Bauen wir uns Städte mit Zukunft - es lohnt sich

Nachhaltige Städte – schöneres Leben

Von Christoph Koch

Metropolen sind gigantische Klima-Heizer. Auch ihre Bewohner leiden darunter: Schlechte Luft, Lärm und Dauerstau vermiesen ihnen den Alltag. Betonbau ohne Recycling versiegelt Flächen und heizt sie auf. Es könnte alles viel besser sein!

"Der Kampf um die globale Nachhaltigkeit wird sich in den Städten entscheiden"

Städte liegen im Trend – sogar im Mega-Trend, weltweit. Auf allen Kontinenten zieht es die Menschen vom Land in die Metropolen. Die bedecken nur zwei Prozent der Erdoberfläche, aber mittlerweile lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in den Städten. 2030 werden es sechzig Prozent sein, 2050 sogar zwei Drittel. Und allein in Indien sollen in den nächsten zehn Jahren 500 neue Städte gebaut werden! Schon 2012 sagte der damalige UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon deshalb: „Der Kampf um die globale Nachhaltigkeit wird sich in den Städten entscheiden.“

Warum das so ist, ist leicht zu erklären: Heute verursachen Städter, also eine Hälfte der Menschheit, zwei Drittel der Kohlendioxid-Emissionen. Modernisieren sich die Städte nicht, wird ihr Wachstum die Klimagefahren massiv erhöhen. Ein „Weiter so“ schadet aber nicht nur der Durchschnittstemperatur des Planeten, sondern auch den Stadtbewohnern selbst. Bilder aus den Megacitys unserer Zeit zeigen es – die Luftqualität ist oft kaum zu ertragen und auf Dauer eine massive Gesundheitsgefahr. Und nachts geben die Beton-Schluchten die Tageshitze kaum ab, sieben Grad mehr als im Umland dabei nichts Seltenes.

Das Bauen trägt enorm zur Erderwärmung bei

Manila
Megacity Manila auf den Philippinen. Immer mehr Menschen leben in Städten. Diese müssen nachhaltiger werden. © picture alliance / dpa, Francis R. Malasig

Der Beitrag von Bauwirtschaft und Gebäuden zur Erderwärmung ist enorm. Fabriken, Verkehr und Fleischwirtschaft kennt jeder als große CO2-Produzenten. Doch weltweit trägt die Bausubstanz, neu und alt, gigantische 38 Prozent zum Treibgasausstoß bei. Viele mineralische Baustoffe werden nicht recycelt. Doch allein die Herstellung von Zement trägt heute beinahe zehn Prozent zu den Kohlendioxid-Emissionen bei. Wird daraus Stahlbeton bereitet, der typische Baustoff der großen Städte, verursacht ein Kubikmeter davon weit über 300 Kilogramm CO2. Rund 4000 Bäume müssen einen Tag lang Kohlendioxid binden, um das auszugleichen.

Mitte des 20 Jahrhunderts, als der Begriff „Smog“ erfunden wurde, dachten alle bloß an Los Angeles. Die kalifornische Riesenstadt lag im Sommer schon damals wochenlang unter gelb-grauen oder bläulichen Schwaden. Heute gibt es Tausende Städte auf der Erde, die unter Schmutzluft leiden. Der tägliche Dauerstau der Verbrenner-Fahrzeuge ist ein Allerwelts-Phänomen geworden. Gerade in den Städten zeigt sich: eine klimafreundliche Modernisierung ist nicht bloß global, sondern auch lokal eine Riesenchance. Durch Begrünung könnten sie kühler werden, durch Bodengestaltung das Wasser besser halten, eine stressfreie Mobilität erlauben und gute Luft zum Atmen für alle bieten.

Beim Recycling gibt es viel Luft nach oben

Abriss von Gebäuden
Viel weniger neuer Beton müsste verbaut werden, wenn bei Abrissen mehr recycelt würde. © imago images/Viennareport, (c) Leopold Nekula/VIENNAERPORT via www.imago-images.de, www.imago-images.de

In dieser Woche hat ein bedeutendes Beratungsgremium der EU Empfehlungen gegeben, wie das für unsere Städte möglich ist. Ihr Ziel ist es, für jedes Haus eine Bilanz zu ziehen, die alle seine Emissionen mit einbezieht, vom Bau bis zum täglichen Betrieb. Tut man das, wird klar, warum es in dieser Woche heftigen politischen Streit darüber gab, ob Vermieter an den CO2-Kosten für Heizung beteiligt werden sollen. Die Ministerien hatten auf eine solche Teilung geeinigt, je zur Hälfte sollte gezahlt werden. Doch Unionsabgeordnete wollen den Kompromiss verhindern – zu Gunsten der Vermieter. Sie argumentieren, die Vermieter hätten keinen Einfluss auf die Senkung der jährlichen Heizkosten. In Wahrheit ist dieser sehr groß: bei der Auslegung der Gebäude, der Wahl des Heizungstyps, der Isolierung weiteren baulichen Maßnahmen haben Hausbesitzer einen immensen Einfluss darauf wie energieeffizient ein Haus ist und ob seine Bewohner ihre Räume oder die Umwelt heizen.

Auch beim Recycling von Abriss-Baustoffen fanden die Experten ein riesiges Potenzial für Verbesserungen. Viel weniger neuer Beton müsste verbaut werden, wenn ihren Empfehlungen gefolgt wird. Schließlich halten sie es für möglich, die Wärmeversorgung bis zum Jahr 2030 ganz aus erneuerbaren Energien zu speisen. Ein solches Programm trägt den wuchtigen Namen „Dekarbonisierung“, die Befreiung der Bausubstanz und einer fortschreitend verstädterten Welt von ihrer Fossilbrennstoff-Abhängigkeit. Es hat eine hohe Dringlichkeit und es ist nützlich für alle – vorausgesetzt, es geht dabei gerecht zu.

Der Nahverkehr in den Städten muss verbessert werden

Das bringt Konflikte, unvermeidlich: obwohl gerade in den Städten überwiegend Kurzstrecken gefahren werden, noch dazu mit verschwenderischem Beschleunigen und Abbremsen, ist die Beharrungskraft des Verbrennungsmotors und seiner Anhänger gewaltig. Er nützt dort zwar wenig, kann seine Stärken nicht zeigen, verdirbt die Luft und bereitet Stress. Doch seine Fans verstecken sich gern hinter dem Rücken von Pendlern, die als Alibi für den Diesel-Schutz herhalten müssen. Aber auch die legen im Durchschnitt Strecken zurück, die selbst die E-Auto-Modelle mit der kleinsten Reichweite problemlos schaffen können, und das jeden Tag. Vor allem aber sind die Pendler vielen Metropolräumen noch immer durch mangelhaften Nahverkehr benachteiligt. Hinzu kommt, dass psychologische Studien mehrfach belegt haben: der tägliche Arbeitswege-Stress gehört zu den wesentlichsten Faktoren, die Menschen mit weiten Anfahrten unglücklich machen. Es gibt also hundert gute Gründe, den Nahverkehr in den Städten massiv zu verbessern.

Die innovativen Konzepte, die die Städte künftig für alle schöner machen und sie von ihrem negativen Klimabeitrag befreien können, werden täglich mehr. Regenerative Energieerzeugung direkt am Haus, Begrünung auf Dächern und in Baulücken, ja sogar der Erhalt von Baulücken, damit die Stadt besser atmen kann gehören dazu. Ideen, wie man riesige Räume davon befreien kann, das den ganzen Tag über ungenutztes Auto-Blech darauf steht liegen vor, und hervorragende Ideen, wie die Wasserbilanz der Metropolen vor der Zerstörung durch Versiegelung und Flächen erreicht werden kann. Auch die Digitalisierung hat riesiges Potenzial, sowohl bei der Einsparung von Arbeitswegen, als auch bei der intelligenten Steuerung der Gebäude selbst und der Verkehrsflüsse. Viele Untersuchungen, auf europäischer Ebene, in den USA, in internationalen Organisationen haben gezeigt, dass enorme Fortschritte relativ schnell möglich wären. Man muss nur wollen, und darauf verzichten, aus jedem kleinen Schritt einen politischen Zankapfel zu machen, auf Stimmenfang zu gehen. Bauen wir uns Städte mit Zukunft!

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(osc)