Vom Regen in die Traufe

Rückkehr zu Atomkraft schafft Uran-Abhängigkeiten von Russland

von Oliver Scheel

Ob von der Bild-Zeitung oder aus den Reihen der CDU/CSU, der AfD und zuletzt auch von Finanzminister Christian Lindner (FDP): Sie alle bringen die Atomkraft als günstige und schnell verfügbare Energiequelle immer wieder ins Gespräch. Nur: Weder ist Atomkraft günstig, noch ist der Weiterbetrieb der verbliebenen AKW auf die Schnelle einfach mal so möglich.

Aber der in dieser Debatte vielleicht wichtigste Punkt ist: Deutschland und die EU sind bei der Atomenergie mindestens genauso abhängig von Russland wie bei Öl und Gas.

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Atomkraft? Gerne. Putin reibt sich schon die Hände

Niger ist eines der führenden Exportländer von Uran
Uranabbau in Niger - dass Uran "aus weitestgehend sicheren Ländern" kommt, wie viele Politiker gerne betonen, ist schlichtweg falsch.

Es ist eigentlich ganz einfach: Russland und das Uran seines Staatsunternehmens Rosatom dominieren den Weltmarkt. Und die Zahlen dazu sind auch kein Geheimnis: "Über seine Beteiligungen an Uranminen in Kanada, den USA und vor allem Kasachstan ist Rosatom der zweitgrößte Uranproduzent der Welt“, sagte Angela Wolff, die Referentin Atom- und Energiepolitik beim BUND. So verfüge Rosatom über 15 Prozent an der globalen Förderung. Gemeinsam mit Kasachstan beherrscht Russland sogar 38 Prozent des Weltmarkts.

Es geht aber noch schlimmer: „Bei der Herstellung von angereichertem Uran, das für den Betrieb von Atomkraftwerken benötigt wird, ist die Abhängigkeit noch größer: Über ein Drittel des weltweiten Bedarfs kommt vom russischen Staatskonzern." Auch die noch laufenden deutschen AKW werden zum großen Teil damit betrieben.

Wie aus dem aktuellen „Uranatlas“, dem Faktenblatt „Atomkraft und die Abhängigkeit von Russland“, hervorgeht, bezog die EU lauf EURATOM im Jahr 2020 20,2 Prozent des Urans aus Russland, weitere 19,1 Prozent kamen von Russlands Verbündetem Kasachstan.

Lese-Tipp: Warum Atomkraft weder günstig noch nachhaltig ist

Allein 18 Reaktoren in der EU benötigen russische Brennelemente

Wie sehr die Atommeiler in der EU von russischen Zulieferungen abhängig sind, verdeutlichen folgende Zahlen: 18 Reaktoren in der EU sind zu 100 Prozent von russischen Brennelementen abhängig – 6 in Tschechien, 4 in Ungarn und der Slowakei, 2 in Finnland und 2 in Bulgarien.

So treibt die Belieferung der AKW aus Russland jetzt schon seltsame Blüten. Denn es gibt kuriose Ausnahmen beim Einfliegen russischer Maschinen. So landeten trotz des geltenden Flugverbots in der EU russische Transportmaschinen in Tschechien, der Slowakei und Ungarn – sie brachten die benötigten Kernbrennstoffe.

"Wenn Europa die Abhängigkeit von Russland im Energiebereich wirklich beenden will, muss es auch im Atombereich seine Zusammenarbeit mit Russland schnellstmöglich einstellen“, sagte Uwe Witt, Referent Klimaschutz und Strukturwandel bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die am „Uranatlas“ mitarbeitete.

Stichwort Taxonomie: Warum das grüne Label für die Atomkraft ein schwerer Fehler ist

Weiterbetrieb ist so einfach gar nicht möglich - außerdem ist Atomkraft teurer als echter Ökostrom

Atomkraftwerk Neckarwestheim II
Eines der drei noch laufenden deutschen AKW ist Neckarwestheim zwischen Heilbronn und Stuttgart.

Für Russland ist Atomkraft ein riesiges Geschäft, das mit weitreichenden internationalen Beziehungen einhergeht. Derzeit verfügt Russland über Verträge für 35 AKW-Bauten in Ägypten, Bangladesch, Belarus, Bulgarien, China, Finnland, Indien, Iran, Türkei, Ungarn und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Ausstieg aus diesen Verträgen käme die Länder teuer zu stehen.

Apropos teuer: Der Bau neuer Atomkraftwerke ist sehr langwierig und überdies wahnsinnig teuer – ganz abgesehen von der ungelösten Endlager-Frage. "Die erneuerbaren Energien sind inzwischen preisgünstiger als Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerke, auch wenn man deren Folgekosten nicht mitrechnet", sagt Heinz Smital, Atom-Campaigner von Greenpeace.

Schon jetzt ist Strom aus erneuerbaren Quellen an der Strombörse billiger als Atomstrom. Das liegt daran, dass die Ökostrombranche in den vergangenen zehn Jahren sehr viel effizientere Technologien und Produktionsprozesse entwickelt hat.

Und noch etwas haben die Atombefürworter nicht mit bedacht: Es gibt geltende Gesetze, der Atomausstieg ist beschlossene Sache und darauf haben sich auch die Betreiber eingestellt. Ein Sprecher von RWE sagte unlängst der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ): „Ein Weiterbetrieb über den 31.12.2022 hinaus wäre mit hohen Hürden technischer als auch genehmigungsrechtlicher Natur verbunden."

Auch EnBW, Betreiber des AKW Neckarwestheim II, steht laut „NOZ“ "uneingeschränkt zum beschlossenen Ausstieg Deutschlands aus der Nutzung der Kernenergie für die Stromproduktion".

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(osc)