Tausendsassa auf der Wetterbühne

Eiskalt bis brühwarm - das alles kann der Winter in Deutschland

von Paul Heger

Der Winter in Deutschland ist die abwechslungsreichste Jahreszeit. Mal fällt er so mild aus, dass in manchen Regionen überhaupt kein Schnee liegt. Ein andermal friert und schneit ganz Deutschland ein und das über viele Tage hinweg. Mal ist er trocken und sonnig, mal bringt er uns Dunkelheit und krasse Hochwasser. Vom Schneechaos bis zu Frühlingsgefühlen ist also alles drin. Wir schauen auf die Daten und Fakten.

Schnee im Winter: Wann wird es in Deutschland weiß?

Meteorologisch beginnt der Winter mit dem 01.12. Dabei fällt zu dieser Zeit rein statistisch oft noch gar kein Schnee. Erst Mitte Dezember gibt es häufig die erste Schneedecke, entlang des Rheins und in Norddeutschland im Schnitt erst zum Jahreswechsel, im Emsland sogar erst in der ersten Januarhälfte – wenn überhaupt! Einzelne Jahre können krasse Ausreißer produzieren. So lag im Winter 2021/22 in den Niederungen im Westen und im Winter 2019/20 im Norden überhaupt kein Schnee.

Dagegen gab es Winter wie 2010/11 oder 2012/13, in denen es in der Summe bundesweit mindestens zwei Wochen lang eine Schneedecke gab – im BRD-Schnitt rund 45 Tage. Besonders heftig war der Winter 1969/70, in dem von der Ostsee bis zu den Alpen mit nur wenigen Ausnahmen 3 Monate lang eine Schneedecke vorhanden war. Dieser Extremwetter brachte selbst am Rhein meist 25 bis 50 Schneetage zustande.

Die Anzahl der Schneetage sagt dabei nichts über die Schneehöhe aus und große Schneemengen muss es nicht nur im Bergland geben. Gerade die Regionen von Schleswig-Holstein bis zur Oder bekommen immer wieder große Schneehöhen. Setzen sich eisige Nordostwinde durch, produzieren diese über der Ostsee zahlreiche Schneeschauer. Am 3. Februar 2010 wurden in der Nähe von Rostock (Groß Lüsewitz) beispielsweise 78 cm Schnee gemessen. Unvergessen bleibt die Schneekatastrophe des Winters 1978/79 mit beispielsweise 120 cm Schnee in Bergen auf Rügen und heftigen Verwehungen.

Lese-Tipp: Häuser bis zur Dachkante unter Schnee versunken – die Schneekatastrophe von 1978/79

Eis und Frost: So kalt wird es in Deutschland

ARCHIV - 31.12.1978, Schleswig-Holstein, Cuxhaven: Ein Autofahrer steht neben seinem am Straßenrand im Schnee stecken gebliebenen VW-Käfer, aufgenommen bei Cuxhaven am 31.12.1978. Der Temperatursturz vom 29. Dezember 1978 führte in Norddeutschland, d
Schneechaos im Winter 1978/79. Dieser Winter gilt vor allem in Norddeutschland als der härteste seit dem 2. Weltkrieg.

Kippt die Strömung in Europa auf Nordost, wird es kalt. Friert diese Wetterlage ein, friert auch Deutschland regelrecht ein. Die tiefsten Werte liegen bei unter minus 35 Grad! Gemessen wurden solche Werte abgesehen von der Zugspitze in Marienburg in Sachsen und in Wasserburg und Waldsassen in Bayern. Die niedrigsten Werte werden dabei nicht unbedingt auf den Bergen, sondern in hochgelegenen Tälern registriert.

Kältester Wintermonat ist übrigens der Januar mit einer Tagesdurchschnittstemperatur – also Nacht- und Tageswerte zusammengefasst – von -0,5 Grad (Klimamittel von 1961 bis 1990). Besonders die zweite Monatshälfte ist im Mittel eisig. Von Mitte Januar bis Anfang Februar befinden wir uns deswegen auch im „Hochwinter“. Am kältesten war der Januar 1940 mit einer unglaublichen Mitteltemperatur von knapp -8,9 Grad! Der gesamte Winter 1939/40 war mit -4,9 Grad der drittkälteste. Rekordhalter ist der Winter 1962/63 mit einem Mittel von -5,4 Grad und damit einer Abweichung von -5,7 Grad gegenüber dem Klimamittel von 1961 bis 90!

Wie oben schon beschrieben, gibt es von Winter zu Winter riesige Unterschiede. Besonders wenn der Januar eher mild ausfällt, zieht der Februar oft eisig nach. So geschehen 1956 mit -9,6 im Monatsmittel. Das war der kälteste Wintermonat aller Zeiten mit durchschnittlichen Tiefstwerten um -15 und durchschnittlichen Höchstwerten um -5 Grad in ganz Deutschland.

Februar 2021: Türöffner für Kälte – Polarwirbel kann das Tor zur Eisluft öffnen

Kurze Eiszeit - Polarwirbel und Polarwirbel-Split im Februar 2021

Die Graphik zeigt die eiskalte Wetterlage, die uns im Februar 2021 den Vorstoß des Sibirien-Winters bis nach Deutschland brachte. Ausgehend von einem Polarwirbel-Split war der Weg für die Polarhochs und die sibirische Luft frei.
Die Wetterlage, die uns im Februar 2021 die Luft direkt aus Sibirien schickte. Der Polarwirbel-Split brachte am Rande der polaren Hochdruckgebiete richtige Eisluft nach Deutschland.

Rekordwärme sorgt für Frühlingsgefühle

Die Ausreißer in den Temperaturkeller sind im Winter besonders extrem und stellen die Ausreißer „nach oben“ in den Schatten. Aber außergewöhnlich warme Winter gab es eben auch und das schon immer, wie beispielsweise 1915/16, wo der Winter mit einer Durchschnittstemperatur von 2,8 Grad gegenüber dem Klimamittel von 1961 bis 90 knapp +2,5 Grad zu warm ausgefallen ist. Die wärmsten Winter finden wir aber dennoch in der jüngeren Geschichte. Rekordhalter ist der Winter 2006/07 mit 4,4 Grad im Mittel und einer Abweichung von +4,1 Grad gegenüber dem Klimamittel.

Der wärmste Monat des Winters ist der Dezember, der auf dem Kalender auch noch größtenteils noch zum Herbst gehört. Die Rekorde liegen hier bei Tageshöchsttemperaturen von über 20 Grad im Süden Deutschlands, der Bundesrekord liegt bei 24,0 Grad in Müllheim am Oberrhein im Jahr 1989. Aber auch der sonst gern eisige Januar produzierte mit Föhn schon bis zu 20,5 Grad in Piding am Alpenrand. Der Februar mutiert teilweise schon zum Frühlingsmonat mit einigen Rekorden zwischen 20 bis 23 Grad, vor allem zum Monatsende.

Lese-Tipp: Mehr als drei Grad zu warm - so sah einer der mildesten Winter aus

Extremwetter im Winter: Weihnachtstauwetter und besonders krasse Temperaturwechsel

Nun zeigen uns nicht nur unterschiedliche Jahre, was der Winter alles so kann. Schon innerhalb kürzester Zeit kann der Winter sein Gesicht komplett wandeln. Ein klassisches Beispiel: Das Weihnachtstauwetter. Das gibt es tatsächlich! Statistisch gesehen, wird es ungewöhnlich oft kurz vor oder genau zum Fest wärmer und die vorher eventuell gelegene Schneedecke taut.

Der Ursprung des großen Hin- und Her liegt in der Gegensätzlichkeit der Luftmassen über Europa. Der Atlantik und das Mittelmeer sind warm, der Kontinent kühl immer mehr ab, besonders zum Januar und Februar hin. Gibt es einen raschen und intensiven Wechsel in der Windrichtung, rutschen wir im Nu in den Dauerfrost und andersrum. Keine Jahreszeit kann krassere Temperaturschwankungen produzieren! Beispiel: Am Morgen des 14. Februar 2021 wurden in Göttingen noch -23,8 Grad gemessen, am 21. Februar +18,1 Grad – 41,9 Grad Temperaturanstieg in nur 7 Tagen. Nicht selten werden solche Wetterwechsel von heftigen Schnee- und Regenfällen sowie Glatteis begleitet.

Winter beendet Trockenheit und Dürre in Europa

News Bilder des Tages Tristesse in der Altstadt von Freudenberg, einem beliebten Touristenziel, Reiseziel in Suedwestfalen. Die Fachwerkhaeuser spiegeln sich in einer Pfuetze Winter im Siegerland am 03.02.2022 in Freudenberg/Deutschland. *** Drearine
In den deutschen Wintern regnet es mittlerweile mehr als dass Schnee fällt.

Damit sind wir bei den Wettererscheinungen. In Zeiten von Sommerdürren wird hoffnungsvoll auf die Winter geblickt. Zwar fallen im Sommer die großen Tagesniederschläge, im Winter gibt es aber den für den Boden wichtigen Landregen oder zumindest wiederkehrende Schauer-Wetterlagen. Dezember und Januar bringen mit knapp 70 und knapp 60 Liter pro Quadratmeter im Deutschlandschnitt den meisten Regen und beenden meist die Dürrelage aus dem Sommer und Herbst. Der Februar ist der trockenste Wintermonat mit im Schnitt nicht mal 50 Litern.

Ausreißer gibt es natürlich auch hier wieder. Die Winter 1880/81, 1963/64 und 1971/72 waren die drei trockensten mit nur 67 bis 69 Liter pro Quadratmeter im Deutschlandschnitt – nur rund 40 Prozent vom Klimamittel 1961 bis 90 (175 Liter).

Hochwassersaison mit historischen Fluten

Ein Restaurantschiff liegt am 24.12.2012 am Rheinufer in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Der Pegel des Rheins steigt. Bedrohliche Werte erwarten die Hochwasserschützer aber nicht. Die großen Städte in NRW sind gerüstet. Foto: Foto: Martin Gerten/dp
Hochwasser am Rhein

Das andere Extrem sind sehr nasse Winter. Der Rekord liegt bei knapp 300 Liter pro Quadratmeter im Bundesmittel im Winter 1947/49. Am Alpenrand fielen damals örtlich über 1000 Liter Regen binnen drei Monate, aber auch in den Mittelgebirgen gab es 500 bis knapp 1000 Liter.

Schnell denkt man dann an Hochwasser. Ist es kalt genug, fällt das meiste als Schnee und taut idealerweise erst langsam. Besonders problematisch sind Wetterlagen, wo bereits viel Schnee liegt und massive Regenfälle zusammen mit einer deutlichen Erwärmung aufziehen. Solch eine Wetterlage hat erst im Februar 2020 für massive Überflutungen beispielsweise in Hessen gesorgt. 1993 („Weihnachtshochwasser“) und 1995 standen an Rhein und Mosel weite Landstriche unter Wasser und kosteten sogar Menschenleben. In der früheren Historie gab es in besonders kalten Wintern Hochwasser, weil die Flüsse derart vereist waren, dass sich das Wasser staute. 1783/84 sind dadurch große Schäden entlang des Rheins entstanden.

Lese-Tipp: Die größten Hochwasserkatastrophen der vergangenen 100 Jahre

Sturmsaison! Orkan- und Sturmtiefs ziehen über Deutschland

Nach dem Sturm ist alles anders", am Freitag (18.01.08) um 20.15 Uhr. Vor genau einem Jahr, am 18. Januar 2007, fegt der Orkan Kyrill in ganz Deutschland komplette Wälder weg. Mehr als 25 Millionen Bäume fall
Sturm Kyrill fegte Anfang Januar 2008 über Süddeutschland.

Und dann sind da noch die Stürme. Der Winter ist die Sturmsaison schlechthin, da die großen Temperaturunterschiede heftige Tiefdruckgebiete entstehen lassen, welche aufgrund des schwächelnden Azorenhochs im Winter auch eher über Deutschland hinweg ziehen.

VIVIAN, WIEBKE und LOTHAR waren mit die heftigsten Stürme in Deutschland, die auch immer wieder eine Menschenleben kosteten. Bei LOTHAR wurden unglaubliche 272 km/h gemessen. Damit ist abgesehen von sommerlichen Gewitterböen der Winter die windigste Jahreszeit! Orkan KYRILL aus 2007 war das heftigste Beispiel des 21. Jahrhunderts.

Lese-Tipp: Eine Auswahl der teuersten Stürme aller Zeiten in Deutschland

Klimakrise in Deutschland: Das sind die Auswirkungen in Deutschland

Aufgrund der heftigen Schwankungen zwischen sehr kalten und milden Wintern, ist es schwieriger, einen klaren Temperaturtrend abzulesen. Bis zu den 1980ern war das quasi unmöglich, danach zeichnet sich aber doch ein deutlicher Temperaturanstieg an. Damit rutschte die Anzahl von Dauerfrosttagen deutlich ab. Im Bundesmittel gab es früher etwa 20 bis 25 Tage Dauerfrost, in den letzten Jahren nur noch rund 10 Tage. Klimaberechnungen gehen davon aus, dass trotz einer weiteren Erwärmung aber auch weitere heftige kalte Ausreißer möglich sind, wenn auch immer seltener.

Bei den Niederschlägen deutet sich eine leichte Zunahme der Niederschläge an. Die Klimamodelle berechnen für die Zukunft einen ähnlichen Trend, der Hoffnung macht. Denn damit könnte der Winter weiterhin die Dürrephasen des Sommers unterbrechen oder ausgleichen.

Gleichzeitig steigt in den kommenden Wintern damit das Hochwasserpotential. Frühjahrshochwasser treten mittlerweile eine Woche früher ein. Mit durchschnittlich weniger Schnee in den Wintern, könnten die durch Schmelze begünstigten Hochwasser seltener und weniger intensiv werden. Die rein durch Regen verursachten Hochwasser könnten allerdings häufiger eintreten, da weniger Niederschlag als Schnee gespeichert wird und dementsprechend direkt in Bäche und Flüsse landet. Zudem nehmen generell Wetterlagen zu, die Hochwasser begünstigen.

Lese-Tipp: Meteorologische Beweise – Winter in Deutschland werden immer wärmer

Gigant des Winters - so entwickelt sich der Polarwirbel

In der Vorhersage wird die Temperatur in einigen Kilometern Höhe dargestellt. Je gleichförmiger die blauen, also kalten Bereiche zusammenhängen, umso stärker ist der Polarwirbel. Werden hingegen große Lücken und mildere Einschübe in Richtung Nordpol berechnet, dann ist der Wirbel instabiler. Bei einem Polarwirbel-Split teilen sich die blauen Flächen in zwei Teile auf.

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(phe)