Was wir jetzt wirklich tun müssen

Nahrungsmittelkrise durch Ukraine-Krieg: Müssen wir jetzt alle Vegetarier werden?

von Oliver Scheel

Schon jetzt leiden etwa 800 Millionen Menschen an Hunger – alle dreizehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen des Hungers. Und mit dem Krieg in der Ukraine wird sich diese Situation noch dramatisch verschlechtern. Denn die Ukraine und Russland sind wichtige Exporteure von Getreide – beim Weizen etwa machen sie gemeinsam ein Drittel der globalen Exporte aus. Nun ist zu erwarten, dass es durch den Krieg zu einem massiven Rückgang der Getreideproduktion in der Ukraine kommt. Und möglicherweise setzt Russland sein Getreide als eine Art geopolitische Waffe ein.

Was können wir also tun? Um angesichts der bedrückenden Lage etwas Hoffnung zu verbreiten: Wir können eine ganze Menge tun – und wir müssen dafür nicht alle auf unser Stück Fleisch verzichten.

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Vegetarische Ernährung ist ein Schlüsselfaktor

Milchkühe auf einem Hof bei Osnabrück (Niedersachsen) in ihrer Stallung und fressen Mischfutter.
Besser, wir essen das Getreide und nicht die Tiere. Massentierhaltung ist angesichts der drohenden Ernährungskrise der falsche Weg.

Einige werden sich an dieser Stelle vielleicht fragen, was hat denn das Getreide mit Fleisch und vegetarischer Ernährung zu tun? Die Erklärung ist einfach: Etwa 20 Prozent des Weizens landen im Trog von Kuh und Schwein. Bei allem Getreide zusammengenommen wird fast die Hälfte der weltweiten Jahresproduktion als Tierfutter benutzt.

Um also eine Hungerkrise abzuwenden, hilft es, das Getreide selbst zu essen und es nicht vorher durch Schweine- und Kuhmägen zu jagen, um dann deren Fleisch zu verzehren. „Der übermäßige Konsum tierischer Lebensmittel ist weder gesund noch nachhaltig, und dessen Verringerung ist ein Kernbestandteil einer auf Nachhaltigkeit und Gesundheit beruhenden Ernährungswende“, sagt Dr. Marco Springmann von der Oxford Martin School in England.

Und weiter: „Eine Verringerung der Produktion und des Konsums tierischer Lebensmittel, insbesondere in europäischen Ländern mit vielfach zu hohem Konsum wäre eine geeignete Maßnahme, um die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Ernährungssicherheit abzufedern.“

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Weniger Fleisch ist eine Frage der Solidarität

Weniger Fleisch würde helfen
Weniger Fleischkonsum in Europa kann eine Hungersnot in Afrika lindern.

Wenn wir in Europa also weniger Fleisch essen würden, könnten wir eine weltweite Hungerkrise abfedern. Denn in Europa droht uns keine Hungerkrise. Die Brennpunkte des Hungers liegen in Afrika südlich der Sahara und im Nahen Osten. Große Teile des Weizens aus der Ukraine landen in nordafrikanischen Staaten wie Ägypten und Marokko, aber auch in der Türkei. Hier könnte es dann zu wirklich brenzligen Engpässen kommen.

„Wir verwenden im Moment einen großen Teil der Getreideproduktion für Futtermittel, um preisgünstiges Fleisch zu exportieren. Es ist damit zu rechnen, dass aufgrund der gestiegenen Futtermittelkosten Fleisch teurer wird. Es ist die Frage, inwieweit wir in den reichen Industriestaaten unseren Fleischkonsum auf dem Niveau aufrechterhalten wollen, während das Getreide am Weltmarkt als Lebensmittel fehlt“, fragt Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Uni Rostock.

Es ist also eine Frage der Solidarität. Wenn wir wenigstens zeitweise den Fleischkonsum senken, können wir vielleicht ein Leben in der Sahelzone retten.

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Was noch: Ist Biosprit klug?

Russland, Tbilisskaya: Landwirte ernten mit ihren Mähdreschern Weizen auf einem Weizenfeld in der Nähe des Dorfes Tbilisskaya in Russland. Der Krieg in der Ukraine hat die Preise für Weizen weltweit in die Höhe getrieben. Foto: V
Weizenernte in Russland - ohne das Getreide aus Russland und der Ukraine wird es eng.

Etwa 9 Prozent der Erntemenge aus der Pflanzenproduktion geht für die Herstellung von Bioethanol drauf und landet also im Tank. Das muss nicht sein. „Es gibt mehr als genug Nahrungsmittel, um die Welt zu ernähren, auch jetzt bei diesem Krieg. Allerdings wird das Getreide an Tiere verfüttert, als Biokraftstoff verwendet oder einfach verschwendet, anstatt hungrige Menschen zu ernähren", so Sabine Gabrysch, Forscherin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

„In Europa und anderen Teilen der Welt sollten wir versuchen, dieses Jahr möglichst viel Getreide und Ölsaaten zu produzieren,“ rät Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Uni Bonn. Denn: Je mehr wir hier ernten, desto mehr Regenwald wird vor der Rodung gerettet.

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Lebensmittelverschwendung beenden: Esst, was ihr kauft!

Lebensmittel liegen in einer Mülltonne in Frankfurt (Oder)(Foto vom 13.03.2012). Verbraucher in Bayern werfen jedes Jahr 65 Kilo Lebensmittel wegFoto: Patrick Pleul/dpa  +++(c) dpa - Bildfunk+++
Wir müssen das Essen, das wir kaufen, auch essen. nicht wegwerfen.

Ein riesiger Faktor bei der Ernährung angesichts des nun tobenden Krieges vor unserer Haustür ist die Lebensmittelverschwendung. Die Zahlen sind verrückt, denn die Menge an vergeudetem Weizen allein in der EU entspricht etwa der Hälfte der Weizenexporte der Ukraine. Ein Wahnsinn.

Mike Berners-Lee hat in seinem Buch „There is no Planet B“ ausgerechnet, dass wir die Menge an Kalorien einfach wegwerfen, die es benötigt, um alle Menschen in China und Amerika zu ernähren. Hier sehen wir das enorme Potenzial. Zwei Drittel der vergeudeten Menge fällt übrigens schon bei der Ernte und der Lagerung an. 20 Prozent der Verschwendung steuern wir Konsumenten bei. Es sind hier vor allem die Menschen in den Industrieländern, die Essen wegwerfen.

Und nicht zuletzt: Bei einer Steigerung der Produktion von Hülsenfrüchten und einer ökologischen Landwirtschaft könnte die Welt ihre Abhängigkeit von russischem Stickstoffdünger und Erdgas verringern.

Es gibt also einen ganzen Maßnahmenkatalog, mit dem wir einer weltweiten Hungerkrise entgegenwirken können. Kurz zusammengefasst, hier ist das Wichtigste: Verzicht auf Fleisch, weniger Getreide für Biosprit und einfach das Essen essen und nicht wegwerfen.

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(osc)