Besorgniserregender Bericht des Weltklimarates

3,6 Milliarden Menschen vom Klimawandel gefährdet

Die verheerenden Folgen des Klimawandels werden immer deutlicher. Mit Anpassung ist das Schlimmste noch abzuwenden, sagt der Weltklimarat, aber die Zeit drängt, und es braucht tiefgreifende Umwälzungen. Das Zeitfenster für eine erfolgreiche Umsetzung der notwendigen Maßnahmen schrumpft.

Im Video: Co-Autorin des Klimaberichtes Tabea Lissner über die Auswirkungen des Klimawandels

Auswirkungen des Klimawandels treten schneller auf

ARCHIV - Ein von Sturm "Lothar " zerstörtes Waldstück in Simonswald (Kr. Emmendingen) im Schwarzwald (Archivfoto vom 20.1.2000). Für die Zukunft rechnen Klimaforscher häufiger als bisher mit Stürmen. Am 6. April stellt der Klimarat der Vereinten Nati
Folgen des Klimawandels - Sturmschäden

Bis zu 3,6 Milliarden Menschen leben dem Weltklimarat zufolge bereits in einem besonders vom Klimawandel gefährdeten Umfeld. „Die Auswirkungen, die wir heute sehen, treten viel schneller auf und sind zerstörerischer und weitreichender als vor 20 Jahren erwartet“, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Bericht des Weltklimarates (IPCC) zu den Folgen des Klimawandels. Weitere Menschen, die in ihrer Heimat kein Auskommen mehr haben, würden zur Migration gezwungen. Die Regierungen täten noch lange nicht genug, um die schlimmsten Gefahren abzuwenden.

Der Klimarat verlangt fundamentale gesellschaftliche Veränderungen. Die Energie müsse sauber, die Wegwerfmentalität beseitigt werden. Städte und Landwirtschaft müssten nachhaltig und die Mobilität verändert werden: mehr Rad- statt Autofahren, mehr Zugfahren statt Fliegen.

Meeresbiologe warnt vor schrumpfenden Zeitfenster

220228 -- GENEVA, Feb. 28, 2022 Xinhua -- This image grabbed from a screen shows UN Secretary-General Antonio Guterres speaking via a video at the opening of the 49th session of the United Nations Human Rights Council UNHRC, held at the United Nation
UN Generalsekretär Antonio Guterres kritisierte Länder und Unternehmen für ihre Rolle im Kampf gegen den Klimawandel.

„Wir haben ein schrumpfendes Zeitfenster“, warnte der Ko-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe, der deutsche Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner. Auch die Bundesregierung tue sich bei der Klimapolitik nicht hervor: „Für die Ambitionen kriegt sie eine Drei und für die Umsetzung eine Vier minus bisher“, sagte er.

„Einige wenige Länder treten die Rechte des Rests der Welt mit Füßen“, wetterte UN-Generalsekretär António Guterres. „Einige wenige Unternehmen streichen reiche Gewinne ein, während sie die Rechte der Ärmsten und Schwächsten ignorieren.“ Dass Regierungen ihre Aufgaben nicht machten, sei kriminell.

Kritik an Umsetzung der Glasgower Ziele

ARCHIV - Hinter dem Ort Neurath steigt aus dem RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath bei Grevenbroich Rauch in die Höhe (Archivfoto vom 04.04.2007). Am 4. Mai stellt der UN-Klimarat IPCC den dritten Teil seines diesjährigen Klimareports vor. Bereits in den
Nach dem UN-Klimagipfel in Glasgow habe laut Klimarat noch kein großes Land die Klimaziele umgesetzt.

Der amtierende Präsident der Weltklimakonferenz, Alok Sharma, rief Staaten in aller Welt auf, ihre Klimaziele nachzuschärfen. Die Länder müssten ihre Ziele für das Jahr 2030 erhöhen und sie dringend umsetzen, schrieb Sharma mit seinem ägyptischen Nachfolger Sameh Shoukry und der UN-Klimachefin Patricia Espinosa in einem gemeinsamen Statement. Beim UN-Klimagipfel in Glasgow hatten sich die Staaten im vergangenen November dazu bekannt, die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzen und dazu ihre nationalen Klimaziele bis spätestens zum Jahresende nachschärfen zu wollen. Bislang hat dies noch kein großes Land getan, wie der Klimaforscher Niklas Höhne kürzlich kritisierte.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke erklärte, in nächster Zeit solle ein Sofortprogramm Klimaanpassung verabschiedet werden. Die Bundesregierung wolle ihre Anstrengungen im Kampf gegen die Erderwärmung deutlich hochfahren.

Folgen des Klimawandels bereits jetzt sichtbar

Längst sind die Folgen des Klimawandels in allen Teilen der Welt sichtbar: Es gibt verheerende Waldbrände wie im Mittelmeerraum und im Westen der USA, Überschwemmungen wie in der Region von Ahr und Erft im Juli 2021, Hitzewellen wie in Sibirien. Am Montag erst meldete der Deutsche Wetterdienst (DWD), dass der Winter 2021/22 der elfte zu warme in Folge gewesen sei.

Noch nähmen Ökosysteme mehr Treibhausgase auf als sie selbst verursachten, heißt es in den IPCC-Dokumenten. Das ändere sich aber, wenn Urwald abgeholzt oder Torfmoorgebiete trockengelegt werden oder der arktische Permafrost schmilzt. „Dieser und andere Trends können noch umgekehrt werden, wenn Ökosysteme instandgesetzt, wieder aufgebaut und gestärkt und nachhaltig bewirtschaftet werden“, schreiben die Wissenschaftler. „Gesunde Ökosysteme und eine reiche Artenvielfalt sind die Grundlage für das Überleben der Menschheit.“

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Klimaschutz als gemeinsame Herausforderung der Menschheit

ARCHIV - Eine Eisbärenmutter marschiert mit ihren beiden Jungen auf Futtersuche über Eisschollen im Gebiet der Nordwest-Passage in Kanada (undatierte, neuere Aufnahme). Die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, und das Wasser tauender Gletsc
Viele Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Der Eisbär ist das wohl berühmteste Beispiel.

30 bis 50 Prozent der Erdoberfläche müsse für Naturräume zur Verfügung gehalten werden, erklärte IPCC-Experte Pörtner. Sie könnten genutzt werden, aber nur in einem nachhaltigen Miteinander von Mensch und Natur. „Dieses Denken ist in der Politik noch nicht so richtig angekommen.“

„Es ist höchste Zeit, Arten- und Klimaschutz als gemeinsame Herausforderung zu betrachten“, betonte auch der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Alexander Bonde. „Beides ist notwendig, wenn der Mensch eine Zukunft auf diesem Planeten haben will.“

Viele Arten erreichten bei der Anpassung an den Klimawandel Grenzen und seien vom Aussterben bedroht, heißt es im IPCC-Bericht. Bei einer globalen Erwärmung von vier Grad über dem vorindustriellen Niveau wären demnach 50 Prozent der an Land befindlichen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.

Im April kommt der dritte Teil des Sachstandsberichtes

Heringe
Überfischung und der Appetit auf Fisch der Industrienationen bedrohen die ärmeren Weltregionen.

„Die Menschheit hat die Natur jahrhundertelang wie ihren schlimmsten Feind behandelt“, sagte Inger Andersen, Exekutivdirektorin des UN-Umweltprogramms UNEP. „Tatsächlich kann die Natur unser Retter sein, aber wir müssen sie zuerst retten.“

Die globale Erwärmung treffe noch mit weiteren Herausforderungen zusammen, so der Weltklimarat. Er zählt die wachsende Weltbevölkerung auf, die Migration der Menschen in Städte, zu hohen Konsum, wachsende Armut und Ungleichheit, Umweltverschmutzung, Überfischung und jüngst die Corona-Pandemie. Krankheitsrisiken nähmen zu, das Dengue-Fieber etwa werde sich ausbreiten, auch nach Europa.

Der Weltklimarat wurde 1988 gegründet. Der neue Report ist Teil zwei seines 6. Sachstandsberichts zum Klimawandel. Der erste Teil über die wissenschaftlichen Grundlagen kam im August 2021 heraus. Der dritte Teil befasst sich mit Möglichkeiten, den Klimawandel zu mindern. Er wird im April erwartet.

Fridays For Future sehen Umsetzungsproblem

Der aktuelle IPCC-Bericht zeige eines klar und deutlich, betonten die Umweltaktivisten von Fridays For Future: „Wir haben kein Erkenntnisproblem mehr, wir haben ein Umsetzungsproblem.“ Keine Regierung der Welt könne behaupten, nicht zu wissen, was auf dem Spiel stehe. „Wir wissen, dass die Klimakrise Menschen tötet, Natur zerstört, die Welt ärmer macht und dass sich ihre Folgen mit jedem Zehntelgrad weiterer Erwärmung intensivieren.“ Konsequente Klimapolitik sei unverzichtbarer Teil von stabilen Demokratien, sicherer Lebensmittelversorgung und sozialer Gerechtigkeit. „Es ist alles gesagt – jetzt zählen Handlungen.“

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(dpa/kfb)