltgegenden“, sagt sie in unserem Gespräch auf der Klimakonferenz COP27. „Die Regenfälle bleiben aus und wenn sie kommen, treffen sie uns mit voller Härte als Starkregenereignisse.“

„Die größte Herausforderung für die Menschen hier ist Wasser und die Ernährungssicherheit. Und das hat viel mit dem Klimawandel zu tun“, erklärt die Greenpeace-Aktivistin. Das hängt damit zusammen, dass steigende Temperaturen und Starkregen das Land und die Ernten zerstören. Das wiederum zerstört die Lebensgrundlage vieler Kleinbauern. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bauern ihre Dörfer verlassen müssen. In Algerien beobachten wir, dass die jahrhundertealte Tradition des Dattelanbaus nicht mehr funktioniert“, erklärt sie: „Anstatt die Datteln zu verkaufen oder selbst zu essen, müssen sie als Viehfutter herhalten, weil auch die Tiere nicht mehr genug zu fressen finden.“ Viele dieser Menschen könnten ihre Zukunft auch in Europa suchen und sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen.

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Ukraine-Krieg hat Folgen für die Ägypter als Weizen-Importeur

Aktive der Umweltbewegung Fridays for Future protestieren vor dem Auswaertigen Amt in Berlin kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz COP27 in Aegypten (Foto vom 03.11.2022). Die Protestierenden hielten Transparente mit der Aufschrift „Profit oder Zu
Profit oder Zukunft: Greenpeace-Aktivistin Azmi fordert von den reichen Ländern Geld, um die Klimafolgen zu bekämpfen. Um einen solchen Fonds geht es auf der COP27.

In den Küstengebieten am Mittelmeer kommt es immer wieder zu Überflutungen, die ebenfalls Menschen dazu veranlassen, ihr Land aufzugeben und in die ohnehin schon riesigen Städte zu ziehen, wo sie meist als Tagelöhner arbeiten müssen.

Außerdem habe der Krieg in der Ukraine Ägypten hart getroffen. Große Teile des Getreides, das in Ägypten verbraucht wird, kommen aus der Ukraine. „Der Krieg hat Einfluss auf die Ernährungssituation bei uns. Deshalb ist es ja so wichtig, dass wir hier nationale Strategien entwickeln und unsere Ressourcen so nutzen, dass die Menschen, die am verwundbarsten sind, Hilfe erhalten. Wir müssen es schaffen, mehr Nahrungsmittel im eigenen Land zu produzieren, um unabhängiger zu sein. Das geht nur mit einer Anpassung an den Klimawandel“, fordert Azmi.

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Für viele Bauern ist es jetzt schon zu heiß, um etwas anzupflanzen

Aber es gibt Hoffnung: „Wir haben schon Ideen: Wir müssen dafür aber wissenschaftliche Daten sammeln. Und dann müssen wir die Bauern in die Entscheidungsfindung mit einbeziehen.“

Ansonsten würde es unbewohnbare Regionen im Nahen Osten und in Nordafrika geben. „Unsere Forschung hat gezeigt, dass wir in den Emiraten jetzt schon Bauern haben, die bei den vorherrschenden Temperaturen keine Landwirtschaft mehr betreiben können. Auch in Tunesien sind Bauern nicht mehr in der Lage, etwas anzubauen. Diesen Menschen fehlen aber oft die Möglichkeiten, ein anderes Leben zu führen oder umzuziehen.“ Sie verarmen.

Deswegen, so schließt Azmi, „brauchen wir endlich eine gute Finanzierung für die Bewältigung der Klimawandelfolgen in den armen Ländern. Die Öl-Multis haben über Jahrzehnte gut auf Kosten dieser Menschen verdient. Das ist eine andere Form der Kolonialisierung. Es ist extrem wichtig, dass jetzt ein Fonds eingerichtet wird, der Geld zurückzahlt.“

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(osc)