Stirbt der Winter aus, hat das Folgen

So wichtig ist Klimaschutz: Wir können 80 Prozent der Schneetage in den Alpen retten

von Oliver Scheel

Schnee ist nicht nur toll für die Skifahrer, die Winterindustrie und natürlich die Kinder. Es hängt viel mehr von der Schneebedeckung der Berge ab: Die Wasserwirtschaft des gesamten Alpenraums und der Anlieger der großen Flüsse, die zu großen Teilen aus den Alpen gespeist werden: Rhein, Donau, Rhone, Po.

Eine aktuelle Studie hat sich mit den Schneetagen in den Bergen beschäftigt und kam zu dem Schluss, dass bei Einhaltung des Pariser Klimaabkommens von nicht mehr als 1,5 Grad Erderwärmung ungefähr 80 Prozent der Schneetage erhalten blieben. Ohne schnellere Maßnahmen zum Klimaschutz wird sich die Zahl der Tage mit Schneedecke in den Alpen aber glatt halbieren – mit Folgen.

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Skigebiete in niedrigen Lagen werden verschwinden

Die Forscher der Universität Innsbruck haben sich die verschiedenen Szenarien angeschaut – auch für die niedriger gelegenen Gebiete. Wenn die Emissionen hoch bleiben, verlieren die Berge auf 2.500 Metern Höhe 76 Schneetage pro Jahr, also fast drei Monate! Bei Erreichen der Pariser Klimaziele aber verlieren sie auf dieser Höhe nur 26 Tage, also weniger als einen Monat.

Auf 500 Metern sieht es ziemlich übel aus. Bei wenigen Maßnahmen gegen die Erderwärmung verlieren die niedrigen Berge ungefähr 75 Prozent der Schneetage – da bleibt nicht mehr viel übrig. „Skigebiete in niedrigeren Lagen und am Rande der Alpen werden wahrscheinlich verschwinden“, sagte Dr. Martina Barandun, eine Glaziologin aus Italien.

„Die Skigebiete beginnen, auf die laufenden Veränderungen mit Kunstschnee zu reagieren, indem sie versuchen, das Gletschereis zu bedecken, um den Zugang zu den Skiliften und Pisten zu gewährleisten. Diese eher kurzfristigen Lösungen sind kostenintensiv und werden sich irgendwann nicht mehr auszahlen“, so Barandun weiter.

Mit Kunstschnee zu arbeiten, ist für die Wissenschaftler ohnehin ein riesiger Unsinn – und der Klimawandel wird auch dem Kunstschnee früher oder später den Garaus machen: „Die Skiressorts werden Schwierigkeiten bekommen bei zunehmender Wassernot Trinkwasser in Schnee für die Pisten zu verwandeln. Aber der Klimawandel könnte die Temperaturen in den Bergen zu hoch schrauben, um überhaupt vor Saisonstart genug Schnee produzieren zu können“, so die Expertin.

Selbst ein schlechter Sommer ist noch zu warm für unsere Alpen-Gletscher

Weniger Schnee bedeutet eine noch schnellere Erderwärmung

Ausflügler nutzen auf dem Gletscher an der Zugspitze das schöne Wetter für einen Skiausflug. (zu dpa «Traumhafte Pistenbedingungen - Garmisch verlängert die Saison» vom 02.03.2018). Foto: Sven Hopp
Der Schnee der Alpen schmilzt dahin - auch die Gletscher. In niedrigen Lagen wird es bald keinen Wintersport mehr geben, wenn die Erderwärmung weiter so zunimmt.

Skifahren und die Winter-Industrie sind eine Sache, aber Wasser und vor allem die uneingeschränkte Verfügbarkeit ist im gesamten Alpenraum ein Riesenthema. Der Schneeverlust wird die Wasserverfügbarkeit verändern. Im Winter wird es mehr Wasser geben, im Sommer weniger. “Dies ist besonders in den Regionen eine Herausforderung, wo jetzt schon Wasser Mangelware ist“, erläuterte der leitende Autor der Studie, Dr. Michael Matiu.

„Auf jeden Fall werden die Alpen und ihre Nachbarregionen einen Weg finden müssen, genug Wasser für Landwirtschaft, Energieproduktion, Wassernutzung der Haushalte und Tourismus zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar zu haben“, so Matiu weiter.

Wenn die Schneetage sich veränderten, werde es auch bei dem Wasser Veränderungen geben, das aus den Bergen kommt und das werde auch die Bewässerungsstrategien betreffen, ergänzte Barandun.

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Und: Weniger Schnee bedeutet eine noch schnellere Erderwärmung. Es ist das gleiche Spiel wie in der Arktis. Der Schnee reflektiert die Wärme und schießt sie sozusagen zurück. Wenn die Sonne nun auf dunkle Steine oder Gras scheint, verstärkt das die Erderwärmung. So könne der Klimawandel die gesamte Artenvielfalt der Alpen bedrohen – vom Steinbock über das Murmeltier bis hin zu den hübschen Blumen auf den Almen. „Den Alpenraum so zu erwärmen wird ihn für immer verändern. Deshalb ist es so wichtig, die Pariser Klimaziele einzuhalten“, erklärte Dr. Matiu.

Die Studie wird am 21. Juni 2022 in der Zeitschrift Hydrology and Earth Sciences veröffentlicht.

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(osc)