Neue PIK-Studie zeigt krasse Auswirkungen

Corona und Klima: So wirkt sich die Corona-Krise auf unsere Umwelt aus

ARCHIV - 27.02.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Abgase kommen aus dem Auspuff eines Autos. (zu dpa
Der Rückgang der Emissionen war während des Corona-Lockdowns drastischer als während der Ölkrise 1979. © dpa, Marijan Murat, mut cul bwe kno pil

Corona-Virus bremst Emissionen

Während die andauernde Corona-Pandemie weiterhin Menschenleben fordert, konnte in der ersten Jahreshälfte 2020 ein beispielloser Rückgang der CO2-Emissionen festgestellt werden – stärker als während der Finanzkrise von 2008, der Ölkrise von 1979 oder sogar während des Zweiten Weltkriegs. Ein internationales Forscherteam hat herausgefunden, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 8,8 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen wurden als im gleichen Zeitraum im Jahr 2019 – ein Rückgang von insgesamt 1551 Millionen Tonnen. Die bahnbrechende Studie bietet nicht nur einen viel genaueren Blick auf die Auswirkungen von COVID-19, sondern macht auch Vorschläge, welche grundlegenden Schritte unternommen werden könnten, um das globale Klima nach der Pandemie dauerhaft zu stabilisieren.

Der Corona Zerfallsindex von wetter.de: So lange beeinflusst das Wetter COVID-19

Corona-Pandemie fuhren das öffentliche Leben zurück

 Frau mit Mundschutzmaske, sitzt in Zug, am Handy, Corona-Krise, Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland Coronavirus *** Woman with a face mask, sitting in Zug, on a mobile phone, corona crisis, Stuttgart, Baden Württemberg, Germany Coronavirus
Während des ersten Lockdowns durch COVID19 gingen die Emissionen zurück. © imago images/Michael Weber, Michael Weber IMAGEPOWER via www.imago-images.de, www.imago-images.de

„Was unsere Studie einzigartig macht, sind die akribisch, nahezu in Echtzeit gemessener Daten“, erklärt Hauptautor Zhu Liu vom Department of Earth System Science an der Tsinghua-Universität in Peking. „Durch die Berücksichtigung täglicher Zahlen, die die Forschungsinitiative Carbon Monitor gesammelt hat, konnten wir uns einen viel schnelleren und präziseren Überblick verschaffen – einschließlich Zeitreihen, die zeigen, wie der Emissionsrückgang mit den Lockdowns in den einzelnen Ländern korrespondiert hat. Im April, auf dem Höhepunkt der ersten Welle von Corona-Infektionen, als die meisten Länder ihr öffentliches Leben erheblich zurückfuhren, gingen die Emissionen sogar um 16,9 % zurück. Insgesamt führten die verschiedenen Ausbrüche zu Emissionssenkungen, die wir normalerweise nur kurzfristig an Feiertagen wie Weihnachten oder dem chinesischen Frühlingsfest erleben.“

Größter Rückgang der Emissionen im Landverkehr

Der Verkehr auf den Autobahnen hat durch das vermehrte Arbeiten von Zuhause aus nachgelassen.
Der Verkehr auf den Autobahnen hat durch das vermehrte Arbeiten von Zuhause aus nachgelassen. © dpa, Matthias Balk, mbk pil

Die Studie, veröffentlicht in der neuesten Ausgabe von Nature Communications, zeigt, welche Teile der Weltwirtschaft am stärksten betroffen waren. „Die größte Emissionsreduktion fand im Bereich des Landverkehrs statt“, erklärt Daniel Kammen, Professor und Vorsitzender der Energy and Resources Group sowie Professor an der Goldman School of Public Policy, University of California, Berkeley. „Vor allem aufgrund des weit verbreiteten Arbeitens von Zuhause gingen die CO2-Emissionen im Verkehr weltweit um 40% zurück. Im Gegensatz dazu trugen der Energie- und der Industriesektor mit -22 %, bzw. -17 % weniger zu diesem Rückgang bei, ebenso wie der Luft- und der Schifffahrtssektor. Überraschenderweise verzeichnete sogar der Wohnsektor einen kleinen Emissionsrückgang um 3 %: Das lag daran, dass aufgrund eines ungewöhnlich warmen Winters auf der Nordhalbkugel der Heizverbrauch zurückging, obwohl die meisten Menschen während des Lockdowns viel mehr zu Hause waren.“

Rückkehr zur Gewohnheit im Juli

Um dieses umfassende Bild zu zeichnen, stützten sich die Forscher bei ihren Schätzungen auf eine möglichst breite Palette von Daten: präzise, stündliche Datensätze der Stromerzeugung in 31 Ländern, täglicher Fahrzeugverkehr in mehr als 400 Städten weltweit, tägliche Passagierflüge, monatliche Produktionsdaten für die Industrie in 62 Ländern sowie Brennstoffverbrauchsdaten für Gebäudeemissionen in mehr als 200 Ländern.

Die Forscher ermittelten jedoch auch starke Rückfall-Effekte. Mit Ausnahme eines anhaltenden Rückgangs der Emissionen aus dem Verkehrssektor erreichten die meisten Volkswirtschaften im Juli 2020, sobald die Sperrmaßnahmen aufgehoben wurden, wieder ihr gewohntes CO2-Niveau. Doch selbst wenn sie auf ihren historisch niedrigen Level verharrten, würde sich dies nur geringfügig auf die langfristige CO2-Konzentration in der Atmosphäre auswirken.

Strukturelle Veränderung statt weniger Aktivität

ARCHIV - In einer Montagehalle der Firma «MTU Reman Technologies» in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) wird am 23.04.2015 am Zylinderkopf eines Motors gearbeitet. Foto: Jens Wolf/dpa (zu dpa «IHK: Wirtschaft sieht im Iran lukrativen Absatzmarkt» vom 23.07.2
Die Autoren halten es für wichtig, die CO2-Intensität der globalen Wirtschaft zu senken. © dpa, Jens Wolf

Daher betonen die Autoren, dass die einzig effektive Strategie zur Stabilisierung des Klimas nur eine Transformation des Industrie- und Handelssektors sein kann. „Dieser CO2-Rückgang ist zwar beispiellos, doch ein Rückgang menschlicher Aktivitäten kann nicht die Antwort sein“, sagt Ko-Autor Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. „Stattdessen brauchen wir umfassende strukturelle Veränderungen in unseren Energieproduktions- und -verbrauchssystemen. Individuelles Verhalten ist sicherlich wichtig, aber worauf wir uns wirklich konzentrieren müssen, ist die Verringerung der CO2-Intensität unserer globalen Wirtschaft.“

Corona und Luftverkehr

Die Anzahl der Flüge in 2020 (Blau) hat  im Gegensatz zum Jahr 2019 (Rot) deutlich abgenommen.
Die Anzahl der Flüge in 2020 (Blau) hat im Gegensatz zum Jahr 2019 (Rot) deutlich abgenommen. © flightradar24.com

Der weltweite Flugverkehr ist in den letzten Jahren immer weiter gestiegen, und hat die  klimaschädlichen CO2-Emissionen in die Höhe getrieben. Nun ist er eingebrochen. Waren zu Beginn des Jahres 2020 noch mehr Flugzeuge unterwegs als zum Jahresbeginn der Vorjahre, ist der Flugverkehr aufgrund der Corona-Krise nun stark gefallen. Das zeigt sich auch hier vor allem im für den Flugverkehr entscheidenden Ultrafeinstaub-Wert (NO2).

Fürs Klima entscheidend: CO2

Für die Erderwärmung ist Kohlenstoffdioxid (CO2) (neben anderen Treibhausgasen) entscheidend. In China, wo die Corona-Pandemie ihren Anfang nahm, ging der CO2-Ausstoß im Februar 2020 um etwa ein Viertel zurück. Wissenschaftler beobachten seitdem, dass der CO2-Anstieg in der Atmosphäre langsamer als üblich verläuft.

Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 erreichen

ARCHIV - 17.10.2019, Brandenburg, Nuthetal: Zwei Autos fahren über die Landstraße L79 zwischen herbstlich gefärbten Bäumen (Luftaufnahme mit einer Drohne). (Zu dpa «CO2-Schlucker: Sind Bäume Klima-Retter?») Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dp
Der Verkehr hat während der Corona-Krise deutlich abgenommen und damit auch die CO2-Emissionen. © dpa, Monika Skolimowska, skm kno dul wst

Geplant war, dass Deutschland bis 2020 seine CO2-Emission gegenüber 1990 um 40 Prozent reduziert. Dass das gelingt, hat schon lange keiner mehr geglaubt. Nun könnte es doch noch klappen. Die Onlineseite klimareporter.de berichtet über eine Studie des Thinktanks Agora Energiewende, nach deren Prognose Deutschland es jetzt schaffen könnte. Entscheidend sind neben dem milden Winter die Abgaseinsparungen aufgrund der Corona-Krise.

TVNOW-Doku: Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus

Das Corona-Virus hält Deutschland und den Rest der Welt in Atem. Wie können wir das Virus besiegen? In der TVNOW-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus" gleichen die Autoren im zweiten Teil die verschiedenen Maßnahmen einzelner Länder rund um den Globus mit den aktuellen Empfehlungen von Forschern ab. Dazu begeben sie sich auch in die Epizentren der Coronakrise und sprechen mit Betroffenen. Dabei suchen sie nach seriösen Hinweisen, welche Wege am ehesten und schnellsten aus der globalen Krise führen können.