Klimawandel: Wie Zugvögel leiden oder profitieren

Zugvögel im Klimastress +++ Ökosysteme unter Druck +++ Kampf ums Überleben

Der Klimawandel bringt das Leben der Zugvögel dramatisch durcheinander. Viele Arten sind bedroht, andere profitieren. Letzteres aber hat ebenso Auswirkungen auf ganze Ökosysteme, letztlich auf die ganze Erde. Das Überleben der Zugvögel hängt zunächst einmal davon ab, ob sie sich an die Veränderungen in den Klimazonen schnell genug anpassen können. Damit fangen aber andere Probleme erst an.

Kormorane im Klimawandel: Früher flogen sie weg

Wilhelm Meier steht am Ufer und klatscht – nicht aus Vergnügen, sondern aus Verzweiflung. Wieder hocken gefräßige Kormorane in den Bäumen, die regelmäßig und pfeilschnell in den See abtauchen, um Fische zu jagen. Das ein oder andere Mal funktioniert das mit dem Klatschen, und sie fliegen fort. Aber die Fischfresser sind schlau und beobachten genau.

Fische und Vögel im Ungleichgewicht

Klimawandel und Zugvögel: Auch sie leiden. Oder profitieren.
Der leidenschaftliche Angler und Naturschützer Wilhelm Meier versteht die Welt nicht mehr. Da schützt er seit Jahren mit seinem 800 Mitglieder zählenden Fischerverein Edewecht bei Bremen etliche Teiche und Seen, setzt Jahr für Jahr Jungfische wie Rotaugen aus, um den Fischbestand zu erhöhen.

Nie da gewesene Schlacht unter Wasser

Und dann das: Wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein ganzes Geschwader von Kormoranen auf, an die einhundert Jäger, und es beginnt eine Schlacht unter Wasser, die Wilhelm Meier so noch nie beobachtet hat. Regelrecht hätten die Kormorane den Jungfisch-Schwarm in die Enge getrieben, und am Ende war kein einziger Fisch übrig geblieben.

Globale Erwärmung: Kormoran und Wildgans freut‘s

Wildgänse im Winterquartier - der Klimawandel macht's möglich
Wildgänse verweigern auch schon den Zug in den Süden.

Es ist mittlerweile ein Riesenproblem für Hobbyangler und Berufsfischer. Der einst in Deutschland gefährdete und daher zurecht unter Schutz gestellte Kormoran gefährdet nun aufgrund seiner Überpopulation ganze Fischbestände, darunter natürlich auch bedrohte Fischarten. Viele Fische, so berichtet uns der Angler, sterben auch qualvoll an den Verletzungen, die die Kormorane anrichten.

Und so bleibt dem Naturfreund Wilhelm Meier derzeit nichts anderes übrig, als verzweifelt möglichst laut in die Hände zu klatschen. Den einen oder anderen Schwimmtaucher, der gern schon mal ein halbes Kilo Fisch zu sich nimmt,  kann er so kurzfristig vertreiben. Doch die in ganzen Kolonien heranziehenden Kormoranschwärme überwintern inzwischen gern im warmen Deutschland.

​Auch manche Wildgans fühlt sich inzwischen bei uns wohl, und die planscht an manchen Tagen gern mit hunderten anderen „Zieh-Verweigerern“ im Wasser. Heinz Grässner vom Landesfischereiverband Weser-Ems bestätigt, dass die Vielzahl der Vögel die Wasserqualität gefährlich beeinträchtigen kann: „Ist der Wasserstand niedrig, die Temperatur erhöht, können die Mengen an Kot das Wasser zum Kippen bringen, und auch das ist dann das Aus für den Fisch.“

Die Zugvögel-Verlierer im Klimawandel

Zugvögel und der Klimawandel
Zugvögel: Manche profitieren von der globalen Erwärmung, andere sind bedroht.

Es gibt aber auch Zugvögel, die durch den Klimawandel selbst bedroht werden, Kraniche oder Flamingos etwa. In der Regel nutzen sie hierzulande geeignete Rast- oder Brutplätze, und das sind gerne Flachgewässer, in denen sie normalerweise geschützt sind. Die letzten Trockensommer haben manchen Seen derart zugesetzt, dass sie sich enorm verkleinert haben oder ganz verschwunden sind. Folge: Füchse und andere räuberische Vierbeiner können die Nester plündern, was etwa im Zwillbrocker Venn an der deutsch-niederländischen Grenze den gesamten Bruterfolg der Flamingos zunichte gemacht hat. Und im Naturschutzgebiet Dümmer in Niedersachsen fürchten inzwischen manche Vogelfreunde, „ihre“ Kraniche beim Zwischen-Stopp vom Flug nach Frankreich nie wieder zu sehen. Auch dort haben die jüngsten, regenarmen Sommer das früher sehr nasse Moorgebiet praktisch ausgetrocknet.

Dr. Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven beobachtet Vögel und ihr Zugverhalten seit Jahrzehnten. Er ist davon überzeugt, dass nur die Zugvögel letztlich überleben, die sich an veränderte Klimazonen gewöhnen können. Das Nachsehen werden insbesondere diejenigen Vögel haben, deren Lebensraum ohnehin durch den Menschen stark verringert wurde. So sei die intensive Landwirtschaft mit großflächigen Monokulturen eine viel größere Bedrohung für Bodenbrüter wie Feldlerche oder Bachstelze als eine leichte globale Erderwärmung.

Klimaschutz ist Vogelschutz

Kormoran
Gefürchteter Fischjäger und Zugverweigerer: der Kormoran © deutsche presse agentur

Umgekehrt heißt das positiv: Noch kann der Mensch viel für den Erhalt der Vogelwelt tun, etwa durch Schutzprogramme der EU oder einzelner Bundesländer, die ganze Flächen der Natur überlassen und Landwirte finanziell ausgleichen oder unterstützen, wenn auch sie aktiv zum Vogelschutz beitragen.

Und noch etwas Positives vom geplünderten See berichtet uns zum Schluss Angler Wilhelm Meier, der die Wasserqualität regelmäßig untersucht. Heute, so sagt er, habe die Schnell-Analyse gezeigt, alle Werte seien im grünen Bereich. Ursache sei der viele Regen der vergangenen Tage. Dadurch sei der Wasserstand wieder deutlich gestiegen, die Fische könnten tiefer schwimmen und seien so auch für die gefiederten Jäger schwerer auszumachen.