Wie krass ist das denn?

Ex-Hurrikan trifft Europa - die Story hinter dieser besonderen Wetterlage

von Paul Heger

Das Drehbuch für die kommenden Wettertage könnte kaum spannender sein: Ein ungewöhnlich später Hurrikan schnappt sich das Islandtief und prallt auf das erste winterliche Frost-Hoch Europas. Für viele Regionen und eben auch für uns in Deutschland wird das Wetter damit durchaus turbulent bzw. „endlich wieder spannend“! Was ist da los an unserem Himmel?

Oben im Video: So wirbelt Ex-Hurrikan NICOLE Europa durch

Was bisher geschah: Hurrikan Nicole zog als Tropensturm über US-Ostküste

11.11.2022, USA, Wilbur-By-The-Sea: Häuser sind beschädigt und eingestürzt, nachdem das Ufer, an dem sie standen, nach dem Durchzug von Hurrikan «Nicole» weggespült wurde. Foto: Rebecca Blackwell/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Der Hurrikan NICOLE hat in Florida heftig gewütet und große Schäden hinterlassen, wie diese Aufnahmen vom 11. November 2022 zeigen.

Am Donnerstag traf Hurrikan NICOLE in Florida (USA) auf Land. Das ist ungewöhnlich spät, denn die Hurrikansaison befindet sich im Ausklang. So manche in Florida hatten sicherlich bereits gehofft, dass der Wirbelsturm-Spuk vorbei ist. Florida wurde in diesem Jahr sehr heftig von Hurrikan IAN getroffen.

Kurz nach dem Auftreffen auf Festland schwächte sich der aktuelle Hurrikan NICOLE zu einem Tropensturm ab und zog entlang der US-Ostküste mit Sturm und Regen nach Nordosten. Er erreichte am Wochenende zunächst das kanadische Neufundland und letztendlich die atlantischen Gewässer vor Grönland. Hier beginnt die europäische Geschichte des nun „ehemaligen“ Hurrikans.

Wie beeinflussen Hurrikane unser Wetter in Europa und Deutschland?

October 16, 2017 - Portleven, Cornwall, UK - Portleven, UK. Huge waves batter the coastline at Portleven in Cornwall as the remnants of storm system Ophelia reaches the UK. The Met Office has issued an Amber weather warning, with a good chance that p
Am 16. Oktober 2017 prallte Ex-Hurrikan Ophelia auf Irland und Großbritannien und hinterließ wie hier in Portleven in Cornwall Schäden und Überflutungen. Bei uns in Deutschland wurden gleichzeitig bis zu 28 Grad gemessen.

Wirbelstürme vom Atlantik bzw. ihre Reste können unser Wetter in Europa und auch in Deutschland auf hauptsächlich zweierlei Art beeinflussen. Entweder werden sie zu einem Sturmtief und ziehen teils mit Unterstützung anderer Tiefdruckgebiete über Europa hinweg. Dabei können sie manchmal bis weit ins europäische Festland Sturmböen, ab und an auch Orkanwinde mit sich bringen. Dabei unterscheidet sich ihr Charakter aber nicht wirklich von einem „normalen“ Sturmtief – nur die Herkunft.

Zum anderen können Hurrikane oder deren Überbleibsel sich auch vor unseren Küsten breit machen und dort verharren. Nicht selten nehmen sie viel Energie auf ihrer Reise mit sich und befeuern damit die Bildung riesiger Sturmtiefs über dem Nordatlantik. Das kann die Küsten von Portugal über die Britischen Inseln bis nach Island gehörig aufmischen. Gleichzeitig liegen wir in Deutschland dann in einer nicht selten ungewöhnlich warmen südlichen Strömung.

Und klar: Es gibt auch die Fälle, wo die ehemaligen Wirbelstürme einsam über dem Atlantik verpuffen. Fast schon traurig, solch ein Ende. Mit diesem eher unspektakulären Fall haben wir es aber bei Ex-NICOLE nicht zu tun.

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Ex-Hurrikan NICOLE wird zu riesigem Sturmtief

Satellitenbild Europa und Atlantik vom Montag, 14. November 2022
Das Satellitenbild vom Montag (14. November 2022) zeigt den gewaltigen Wolkenwirbel, der von Grönland bis nach Frankreich reicht - eine Entfernung von rund 3.500 km!

Der Blick auf die Wetterkarten ließ zum Wochenwechsel staunen. Plötzlich ist da ein gigantisches Tiefdrucksystem mit einem Einflussbereich von Grönland bis nach Portugal und von den Azoren mitten im Atlantik bis nach Schweden – rund 3.500 mal 3.000 Kilometer groß. Möglich war das nur, weil der ehemalige Wirbelsturm NICOLE mit seiner Energie auf ein ohnehin schon kräftiges Islandtief traf. Von Sonntag zu Montag war dann das Riesentief geboren.

Schon am Montag gab es deswegen erste Sturmböen vom Nordwesten Spaniens bis nach Südnorwegen. Schwere Sturmböen, wenn nicht sogar Orkanböen stehen im Laufe der kommenden Stunden und Tage noch bevor. Die Sturmzone reicht von Frankreich über die Britischen Inseln bis nach Skandinavien. Aber auch wir in Deutschland werden gestreift.

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Sturm, Schnee und Glätte-Wetterlage mit ehemaligem Wirbelsturm

Archivbild: Blitzeis bei Zittau, Winterdienst im Einsatz
Paradox: Ausgerechnet ein ehemaliger tropischer Wirbelsturm könnte für große Glätte sorgen. das Zusammenspiel mit einem Hoch mit frostiger Luft macht es möglich. (Archivbild)

Ab Dienstag pustet im Westen Deutschlands teilweise kräftiger Wind. Auf den Bergen und an den Küsten wird es in den kommenden Tagen schwere Sturmböen geben. Diese Windlage entsteht durch das Gerangel zwischen dem Skandinavienhoch ERIK und Ex-Nicole über dem Atlantik.

Dabei wird es nicht nur recht nass zugehen. Wie oben beschrieben, gelangt aus Südwesten zwischendurch nochmal mildere Luft mit teils über 15 Grad zu uns. Aber es kommt noch dicker. Das Hoch ERIK hält mit eisiger Frostluft aus dem Nordosten Europas dagegen. Das Resultat ist eine Luftmassengrenze mit Frost, Schnee und womöglich auch gefrierendem Regen. Und dieser Schlamassel scheint zum Ende der Woche ausgerechnet über Deutschland stattzufinden.

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Wenn zwei sich streiten, ärgert sich die Dritte?

Archivbild: Unwetter am Mittelmeer
Unruhige Zeiten am Mittelmeer: Im Laufe der Woche drohen teils heftige Gewitter. (Archivbild)

Während nun also die Zankhälse Ex-NICOLE und ERIK genau bei uns ihren Streit austragen, lohnt sich Ende der Woche auch ein Blick zum Mittelmeer. Die Frostluft des Hochs ERIK kommt bei uns nicht so richtig nach Westen voran. Die Situation ist für das Winterhoch aber nur auf den ersten Blick ausweglos, denn die kalte Luft rutscht damit zum Mittelmeer. Auch die Ausläufer von Ex-NICOLE kommen hier an. Beide treffen dann auf das weiterhin energiereiche Mittelmeer.

Ab Freitag drohen mit diesem Energie-Cocktail vom spanischen Mittelmeer über Italien bis zur Ägäis und zur Türkei heftige Schauer und Gewitter. Unwetter sind durchaus möglich. Damit bekommt also auch die Mittelmeerregion ihr Fett weg.

Eines ist aber auch klar: Das, was wir da jetzt und in den kommenden Tagen erleben, ist ein deutlich normaleres Wetter als das der letzten Wochen. Der November bringt zwar häufig langweilige Nebel-Hochs, aber eben auch Stürme und die ersten turbulenten Vorstöße des Winters, die unser Wetter normalerweise so spannend gestalten.

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(phe)