Mogelpackung Winterspiele

Olympia 2022 und die Suche nach Nachhaltigkeit

von Moritz Nolte

Ein Arbeiter formt den Kicker auf dem Big Air Shougang im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2022. Im Hintergrund sind die alten Kühltürme eines Stahlwerks im ehemaligen Industriegebiet der Stadt zu sehen.
Die olympischen Winterspiele 2022 in Peking sind wohl nicht so nachhaltig wie sie vorgeben.

Zum ersten Mal werden die olympischen Winterspiele in einer Stadt ausgetragen, in der bereits die Sommerspiele stattgefunden haben. Peking schreibt damit Geschichte und scheut dabei keine Mühen und Kosten. Was im ersten Moment wie ein sportliches Märchen klingt, wird bei genauerer Betrachtung schnell zu einem Albtraum. Ausgerechnet in einer der trockensten Regionen der Welt findet das olympische Schneespektakel statt. Künstliche Skipisten, Autobahnen, extremer Wasser- und Energieverbrauch: Die olympischen Spiele glänzen nicht in puncto Nachhaltigkeit.

Olympia und der Naturschutz - ungeahnte Folgen

In einem Naturschutzgebiet sollte die Natur und die Landschaft besonders geschützt werden. Die olympischen Spiele bilden dabei aber wohl eine Ausnahme – mit langfristigen Folgen. Denn die Grenzen des Naturschutzgebietes in Yanking wurden neu gezogen, um Spielstätten zu ermöglichen. Im Inspektionsbericht des Olympischen Komitees war eigentlich vorhergesehen, dass die Wettbewerbe an der Grenze des Naturreservats stattfinden sollten. Doch die Strecke für die alpinen Wettbewerbe verläuft zumindest in Teilen über das Gebiet des Songshan-Nationalparks. Dort wurde großflächig entwaldet und Böden sowie die dortige Vegetation wurden vernichtet.

Auch die olympische Skisprungschanze wurde neu in die Berge gepflanzt. Hierfür mussten nicht nur tausend Jahre alten Terrassenkulturen weichen, sondern auch ganze Dörfer: 1.500 Menschen wurden umgesiedelt.

Weil die Schneegebiete in einer trockenen Region angelegt wurden, kann es zudem zu ungeahnten Folgen kommen. „Aus der Kombination Kunstschnee und Untergrund, der wenig Wasser gewohnt ist, resultiert ein weiteres Problem: Wenn nämlich der Kunstschnee schmilzt, wird das Schmelzwasser enorme Erosionen, also Abtragung vom darunter befindlichen Bodenmaterial zur Folge haben. Erd- und Hangrutsche sind somit vorprogrammiert“, sagt RTL-Meteorologe und Geograph Björn Alexander. Umliegende Siedlungen und Straßen sind dementsprechend durch den Eingriff in die Natur gefährdet.

Wasserknappheit und Schneemangel

Blick über das Nationale Ski-Alpin-Zentrum.
Eher braun statt strahlend weiß: Die Skipisten für die olympischen Spiele 2022 mussten alle künstlich angelegt werden.

Ein weiteres Grundproblem: Die Spiele finden in einem der trockensten Gebiete der Welt statt. Die Region verzeichnet kaum Niederschläge – Schnee ist also Mangelware und auch das Wasser ist zumeist knapp. Insgesamt 300 Schneekanonen zaubern ein geschummeltes Winterwunderland in die braune Berglandschaft.

Kunstschnee wird zwar nahezu auf allen Pisten der Welt gebraucht, in Peking werden aber wohl drei bis vier Mal so viel Wasser benötigt wird als beispielsweise in den Alpen. „Das Problem ist in den chinesischen Olympiaregionen weniger die Temperatur. Denn winterliche Werte unter dem Gefrierpunkt bis hin zu eisigen Tiefstwerten im zweistelligen Frostbereich sind als Grundlage für die Erzeugung von Kunstschnee ja sogar vorhanden. Aber es braucht eben auch ausreichend Wasser. Eine Situation, die man beispielsweise in den Alpen mit Speicherseen in Trinkwasserqualität sichert“, erklärt Björn Alexander.

Da das Wasser in der Region knapp ist, muss es von sehr weit her gepumpt werden. Dafür wurden extra kilometerweite Leitungen und neue Wasserreservoire angelegt. An einem Standort wird das Wasser beispielsweise aus 70 Kilometer Entfernung 1.700 Kilometer den Berg hochgepumpt. Das kostet, genauso wie die Schneekanonen an sich, jede Menge Energie.

Auch der deutsche Biathlet Erik Lesser übt Kritik. Auf Instagram schreibt der 33-Jährige: "Es ist wirklich schön hier draußen. Aber zu wissen, wie diese Gegend zuvor ausgesehen hat, macht mich so traurig. All das für drei Wochen." Denn der Biathlon-Kurs mit Stadion im Nordwestens Pekings hat für die Zeit nach Olympia keine internationale Perspektive.

China gaukelt Nachhaltigkeit vor

Sowohl der Strom für die Schneekanonen als auch für die Olympia-Städte fließt über das Umspannwerk in Gonghui 75 Kilometer von Zhangjiakou. Der Strom soll, erstmals in der olympischen Geschichte, zu 100 Prozent aus grüner Energie erzeugt worden sein. Doch vor allem die Heizungen der Hotels, Gebäude und Wohnungen in der Olympia-Region fressen im kalten Winter Strom. Sollte dann der „grüne Strom“ mal nicht reichen, würde auch das nationale Netz angezapft werden. Die landesweite Stromversorgung speist sich allerdings vor allem aus Kohlestrom.

China versucht aber mit aller Macht die Nachhaltigkeits-Kritiker mit Ausgleichsversuchen ruhig zu stellen. Neben der genutzten grünen Energie, sollen 85% der Fahrzeuge mit Strom oder Wasserstoff angetrieben werden. Zudem wurde tausende Bäume, sogar in afrikanischen Ländern, gepflanzt. Und auch den sonst nicht wirklich populären Wintersport will China integrieren und groß machen, um auch in Zukunft die Sportstätten zu nutzen.

Dass diese Maßnahmen die Schäden an der Natur aufwiegen, ist aber leider eher unwahrscheinlich.

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(mno)