Weniger Stürme, mehr Schnee und Eis

Klimawandel stört Polarwirbel: Wir bekommen kältere Winter

Klimawandel - Sibirien und die Polarregionen lassen grüßen

Es klingt erst einmal abwegig. Aber der Klimawandel könnte uns im Winter kältere Temperaturen bescheren statt wärmere. Zumindest aber scheinen Vorstöße kalter Polarluft oder sogar von sibirischer Eisluft wahrscheinlicher zu werden. Hauptgrund ist der Polarwirbel, der im Winter 2020/2021 so aus der Form geraten war wie selten zuvor. Wenn dieser Zustand sich in den nächsten Wintern wiederholt, dann stünde das Tor nach Norden oder sogar nach Osten weit offen, so RTL-Meteorologe Björn Alexander. Kaltluftvorstöße würden somit wahrscheinlicher. Und das nicht trotz, sondern gerade wegen des Klimawandels.

Oben im Video: Winterliche Wetterextreme bis weit in den Süden - Athen im Tiefschnee

Die Geschichte des ungewöhnlichen Winters 2020/2021

RTL-Meteorologe Björn Alexander: „Schon früh zeichnete sich ab: Der Winter 2020/2021 nimmt andere Bahnen als die Winter in den vergangenen Jahren. Die arktische Meereisfläche konnte sich nach dem Sommer kaum regenerieren. Dabei sind doch gerade La Niña-Ereignisse wie im letzten Jahr eigentlich ein Vorzeichen für eher etwas kühlere Phasen. Auf der anderen Seite leiden eben gerade die Polregionen unter den Folgen des Klimawandels. Im Vergleich zu den gemäßigten und den tropischen Regionen macht sich hier der Klimawandel nämlich wesentlich gravierender bemerkbar.”

RTL-Meteorologe über den Polarwirbel und den Klimawandel

Das Bild zeigt den RTL-Meteorologen Björn Alexander
RTL-Meteorologe Björn Alexander

WACCy - Wenn das Wetter verrückt spielt

Björn Alexander: „Der Winter nahm besonders in den arktischen Regionen einen „verrückten” Verlauf. Das englische Wort WACCy beschreibt das Phänomen, das für eine besondere Temperaturverteilung steht: Warm Arctic, Cold Continents. Spasseshalber wird noch das y angehängt. Also verrückt. Und verrückt war eben, dass auf der einen Seite die arktischen Regionen relativ gesehen viel zu mild waren, während große Teile Sibiriens in eine extrem Eiszeit steuerten. In der Fläche mit extremen Wintertemperaturen unter minus 35 Grad.”

Winter 2020/2021: Sibirien extrem kalt

News Bilder des Tages OMSK, RUSSIA - JANUARY 24, 2021: A digital board displays the current time, date and air temperature in the Siberian city. The temperature has plummeted below -36C -32.8F in Omsk and settled at -43C 45.4F across the region. Yevg
Eiswinter selbst in Omsk mit -34 Grad!

Der Polarwirbel 2020/2021: Antriebslos wie selten

Alexander: „Ein starker Polarwirbel bringt uns häufig westliche Winde. Die sind in der Regel eher wenig winterlich und haben höchstens im Bergland Schnee im Gepäck. Jedoch gerade im Winter 2020/2021 fehlte der Hauptantrieb des Polarwirbels aufgrund des relativ milden Polarbereichs. Die Folge war unter anderem, dass wir in den letzten Monaten kaum richtige Herbst-und Winterstürme erlebt haben. Und dass der kollabierende Wirbel am Ende sogar zerfiel. Ein lupenreiner Polarwirbel-Split.”

Geteilt und in Fahrt: Die zwei Seiten des Polarwirbels

Die Darstellung zeigt einerseits einen intakten, andererseits einen geteilten Polarwirbel.
Der Polarwirbel ist ein riesiges Tiefdruckgebiet in der höheren Atmosphäre rund um die Polregionen. Links ist er intakt. Auf der rechten Seite ist er gestört. So sieht ein Polarwirbel-Split aus.

Der Polarwirbel-Split ließ sibirische Kaltluft zu uns kommen

„Schlussendlich eröffnete der Polarwirbel-Split bei uns die Kaltluft-Rutsche aus Nordost-Europa und anschließend sogar nach Sibirien. Ein Wintereinbruch wie wir ihn im Norden und der Mitte Deutschlands seit den Wintern 2011 und 2012 nicht mehr erlebt haben. Der Märzwinter 2013 ereilte uns ebenfalls im Anschluss an einen Polarwirbel-Split. Und auch in diesem Jahr ist die der Märzwinter - je nach Wettermodell - nicht ganz auszuschließen. Das liegt allerdings weniger am Split, sondern vielmehr an der Lage des inzwischen leicht erholten Polarwirbels. Und was so ein aus der Form geratener Kaltluftkörper anrichten kann, das erleben die Menschen derzeit in weiten Teilen der USA. Hier ist die arktische Kaltluft kurz mal runter bis nach Texas geschwappt und sorgt für eine historische Kältewelle.”

Bringt der Klimawandel auch uns im Endeffekt wieder häufiger massive Wintereinbrüche?

„Der Klimawandel schwächt unterm Strich den Polarwirbel. Die westlichen Winde könnten somit in den kommenden Wintern insgesamt weiterhin eher weniger ausgeprägt sind und dadurch würde gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit von Kaltlufteinbrüchen im Winter größer. Trotz oder gerade wegen des Klimawandels. Zumal es bei einem geschwächten Wirbel darüberhinaus öfter mal Winde von Nord nach Süd geben könnte. Oder - wie im Falle des Polarwirbel-Splits 2021 - sogar die komplette Strömungsumkehr, also trocken-kalte Hochwinterluft aus östlichen bis nordöstlichen Richtungen.”

Der Februar 2021 hat auch bei uns mal sibirische Luft gebracht

Was für ein Wintermärchen nach einer chaotischen Wetterwoche in Deutschland. Anfang der Woche gab es erst ein Schneechaos, bis heute hatte man mit den Folgen der intensiven Schneefälle noch zu kämpfen. Danach folgte die eisige Kälte.
Nachdem der Schneefall gekommen warm, zeigte sich der Februar 2021 zwar zwischenzeitlich eiskalt, aber auch wunderschön.

Was sind die Folgen des Klimawandels für den Polarwirbel?

Die Fakten im Überblick:

  • Der Polarwirbel war im Winter 2020/2021 extrem gestört
  • Grund ist die zunehmende Erwärmung der arktischen Bereiche
  • Hierdurch sind die Temperaturunterschiede auf der Nordhalbkugel geringer
  • Am Ende folgte sogar ein Polarwirbel-Split mit eiskalter Sibirienluft bis zu uns nach Deutschland
  • Solche Wetterlagen könnte trotz oder gerade wegen des Klimawandels in den nächsten Wintern wahrscheinlicher werden

Unsere Wettertrends und Langfristprognosen

Sollten Sie Interesse an weiteren Wetter-Themen haben, so können wir Ihnen den 7-Tage-Wettertrend ans Herz legen mit der Wetterprognose für die kommende Woche. Dieser wird täglich aktualisiert. Falls Sie weiter in die Zukunft schauen möchten, ist der 42-Tage-Wettertrend eine Option. Dort schauen wir uns an, was auf uns in den kommenden Wochen zukommt. Vielleicht brauchen Sie aber auch unsere Langfristprognose von ECMWF und NOAA.

Damit Sie auch unterwegs kein Wetter mehr verpassen, empfehlen wir unsere wetter.de-App für Apple- und Android-Geräte.

Wetter und Klima in der Mediathek

Mega-Hitze und große Trockenheit - und viele fragen sich: Wird Deutschland bald zum Wüstenstaat? Wie viele Dürre-Sommer hintereinander können wir eigentlich noch verkraften? Hier geht es zur DOKU - Wüstenstaat Deutschland?

Wir sind Wetter

Egal, ob es regnet, schneit oder die Sonne brennt, wir finden Wetter gut. Wir, das ist ein Team aus Meteorologinnen und Meteorologen, Redakteurinnen und Redakteuren, Grafikerinnen und Grafikern, sowie die Moderatorinnen und Moderatoren, die Hand in Hand aus den aktuellsten Wetterdaten Wetterberichte, Prognosen und Trends erstellen. Wir arbeiten um das Wetter mit viel Know How punktgenau vorherzusagen, interessante Wetter- und Klimageschichten zu finden und um Sie rund um die Uhr zu informieren und zu unterhalten. Damit das Wetter aus erster Hand direkt bei Ihnen landet.