Der Gesundheitscheck unseres Planeten

Planetare Grenzen der Erde: In sechs von neun Bereichen sind die Belastungsgrenzen überschritten

von Oliver Hantke & Bernd Fuchs

Die Erde kränkelt. Eine neue Studie gibt einen detaillierten Überblick über die schwindende Widerstandsfähigkeit unseres Planeten. In sechs von neun Bereichen sind die planetaren Grenzen überschritten. Hier gibt es den Gesundheitscheck der Erde im Detail.
Im aktuellen Klima Update erläutert Bernd Fuchs, welche Gesundheitswerte der Erde schon besonders schlecht sind.

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Werte die die Belastungsgrenzen der Erde beschreiben

Die Erde hat genauso wie wir Menschen Gesundheitswerte. Bei ihr heißen diese allerdings planetare Grenzen. Und statt Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker und Eisenwerte hat die Erde neun Werte, die die Belastungsgrenzen unseres Planeten beschreiben sollen:

  1. Klimawandel (Co2-Konzentration, Strahlungsantrieb)
  2. Biosphäre
  3. Landnutzung
  4. Süßwassersysteme
  5. Biogeochemische Kreisläufe
  6. Ozeanversauerung
  7. Aerosolbelastung
  8. Ozonabbau
  9. Überladung mit neuartigen Stoffen

Sechs von neun planetaren Grenzen sind aktuell überschritten.
In sechs von neun Bereichen sind die planetaren Grenzen aktuell überschritten. (oberer Teil)
Sechs von neun planetaren Grenzen sind aktuell überschritten.
In sechs von neun Bereichen sind die planetaren Grenzen aktuell überschritten. (unterer Teil)

Nur drei der neun Belastungsgrenzen noch im grünen Bereich

Wissenschaftler haben sogenannte Belastungsgrenzen ermittelt. Also jeweils den Punkt, ab dem es für die Erde gesundheitsschädlich wird. Das erschreckende Ergebnis: In sechs der neun Kategorien ist der kritische Wert bereits überschritten! Im grünen Bereich sind wir nur noch bei der Versauerung der Ozeane, dem Feinstaub in der Atmosphäre und der Ozonschicht.

Die Grenze beim Feinstaub ist zwar noch nicht überschritten, allerdings kann es regional zu Überschreitungen kommen, z. B. in China und Südasien.

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Gesundheitscheck: In diesen sechs Bereichen ist die Erde schon sehr krank

Die zweite Aktualisierung der Planetaren Grenzen im September 2023 nach ihrer Einführung im Jahre 2009 enthält erstmals eine vollständige Überprüfung aller neun Prozesse und Systeme, welche zusammen die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Planeten bestimmen. Eine Grenzüberschreitung ist zwar nicht gleichbedeutend mit drastischen Veränderungen, die sofort sichtbar werden, sie markiert jedoch eine kritische Schwelle für erheblich steigende Risiken.

  • Klimawandel (Co2-Konzentration, Strahlungsantrieb)
  • Biosphäre
  • Landnutzung
  • Süßwassersysteme
  • Biogeochemische Kreisläufe
  • Überladung mit neuartigen Stoffen

Gesundheitscheck Nummer 1: Klimawandel (CO2-Konzentration, Strahlungsantrieb)

Das Klima wird durch äußere Antriebe, z. B. Sonnenaktivität, Umlaufzyklen und Wechselwirkungen zwischen den Komponenten des Erdsystems angetrieben und beschrieben. Die Klimakrise ist nicht nur in aller Munde, sie begleitet uns auch im täglichen Wetter weltweit.

Bei der CO₂-Konzentration gelten 280 ppm CO₂ als der vorindustrielle Wert. 350 ppm, das entspricht mittelfristig etwa einem Grad Temperaturerhöhung, werden als erste Grenze definiert. Danach beginnt eine Zone wachsender Risiken, die ab 450 ppm – was etwa einem Temperaturanstieg um zwei Grad entspricht – als Hochrisiko-Bereich bewertet werden. Im Jahr 2023 lagen wir bei einem Jahresmittelwert von knapp 419 ppm.

Klimawandel ist einer der drei Bereiche, die nicht nur die planetare Grenze, sondern auch die Hochrisiko-Linie schon überschritten hat.

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Gesundheitscheck Nummer 2: Biosphäre

Die Analyse ergab auch bei der Biosphäre eine Überschreitung, welche schon seit dem späten 19. Jahrhundert besteht, als die Land- und Forstwirtschaft weltweit stark ausgeweitet wurde. Hier wird in funktionaler Integrität und genetischer Vielfalt unterschieden, wobei beide über der Hochrisiko-Linie liegen. Die genetische Vielfalt ist schon extrem betroffen. Wir entnehmen zu viel Biomasse, zerstören zu viele Lebensräume und entwalden zu viele Flächen.

Biosphäre ist einer der drei Bereiche, die nicht nur die planetare Grenze, sondern auch die Hochrisiko-Linie schon überschritten hat.

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Gesundheitscheck Nummer 3: Landnutzung

Bei den Veränderungen der Landnutzung werden die Waldteile verschiedener Klimazonen betrachtet. Hier sind wir noch knapp unter der Hochrisiko-Linie, aber die planetare Grenze ist deutlich überschritten.

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Planetare Grenzen - Der Gesundheitscheck der Erden
Planetare Grenzen - wie krank ist unsere Erde?

Gesundheitscheck Nummer 4: Süßwassersysteme

Die Grenze für Süßwasser bezieht sich nun sowohl auf sogenanntes „grünes“ Wasser (das in landwirtschaftlichen und natürlichen Böden und Pflanzen enthalten ist) als auch auf „blaues“ Wasser (das Wasser der Flüsse, Seen usw.). Beide dieser Grenzen sind überschritten, liegen aber noch unter der Hochrisiko-Linie.

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Gesundheitscheck Nummer 5: Biogeochemische Kreisläufe

Biogeochemische Flüsse spiegeln anthropogene Störungen der globalen Stoffkreisläufe wider. Derzeit werden Stickstoff (N) und Phosphor (P) berücksichtigt, da diese beiden Elemente grundlegende Bausteine des Lebens darstellen und ihre globalen Kreisläufe durch Landwirtschaft und Industrie deutlich verändert wurden.

Sowohl für N als auch für P ist die anthropogene Freisetzung reaktiver Formen an Land und in den Ozeanen von Interesse, da veränderte Nährstoffflüsse und Elementverhältnisse tiefgreifende Auswirkungen auf die Zusammensetzung von Ökosystemen und langfristige Auswirkungen auf das Erdsystem haben. Einige der heutigen Veränderungen sind nur auf evolutionären Zeitskalen zu sehen, während andere bereits Auswirkungen auf die Integrität des Klimas und der Biosphäre haben. Die Hochrisiko-Linie ist in beiden Kreisläufen deutlich überschritten.

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Gesundheitscheck Nummer 6: Überladung mit neuartigen Stoffen

Zum ersten Mal wurde die Grenze ‘Einbringen neuartiger Stoffe’ quantifiziert. Die Bewertung zeigt, dass sie überschritten ist. Neuartige Stoffe umfassen den Eintrag aller neuartigen, vom Menschen erzeugten chemischen Verbindungen in die Umwelt, z. B. von Mikroplastik, Pestiziden oder Atommüll.

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Sind planetare Grenzen das gleiche wie Kipppunkte?

Nein, Kipppunkte sind Schwellenwerte, ab denen bestimmte kritische, großräumige Komponenten des Erdsystems (Kippelemente) in einen qualitativ neuen Zustand gekippt werden können, der oft durch weitreichende Veränderungen der Bedingungen auf der Erde gekennzeichnet ist.

Planetare Grenzen hingegen sind Abgrenzungen, bei denen verschiedene Risiken über ein sicheres Niveau/Grenze hinausgehen. Ein solches Risiko kann sanft und allmählich, ohne Schwellenwerte ansteigen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass die planetare Grenze in bestimmten Fällen so eingestellt ist, dass sie das Erreichen eines Kipppunktes vermeidet.

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Unterscheidung in sichere und gerechte Grenzen

  • Sichere Grenzen
    Sie sollen für stabile und widerstandsfähige Bedingungen auf der Erde sorgen. Dabei fokussieren sich die Grenzen an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über Klimakipppunkte.

  • Gerechte Grenzen
    Hierbei soll künftig auf die Gefährdung des Menschen durch schwerwiegende, irreversible Schäden eingegangen werden. Beispiele hierfür sind mangelnde Wasser- oder Ernährungssicherheit, oder Tod beispielsweise durch eine Naturkatastrophe.

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(oha, bfu)