"Situation ist noch schlimmer als erwartet"

Folgen der Hitze in Europa: Waldbrände, Trockenheit, Niedrigwasser

von Carlo Pfaff und Zarah Reinders

Die Folgen der Hitzewelle haben Europa fest im Griff: Hektarweise verbrannter Wald, die Kühlung einiger Kraftwerke ist in Gefahr und Niedrigwasser führt zur Überhitzung von Flüssen und Seen. Wir geben einen Überblick über die Situation in Deutschland und Europa.

Mehr als 500.000 Hektar Fläche in Europa verbrannt

Laut dem Europäische Waldbrandinformationssystem (Effis) haben die Feuer in Europa schon jetzt mehr Fläche verbrannt als 2021. Insgesamt seien in der Europäischen Union seit Jahresbeginn etwa 517.881 Hektar Fläche verbrannt. Allein in Spanien haben die Flammen mindestens 80.000 Hektar Wald zerstört, so zuständige Behörden. Zum Vergleich: Berlin ist etwa 89.000 Hektar groß. "Die Situation ist noch schlimmer als erwartet, auch wenn wir dank der langfristigen Vorhersagen mit Temperaturanomalien gerechnet haben", sagte Effis-Koordinator Jesús San Miguel der Nachrichtenagentur AFP.

Satellitenbilder Spanien, Waldbrand, 14.07.2022
Satellitenaufnahmen vor und nach einem Waldbrand in der Provinz Salamanca in Spanien.

Waldbrände wüten noch immer

In Griechenland bedroht ein großer Brand derzeit den Dadia-Nationalpark. Vier Hubschrauber, vier Löschflugzeuge und die Besatzungen von 65 Löschfahrzeugen seien im Einsatz, teilte die griechische Feuerwehr mit. Der Großbrand im Nordosten von Athen sei am Mittwoch dagegen zum Teil unter Kontrolle gebracht worden. Eine Entwarnung könne aber noch nicht gegeben werden.

In Slowenien scheint sich die Lage ebenfalls nicht zu verbessern. Vier Dörfer mussten bereits evakuiert werden, da die Flammen bedrohlich nahe an die Siedlungen herangerückt waren. Neben vier slowenischen Helikoptern bekämpften Hubschrauber aus Kroatien, Österreich und der Slowakei die Flammen aus der Luft.

In Spanien und Frankreich seien die meisten Feuer nach Angabe der zuständigen Behörden bald unter Kontrolle. In Frankreich dürften die evakuierten Einwohner südlich von Bordeaux zudem langsam zurück in ihre Häuser.

Auch in Deutschland, in Iserlohn und Sundern, entspannt sich die Lage. In Sundern wurde die Brandwache offiziell beendet. Auch in Iserlohn könnte bald entschieden werden, die Brandwache zu beenden, teilte ein Sprecher der Feuerwehr am Freitagmorgen mit.

Auch die Behörden in Portugal, Italien und der Türkei kämpfen teils gegen schwere Waldbrände.

Niedrigpegel in Seen und Flüssen

Die anhaltende Trockenheit in Deutschland und Europa sorgt für niedrige Pegel in Flüssen und Seen. Bereits Anfang vergangener Woche haben die Stadt Frankfurt und der Main-Taunus-Kreis die Wasserentnahme aus Flüssen und Bächen verboten. In Panketal bei Berlin hat sich die Lage soweit verschärft, dass die Wassernutzung eingeschränkt wurde. In der Zeit von 17 bis 21 Uhr ist unter anderem die Bewässerung von Gärten verboten. „Die Panke ist in den letzten Jahren immer wieder trockengefallen, aber diesen Sommer ist es so schlimm wie noch nie. Die Panke ist fast komplett ausgetrocknet, “ erklärt der Bürgermeister der Gemeinde Panketal, Maximilian Wonke, in der Zeit. In Folge des Klimawandels werden solche Hitzeperioden häufiger vorkommen. Städte und Gemeinden können verschiedene Maßnahmen ergreifen, um den Folgen schon jetzt entgegenzuwirken.

Den Atomkraftwerken geht das Wasser aus

Auch der Wasserpegel des Rheins ist weiter gesunken. Ein schlechtes Omen für die Energieversorgung und die Industrie. Denn viele Unternehmen kühlen ihre Kraftwerke und Anlagen mit Wasser aus dem Rhein und seinen Nebenflüssen.

In Frankreich, Italien, Spanien und Belgien mussten Kraftwerksbetreiber die Stromerzeugung bereits herunterfahren. In Frankreich hat der Konzern EDF in den vergangenen Tagen die Produktion der beiden Atomkraftwerke Golfech und Tricastin zeitweise gedrosselt – und vor ähnlichen weiteren Einschränkungen gewarnt. Denn die AKWs brauchen große Mengen Kühlwasser.

In Italien mussten drei Gaskraftwerke vorübergehend den Betrieb einstellen – ebenfalls wegen Mangel an Kühlwasser. Die Wasserkraftwerke produzierten landesweit laut „Energy-Charts“ im Juni 37 Prozent weniger Strom als im Vorjahresmonat. In Spanien betrug das Minus im Juni 35 Prozent und in Portugal produzierten die Wasserkraftwerke in diesem Juni sogar 75 Prozent weniger.

Wegen der Hitze ist auch in Belgien die Kapazität der Atommeiler Doel 1 und Doel 2 bei Antwerpen um die Hälfte reduziert worden. Es bestehe die Gefahr, dass das Kühlwasser zu warm werde, teilte der Betreiber Engie mit, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete.

Überhitzung von Seen und Flüssen

Eine weitere Folge der niedrigen Pegelstände ist die mögliche Überhitzung von Flüssen und Seen. Wegen hoher Wassertemperaturen hat das rheinland-pfälzische Umweltministerium am Donnerstag bereits eine erste Warnstufe ausgerufen. Die Temperaturen des Rheins sowie anderer Fließgewässern hätten die 25-Grad-Marke bereits überschritten.

Ein Problem: Die Hitze und viel Sonne begünstigen das Wachstum von Blaualgen. Diese können diverse Giftstoffe produzieren und zu Sauerstoffmangel im Wasser führen. In der Mosel wurde bereits ein erhöhter Anteil von Blaualgen gefunden. Laut Biologin Julia Kleinteich von der Bundesanstalt für Gewässerkunde liege die Konzentration noch unter der kritischen Grenze. „Ich gehe aber davon aus, dass sie wahrscheinlich in den nächsten Tagen erreicht wird“, so Kleinteich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Es aber starke regionale Unterschiede.

In Tschechien haben der Sauerstoffmangel durch Blaualgen bereits ein Massensterben von Fischen ausgelöst. Dutzende Tonnen wurden aus der Thaya im Süden des Landes geborgen. Ähnlich die Situation im Zicksee in Österreich. Das Gewässer ist laut lokalen Medienberichten nur noch rund 20 Zentimeter tief. Um die darin lebenden Fische zu retten hat der zuständige Bürgermeister Sportfischer aus der Umgebung um die Abfischung gebeten. Die Tiere wurden in umliegende Teiche umgesiedelt. Es handle sich vor allem um Karpfen, Zander und Hechte.

Tote Fische im Zicksee in Österreich am 19.Juli 2022
Die anhaltende Hitze lässt den Zicksee im burgenländischen Seewinkel austrocknen. Die noch lebenden Fische werden nun umgesiedelt.

Wie geht es weiter?

„Wir brauchen dringend Regen. Im gesamten Juli sind bisher nur rund ein Viertel der üblichen Niederschlagsmengen gefallen“, so wetter.de-Meteorologe Carlo Pfaff über die Trockenheit in Deutschland. In den kommenden Tagen ist hier zudem nur mit einzelnen Schauern zu rechnen. Auch am südlichen Mittelmeer wird es bis Ende des Monats kaum Regen geben. „Einzelne Schauer und Gewitter werden auftreten, aber kein flächendeckender Regen.“ Hinzu kommt, dass sich die Wetterlage Anfang August wiederholen könnte, mit Temperaturen zwischen 30 und 35 Grad. Mit Abkühlung rechnet der Meteorologe erfahrungsgemäß erst ab Mitte August.

In der Zukunft werden solche Hitze-Sommer wohl normal werden. Experten rechnen sogar mit

Temperaturen bis zu 50 Grad in Frankreich.

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(apf, zre mit dpa)