Unser Wetter wird nicht mehr sein, wie es war

Golfstrom so schwach und lahm wie seit 1.600 Jahren nicht - mehr Hurrikans, mehr Hitzewellen, mehr Winterstürme

Wenn der Golfstrom versiegt, wird das Wetter nicht mehr sein, wie es über Jahrhunderte war.
Heftige Winterstürme und Hitzewellen sind uns mit der Abschwächung des Golfstroms so gut wie sicher. Wenn er ganz versiegt, sind die Folgen für Mensch und Natur noch völlig unabsehbar. © dpa, Michael Kappeler, mkx jai

Der Klimawandel bremst den Golfstrom aus

Noch nie in über 1.500 Jahren war der Golfstrom so schwach wie in den letzten Jahrzehnten. Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Irland, Großbritannien und Deutschland. Ganz besonders schlapp wurde die für das Europa-Wetter so wichtige Ozeanzirkulation im 20. Jahrhundert. Der Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel liegt auf der Hand. Das empfindliche Klimasystem im Nordatlantischen Raum droht zu kippen. Die katastrophalen Folgen sind im Grunde noch gar nicht absehbar.

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Das ist der Golfstrom

So wirkt sich der geschwächte Golfstrom auf unser Wetter aus

Die Folgen der Golfstrom-Abschwächung sind für die Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks enorm.

  • Zunahme von Extremwetterlagen in Europa: heftigere Winterstürme, extreme Hitzewellen, Abnahme der Sommerniederschläge
  • Anstieg des Meeresspiegels an der US-Ostküste und mehr Überschwemmungen
  • Zunahme von tropischen Wirbelstürmen im Golf von Mexiko

RTL-Meteorologe Björn Alexander beurteilt die Lage so:

„Durch die Abschwächung des Golfstroms könnte es im Bereich der Atlantischen Hurrikan-Saison mehr und vor allem stärkere Stürme geben. Denn durch den schwächer werdenden Golfstrom in Richtung Norden und Nordatlantik steht zu befürchten, dass sich die Meeresoberfläche in den tropischen Bereichen erwärmen. Und wärmeres Wasser bedeutet leider auch mehr Energie, die dann eben zur erhöhten Sturm- und Hurrikan-Aktivität führt.“

Warum ist der Golfstrom für Europa so wichtig?

Das warme Wasser im nordöstlichen Atlantik erwärmt auch die Luft in Mittel- und Nordeuropa. So herrschen hier im Winter relativ milde Temperaturen und im Sommer wird es auch weit in den Norden noch relativ warm. Auf der anderen Seite des Atlantiks ist das Klima bei gleichem Breitengrad, beispielsweise in Kanada, viel rauer, die Winter mit oft massenweise Schnee und Schneestürmen heftiger.

Der Golfstrom schwächelt -mit fatalen Folgen für Mensch und Natur auf beiden Seiten des Atlantiks.
Der warme Golfstrom hält Norwegens Fjorde eisfrei - ein perfektes Jagdrevier für Seeadler.

So funktioniert der Klimamotor Golfstrom

Der Golfstrom wirkt wie eine große Wärmepumpe auf der Nordhalbkugel. Er wird auch Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (englisch: Atlantic Meridional Overturning Circulation, kurz AMOC) genannt, da das Wasser von Süd nach Nord und wieder zurück ungefähr entlang der Längengrade der Nordhalbkugel ausgetauscht wird. Von Süden aus der Karibik fließt warmes und salzhaltiges Oberflächenwasser nach Norden bis zur norwegischen Küste. Auf dem Weg dorthin kühlt es ab und wird dadurch dichter. Wenn es schwer genug ist, sinkt das Wasser in tiefere Ozeanschichten ab und fließt zurück in den Süden.

So wird das Golfstrom-System kaputt gemacht

Die globale Erwärmung stört diesen Mechanismus: Durch vermehrte Niederschläge und das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes wird dem nördlichen Atlantik Süßwasser zugeführt. Dadurch sinkt dort der Salzgehalt und damit die Dichte des Wassers, was das Absinken hemmt und so die Strömung des Golfstromsystems schwächt.

Video: Björn Alexander erklärt das Golfstrom-System

Wie hat der Golfstrom sich verändert?

„Wir haben zum ersten Mal eine Reihe von früheren Studien kombiniert und festgestellt, dass sie ein konsistentes Bild der AMOC Entwicklung über die letzten 1.600 Jahre liefern “, erklärt Stefan Rahmstorf, Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK und Initiator der Studie, die in Nature Geoscience veröffentlicht wurde. „Die Studienergebnisse legen nahe, dass die AMOC Strömung bis zum späten 19. Jahrhundert relativ stabil war. Mit dem Ende der kleinen Eiszeit um 1850 begann die Meeresströmung schwächer zu werden, wobei seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein zweiter, noch drastischerer Rückgang folgte. “

Sogenannte Proxydaten halfen ihnen dabei, mehr über die langfristige Entwicklung des Golfstroms herauszufinden. Diese Zeugen der Vergangenheit werden aus natürlichen Umweltarchiven gewonnen, wie zum Beispiel Baumringen, Eisbohrkernen, Ozeansedimenten und Korallen sowie aus historischen Daten, z.B. Schiffslogbüchern.

Kälteblase im Atlantik: Weiteres Indiz für die Golfstrom-Schwächung

Golfstrom und Klimawandel: Hitzewellen und Eiszeit drohen
Golfstrom und Kälteblase im Atlantik: Entgegen der allgemeinen Erderwärmung bleibt diese Region kühler. © PIK, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung

Die Abschwächung wird auch mit einer einzigartigen deutlichen Abkühlung des nördlichen Atlantiks gebracht. Denn mittendrin im Klimawandel macht der nördliche Atlantik bei der globalen Erwärmung nicht mit. Diese sogenannte „Kälteblase" entsteht offenbar dadurch, dass weniger Wärme in die Region transportiert wird. Dem Golfstrom geht eben die Puste aus.

Auswirkungen der Kälteblase auf das Wetter in Europa

Die neue Kälteblase im Atlantik beeinflusst unser Wetter – das ist klar. Drei extreme Abweichungen vom gemäßigten Klima wurden bereits festgemacht.

  • Hitzewellen! Der Jetstream, der normalerweise das Wetter von Westen mit viel Feuchtigkeit zu uns bringt, wird von der Kälteblase südlich abgelenkt. Aus Südwesten kommt dann immer wieder die Hitze bis nach Nordeuropa.
  • In Nordeuropa nehmen die Sommerniederschläge ab und...
  • ...die Winterstürme zu.

„Wenn wir die globale Erwärmung auch künftig vorantreiben, wird sich das Golfstrom-System weiter abschwächen – um 34 bis 45 Prozent bis 2100, gemäß der neuesten Generation von Klimamodellen “, folgert Rahmstorf. „Das könnte uns gefährlich nahe an den Kipppunkt bringen, an dem die Strömung instabil wird.“ Die Folgen für Mensch und Natur sind noch gar nicht abzusehen.

Hitzewelle in Deutschland Die Sonne scheint am 06.08.2018 über einem Feld bei Bad Homburg., Bad Homburg Deutschland *** Heatwave in Germany The sun shines on 06.08.2018 over a field at Bad Homburg Bad Homburg Germany
Hitzewellen und Winterstürme schließen sich nicht aus. Der Golfstrom im Klimawandel kann beides mit sich bringen. © imago/Jan Eifert, Jan Eifert, imago stock&people

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