Interview mit Klima-Forscherin Dr. Stefanie Arndt

Bald eisfreie Arktis! Folgen für Deutschland und die Welt

von Paul Heger und Oliver Scheel

Dr. Stefanie Arndt hat zwei Jahre ihres Lebens in den Polarregionen verbracht – sie liebt den Schnee und ist fasziniert von dieser rauen Welt aus Eis. Doch diese Welt ist in Gefahr, sie verändert sich so schnell wie kaum eine andere Region in Zeiten der Klimakrise. Das Eis schmilzt – mit Folgen für Deutschland und die ganze Erde.

Wir haben die Meereis-Physikerin in Bremerhaven am Alfred-Wegener-Institut besucht und mit ihr über diese fragile Welt gesprochen. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht Arndt über ihre Beobachtungen in den Polarregionen. Wann wird die Arktis eisfrei sein? Wie hoch wird der Meeresspiegel steigen und was ist mit den Tierarten dort?

Worin genau die Unterschiede zwischen Arktis und Antarktis liegen, erfahren Sie im Video.

Polarstern ein Jahr im Eis eingefroren – das war die Mosaic-Mission

"Wir werden ein großes Artensterben erleben"

Dr. Stefanie Arndt und Paul Heger
Dr. Stefanie Arndt im Interview mit unserem Moderator und Meteorologen Paul Heger.

Arndt ist schon auf 13 Polar-Expeditionen gewesen, sie kennt das Eis an Nord- und Südpol genau und sie nimmt die Veränderungen deutlich wahr. Worin aber unterscheiden sich Arktis und Antarktis eigentlich grundlegend? „Die Antarktis ist ein Kontinent, der am Südpol sitzt. Bei der Arktis ist der Nordpol mit Wasser bedeckt, also mit dem Eis des arktischen Ozeans“, erklärt die Forscherin. So habe die Antarktis ihr ganz eigenes Klima-System. Sie sei relativ abgeschirmt vom Rest der Welt, während die Arktis viel mehr verbunden sei mit der nördlichen Hemisphäre.

Wie schnell das Polareis schmilzt erkennen die Forscher am Zugang zu dieser Region. „Es ist jetzt für die Forschungsschiffe viel leichter an den Nordpol zu gelangen als vor 20, 30 Jahren“, sagt Arndt. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir bis 2050 mindestens einmal ein Jahr haben, wo es im Sommer in der Arktis kein Meereis geben wird.“

Ein großer Teil der Sonnenstrahlung wird aktuell vom Eis reflektiert. Wenn das Eis fehlt, hat das zur Folge, dass der Ozean sich erwärmt – ein sich selbst verstärkender Prozess! „Mit der Erwärmung kommt nicht jedes Ökosystem klar. Es gibt enorm viel Biomasse, die das Meereis braucht. Wir werden daher ein großes Artensterben erleben“, befürchtet die 33-jährige. „Das ist ein globales Problem, da sich ja alle Meere erwärmen.“ Auch wir in Deutschland würden die Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen.

Polarstern im nicht mehr so ewigen Eis: Unzählige Daten für die Klimaforschung gesammelt

Wenn alles Eis schmilzt, steigt der Meeresspiegel um 58 Meter

Dr. Stefanie Arndt am AWI
Dr. Stefanie Arndt im Alfred-Wegener-Institut. Die Meereis-Physikerin hat auch ein Buch über ihre Expeditionen geschrieben.

Welche Möglichkeiten gibt es, diesen fragilen Lebensraum zu retten, zu erhalten? „Es gibt ja den Antarktis-Schutzvertrag, der verbietet, die Antarktis wirtschaftlich zu nutzen“, erläutert die Physikerin. „Warum gibt es den nicht für die Arktis. Da schaut man dann schon betrübt hin.“

Denn diese Regionen zu schützen, tut eigentlich Not: „Es wird überall Mikroplastik im Eis gefunden, der Schnee und das Eis sind verrußt. Das menschliche Wirken ist einfach überall sichtbar“, sagt Arndt.

Mit was müssen wir rechnen, wenn wir es versäumen, die Polarregionen zu schützen? „Wenn die Eisschilde in der Antarktis und in Grönland abschmelzen, haben wir ein Problem. Wenn alles abschmelzen würde – was wohl nicht passieren wird – würde der Meeresspiegel um 58 Meter steigen.“ Aber die sehr realen und zeitnahen Folgen seien schlimm genug: „Die Prognosen bis 2100 zeigen, dass wir bei so etwas wie einem guten Meter landen werden, was wir an Meeresspiegelanstieg haben werden.“, so Arndt.

Die Meereis-Physikerin ist ein fröhlicher, optimistischer Mensch, trotz der deutlichen Anzeichen, dass der Lebensraum, den sie so liebt, verschwindet. Gerade deswegen ist ihre Tätigkeit für sie so wichtig: „Wir schaffen hier Fakten, dass wir dieses System besser verstehen und beschreiben können, um dann die Gesellschaft und die Politik mitzunehmen. Da sehe ich einen wichtigen Beitrag von mir selbst zum Thema Klimawandel.“

Lese-Tipps:

Teil 2 der Interview-Reihe dreht sich um das sich intensivierende Artensterben und um den massiven Meeresspiegelanstieg in Deutschland.

In Teil 3 sprechen wir mit Dr. Stefanie Arndt unter anderem über über den Golfstrom und sein Schwinden, welches unsere Winter zurück in gefühlte Eiszeiten katapultieren könnte.

Unsere Wettertrends und Themenseiten

Sollten Sie Interesse an weiteren Wetter-, Klima- und Wissenschaftsthemen haben, sind Sie bei wetter.de bestens aufgehoben. Besonders ans Herz legenkönnen wir Ihnen auch den 7-Tage-Wettertrend mit der Wetterprognose für die kommende Woche. Dieser wird täglich aktualisiert. Falls Sie weiter in die Zukunft schauen möchten, ist der 42-Tage-Wettertrend eine Option. Dort schauen wir uns an, was auf uns in den kommenden Wochen zukommt. Vielleicht interessiert Sie eher wie sich das Klima in den vergangenen Monaten verhalten hat und wie die Prognose für das restliche Jahr aussieht. Dafür haben wir unseren Klimatrend für Deutschland.

Damit Sie auch unterwegs kein Wetter mehr verpassen, empfehlen wir unsere wetter.de-App für Apple- und Android-Geräte.

Wüstenstaat Deutschland - Die Doku im Online Stream auf RTL+

(phe, osc)