Besuch bei der Wissenschaftlerin in Oxford

Oliver Scheel im Gespräch mit Klimaforscherin Dr. Friederike Otto

Vom "Time-Magazin" zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gezählt

Wenn Friederike Otto spricht, hören die Menschen zu. Die Klimatologin forscht auf dem Gebiet des Extremwetters – und das ist nicht erst seit der Flutkatastrophe im Westen ein brandaktuelles Thema. Denn unser Klima verändert sich, die Sommer werden heißer, Starkregenfälle mehren sich, Brände. Auf seinem Weg zur UN-Klimakonferenz nach Glasgow hat unser Fahrrad-Reporter Oliver Scheel die 39-Jährige in Oxford getroffen.

Ihre zentrale Aussage klingt logisch: „Klimaschutz darf weh tun, Veränderungen tun immer irgendwem weh. Aber Nichtstun tut sehr vielen Menschen sehr viel mehr weh.“

Das Tagebuch von Oliver Scheels Reise nach Glasgow finden Sie hier

Fluten an der Ahr: Was war Wetter, was schon Klimawandel?

Was hat der menschengemachte Klimawandel schon mit der Erde angestellt?

„Wir können die Temperatur nicht mehr senken. Wir sind jetzt schon bei 1,2 Grad Erwärmung. Wir müssen schlichtweg damit aufhören, fossile Brennstoffe zu verfeuern. So lange wir das tun, wird die globale Mitteltemperatur weiter steigen“, sagt sie im Gespräch mit mir in einem Park von Oxford. „Hitzewellen werden noch heißer, Dürren werden zunehmen.“

„Das Jahr 2021 hat wirklich jedem klar gemacht, dass der Klimawandel nicht in der Zukunft stattfindet, sondern jetzt und hier. Die Hitzewelle in Kanada wäre ohne Klimawandel gar nicht aufgetreten. Es gibt auch sogenannte Compound-Events, also komplexe Ereignisse wie Hitze und Dürre gleichzeitig oder der Anstieg des Meeresspiegels und Starkregen.“

Gibt es Profiteure vom Klimawandel?

„Es gibt keine Region auf der Welt, die nicht vom Klimawandel betroffen ist. Es gibt Bereiche, die vom Klimawandel profitieren, mein Lieblingsbeispiel ist der britische Champagner, der ist ausgezeichnet, dank des Klimawandels.“

Was erhoffen Sie sich von der Klimakonferenz in Glasgow?

Interview oliver scheel friederike otto
Friederike Otto im Gespräch mit Oliver Scheel in Oxford.

„Glasgow muss die Nationalstaaten dazu bewegen, nicht nur Klimaziele für in 30 Jahren auszugeben, sondern auch konkrete Pläne, wie diese Ziele zu erreichen sind. Das ist das Wichtigste, was wir jetzt brauchen.

Klimapolitik ist nichts, was einmal im Jahr auf einer Konferenz verhandelt wird. Es muss in jedem Ressort, in jedem Ministerium, bei allen Entscheidungen überprüft werden, ob sie mit den Klimazielen vereinbar sind. Klimaziele machen wir ja nicht für das Klima, sondern für uns Menschen. Ich hoffe, dass Glasgow ein wenig zur sozialen Gerechtigkeit beitragen kann.“

Was würden Sie als erste Maßnahme als Politikerin machen?

„Genauso wie wir alle Entscheidungen prüfen, ob sie die Menschenrechte verletzen, müssen wir Entscheidungen prüfen, ob sie unseren Klimazielen nicht im Wege stehen.

Natürlich darf Klimaschutz wehtun, Klimaschutz wird auch wehtun. Aber es hat auch ganz viele andere Vorteile. Veränderungen tun immer irgendwem weh. Aber Nichtstun tut sehr vielen Menschen sehr viel mehr weh.“

Der Klimawandel schreitet voran - ist es schon zu spät?

Hitzewelle in Kroatien
Hitzewellen töten sehr viele Menschen. Und je mehr Treibhausgase wir emittieren, umso höher die Wahrscheinlichkeit für Hitze. © imago images/Pixsell, Grgo Jelavic/PIXSELL via www.imago-images.de, www.imago-images.de

„Es ist noch nicht zu spät. Aber je länger wir CO2 emittieren, desto länger wird die Temperatur steigen. Desto mehr werden wir extreme Hitze und so weiter erleiden. Aber: Wenn wir die Emissionen auf Nettonull senken, dann wird die Temperatur aufhören zu steigen.

Wir können also die Erderwärmung begrenzen. Bei einer Erhöhung der Temperatur auf 1,6 Grad oder 1,7 Grad geht die Welt nicht unter. Die Folgen sind aber dramatischer. Es sterben mehr Menschen, die Kosten sind höher.“

Haben Sie selbst manchmal Angst vor der Zukunft?

Die Klimatologin Friederike Otto in einem Park in Oxford.
Angst um ihre Zukunft hat sie nicht, aber Friederike Otto sorgt sich um die soziale Gerechtigkeit auf der Welt.

„Nein, ich habe keine Angst vor der Zukunft, ich bin in einer extrem privilegierten Situation. Es sind nicht Menschen wie ich, die in Hitzewellen sterben oder ihre Lebensgrundlage verlieren. Insofern habe ich keine Angst um meine Zukunft. Aber wir haben eine große Herausforderung vor uns. Ich hoffe sehr, dass wir die Krise so bewältigen, dass die Welt eine gerechtere wird. Der Klimawandel ist einfach auch ein Gerechtigkeitsproblem.“

Unsere Wettertrends und Themenseiten

Sollten Sie Interesse an weiteren Wetter-, Klima- und Wissenschaftsthemenhaben, sind Sie bei wetter.de bestens aufgehoben. Besonders ans Herz legenkönnen wir Ihnen auch den 7-Tage-Wettertrend mit der Wetterprognose für die kommende Woche. Dieser wird täglich aktualisiert. Falls Sie weiter in die Zukunft schauen möchten, ist der 42-Tage-Wettertrend eine Option. Dort schauen wir uns an, was auf uns in den kommenden Wochen zukommt. Vielleicht interessiert Sie eher wie sich das Klima in den vergangenen Monaten verhalten hat und wie die Prognose für das restliche Jahr aussieht. Dafür haben wir unseren Klimatrend für Deutschland.

Damit Sie auch unterwegs kein Wetter mehr verpassen, empfehlen wir unsere wetter.de-App für Apple- und Android-Geräte.

Wüstenstaat Deutschland - Die TVNOW-Doku im Online Stream

(osc)