Experte zu Schädlingsbefall

Warum unsere Kastanien jetzt schon herbstlich welken - und wie wir ihnen helfen können

von Philip Altrock

Passanten gehen am 18.08.2017 in Dresden (Sachsen) hinter den Blättern eines Kastanienbaumes durch den Volkspark Großer Garten. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Die Miniermotte lässt buntem Laub keine Chance - schon im Sommer werden die Blätter der Kastanie braun.

Wer im August einen Spaziergang durch den Park unternimmt und Bäume sieht, die schon jetzt braune und herabfallende Blätter haben, darf davon ausgehen, dass er auf Rosskastanien blickt. Diese haben sich keinesfalls in der Jahreszeit vertan, sondern sind Opfer kleiner Schädlinge geworden, die ihre Blätter zerstören und ihnen schon im Spätsommer eine herbstliche Optik verpassen. Die Miniermotten sind wieder am Werk.

Hungriger Nachwuchs mit Appetit auf Grünes

Die Frage, warum manche weißblühenden Rosskastanien sich scheinbar schon Monate vor anderen Bäumen entscheiden, in den Herbst zu wechseln, ist schnell beantwortet. Es handelt sich bei ihnen nicht etwa um eine Pflanzenart, die früher ihrer Blätter abwirft, um als erste den Herbst einzuläuten. Und auch der Klimawandel ist ausnahmsweise mal nicht für dieses Phänomen verantwortlich.

Hier handelt es sich um einen Angriff, einen Befall fieser kleine Schädlinge. Es sind nämlich die Larven der Miniermotte, die den Kastanienbäumen zusetzen. Noch in Eiern landen sie, abgelegt von ihren Eltern, auf den Blättern der Bäume. Anschließend schlüpfen sie – und befinden sich direkt auf ihrer Mahlzeit. Gierig fressen sie sich durch die Blätter und sättigen sich an den Nährstoffen, die dort gespeichert sind.

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Mehrere Befälle – im Jahr!

Tatsächlich wird eine weißblühende Rosskastanie, wenn sie die Miniermotten einmal am Hals hat, mehrere Male im Jahr durch sie drangsaliert. Die welkenden und herabfallenden Blätter sind lediglich die erste, wirklich sichtbare Folge.

So gibt es mehrere Generationen dieser Parasiten, die über die Bäume herfallen. Die erste Runde der Larven, die im Frühling schlüpft, richtet vorerst nur einen geringeren Schaden an. „Sie fressen nur die grüne, photosynthetisch aktive Schicht der Blätter“, erklärt Dr. Giselher Grabenweger. Er ist Insektenforscher für Agroscope, eine Forschungsinstitution, die dem Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft angehört.

Demnach frisst die erste Runde Mottenlarven lediglich „Minen“ in die Blätter hinein – ohne Löcher, die man von außen sehen könnte. Die Wasserversorgung der Blätter bleibt vorerst verschont. „Nach der ersten Generation, etwa bis Juni, gibt es daher noch grüne Blätter mit braunen Punkten, unter denen sich die Minen befinden“, so Grabenweger.

Sind diese Larven ausgewachsene Motten, legen sie bereits ab August neue Eier, aus denen die nächste Runde Blattfresser schlüpft. Grabenweger zufolge ist der „Befall durch die zweite Generation der Falter so stark, dass die Blätter durchgehend miniert werden und welken“. Sie werden braun und fallen zu Boden – die Folge ist der vorzeitige „Scheinherbst“ der Bäume.

Die Larven überwintern – und greifen im nächsten Jahr erneut an

10.08.2022, Niedersachsen, Hannover: Eine von der Rosskastanienminiermotte befallene Kastanie trägt aufgrund der Trockenheit und direkter Sonneneinstrahlung besonders trockene Blätter. Nach Angeben des Dürremonitors des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung wird für weite Teil des südlichen Niedersachsens eine extreme Dürre vermeldet, teilweise sogar die höchste Warnstufe ·außergewöhnliche· Dürre. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Einmal befallen - immer befallen? Weil die Larven in den abgefallenen Blättern überwintern, können sie den Baum im folgenden Jahr erneut angreifen

Wer betroffene weißblühende Rosskastanien in seiner Umgebung hat, wird merken, dass die Bäume meist jedes Jahr früh welken. Fast in einer Art Routine. Das liegt daran, dass die Larven der Miniermotte einen Weg gefunden haben, ganz in der Nähe der Kastanien zu überwintern: in den abgestorbenen Blättern auf dem Boden.

Dort puppen sie sich in Kokons ein und harren die kalten Monate aus. „Die überwinternde Generation schlüpft Anfang Mai als Falter aus den Puppen, etwa zur Zeit der Kastanienblüte“, erklärt Grabenweger. Anschließend legen sie Eier für die Generation, die im Frühling und Sommer wieder mit dem ersten, noch milderen, Befall beginnen. Es bildet sich ein Kreislauf, der sich jedes Jahr wiederholen kann.

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Der Klimawandel hat hier möglicherweise eine Teilschuld am Problem: durch wärmer werdende Winter können mehr Larven überleben, die im kommenden Frühling wieder Eier legen.

Keine Baumkiller - aber Komplizen

Wissenswert ist, dass Rosskastanien – mit oder ohne unserer Hilfe – nicht an Miniermotten-Befällen zugrunde gehen. Vielmehr sind die gefräßigen Blattvernichter mögliche Mittäter, wenn Bäume absterben. Problematisch wird es vor allem, wenn Kastanien etwa auf zu trockenem Boden stehen. Das macht Parasitenangriffe gefährlicher, weil die Pflanzen gestresster und schutzloser sind.

Obwohl in ganz Deutschland Miniermotten ihr Unwesen treiben, ist es gerade im Nordosten des Landes schon öfter vorgekommen, dass Rosskastanien auf trockenem Boden einen zusätzlichen Angriff der Insekten nicht verkraften konnten. Sie sind abgestorben.

Was wir tun können

Meise auf Geländer: Die Schädlinge sind unter den braunen Flecken in den Blättern - für die Vögel leicht zu finden
Kastanienrettung mit Appetit: Meisen können die schädlichen Larven aus den Blättern picken und essen.

Doch wir können den Bäumen helfen. Der Experte rät: „Es ist wichtig, dass die abgefallenen Rosskastanienblätter im Herbst so gründlich wie möglich aufgesammelt und in einer Grünkompostierungsanlage mit genügend Wärmeentwicklung kompostiert werden.“ So könne ein Großteil der überwinternden Mottenpuppen zerstört werden. Der anschließende Frühlingsbefall wäre nicht so stark.

„In heißen Sommerwochen nützt zudem die Bewässerung junger Bäume“, ergänzt Grabenweger. „Bei alten ausgewachsenen Kastanien ist das weniger wichtig:“ Von Insektenvertilgungsmitteln rät er jedoch ab. „In meinen Augen sind sie nicht gerechtfertigt, da der Schaden an den Bäumen in erster Linie ästhetischer Natur ist“.

Neben der menschlichen Hilfe hoffen Experten, dass die Natur künftig noch besser in der Lage sein wird, sich selbst gegen die Schädlinge zu wären. Schon jetzt gibt es einige tierische Unterstützer. „Beispielsweise picken Meisen gerne die Blattminen auf, um an die Raupen zu gelangen. Außerdem gibt es parasitische Wespen, die auf Minierer spezialisiert sind“, erklärt Grabenweger.

Miniermotten sind ein junges Problem

Rosskastanien sind eigentlich schon seit Jahrhunderten beliebte Stadtbäume, gerade wegen ihrer schönen Blätter und Blüten. Die gefräßigen Parasiten, die dieser Pracht aber schon im August ein vorzeitiges Ende setzen, haben sich erst in den 1980er- und 1990er-Jahren explosionsartig in ganz Europa ausgebreitet.

Ihr Herkunftsort liegt allerdings in einer ganz anderen Gegend. „Mittlerweile vermutet man – basierend auf genetischen Daten – dass der Ursprung der Rosskastanienminiermotte sich auf dem südlichen Balkangebiet befindet“, so Grabenweger. Die Insekten wurden dort erstmals in der Natur entdeckt – in Schluchten, die eigentlich nur schwer zugänglich sind. Wie genau sie sich ausgebreitet haben, ist unklar. Wie bei vielen anderen invasiven Arten auch ist jedoch wahrscheinlich, dass Menschen selbst die Tiere in neue Lebensräume verschleppt haben.

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Für die weitere Ausbreitung bei uns in Deutschland sind Menschen möglicherweise noch auf eine andere Art mitverantwortlich. „Man kann für verschiedene invasive Arten mittlerweile nachweisen, dass sie sich entlang von Hauptverkehrsrouten als ‚blinde Passagiere‘ ausbreiten“, erklärt Grabenweger.

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