Neue Golfstrom-Modellierung
Diese Temperaturen lassen uns erschaudern: So stark würde Europa beim Zusammenbruch des Golfstroms abkühlen

Was passiert in Europa, wenn der Golfstrom versiegt? Studien weisen darauf hin, dass diese gigantische Umwälzpumpe im Atlantik schwächer wird, gar vollständig zum Erliegen kommen könnte. Das hätte enorme Folgen für uns: Es würde bedeutend kälter. Wie kalt, das zeigen neue Enthüllungen: Es drohen heftige Winter mit knackigen Kältewellen und bisher nicht dagewesenen Temperaturen.
Was macht der Golfstrom eigentlich?
AMOC macht es warm für uns. Wie bitte? AMOC ist die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (Atlantic Meridional Overturning Circulation auf englisch, Abkürzung AMOC). Im Volksmund der Golfstrom. Das milde Klima in Europa und die Niederschlagsverteilung weltweit wird entscheidend geprägt durch diesen Teil dieser riesigen Umwälzströmung.
Er bringt warmes Ozeanwasser nach Norden, wo es abkühlt und sinkt und so die atlantische Strömung in Gang setzt. Der Weltklimarat IPCC warnt, dass ein Kollaps der Zirkulation durch große Mengen an Schmelzwasser aus polaren Gletschern ausgelöst werden könnte.
Eiszeit trotz Erderwärmung am Beispiel Berlin
Nun zu der aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift „Geophysical Research Letters” erschien. René M. van Westen vom Königlich-Niederländischen Meteorologischen Institut (KNMI) und Michiel Baatsen vom Institut für Meeres- und Atmosphärenforschung der Universität Utrecht untersuchten die Auswirkungen einer starken klimabedingten Abschwächung beziehungsweise eines Kollapses der AMOC auf Temperaturen in Europa.

Was hieße das für Berlin? Mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in zehn Jahren könnten eisige Winter mit Temperaturen von bis zu -29,3 Grad eintreten. Die Winter in Berlin würden im Schnitt um 2,8 Grad kälter werden. Es kämen pro Jahr 54 Tage hinzu, an denen Minusgrade erreicht werden und weitere 28 Tage, an denen die Höchsttemperatur nicht über 0 Grad steigt. Die Extremtemperaturen würden in beide Richtungen zunehmen. In den Sommern müssten wir also trotzdem mit Hitzewellen rechnen, die noch mehr Hitze bringen als jetzt. Das Wetter wird also insgesamt extremer. Die Forscher legten bei ihren Berechnungen eine Erderwärmung von zwei Grad und eine gleichzeitige 80-prozentige Abschwächung der Umwälzströmung zugrunde.
Diese Orte werden zu Eis-Städten
Mit diesen Extremwerten stehen wir Deutschen noch vergleichsweise gut da. Denn viel schlimmer als Deutschland und Mitteleuropa würde es die Nordeuropäer und die Briten treffen.
Denn in diesen Regionen würde es laut der Berechnungen um 15 Grad Celsius kälter werden. Extreme Kälteereignisse würden sogar 25 Grad unter dem vorindustriellen Niveau liegen. Ein Wahnsinn. In Trondheim (Norwegen) zum Beispiel würden die Winter 15 Grad kälter sein als heute. Edinburgh (Schottland) müsste mit 164 Frosttagen im Jahr rechnen - das sind 133 mehr als jetzt! In einem von zehn Wintern würden die Temperaturen auf -29 Grad fallen. Solche Werte sind jetzt für Edinburgh komplett unvorstellbar. Dort herrscht ein eher mildes Klima vor.

In Paris würde einmal in zehn Jahren die Temperatur auf -18 Grad fallen, in Trondheim gar auf -49. Diese Abkühlung resultiert aus der Ausweitung des arktischen Meereises. An den Küsten der Nordsee würde das Wasser bei einem Ende des Golfstroms häufiger zufrieren. Dann würde der wärmende Einfluss des Meeres komplett fehlen.
Drastische Veränderungen für einige Regionen in Europa
„Das relativ milde Klima einer Stadt wie Edinburgh würde drastische Veränderungen erfahren. Beispielsweise würde es 164 Tage mit Tiefsttemperaturen unter Null geben, das entspricht fast 50 Prozent des Jahres und einem Anstieg von 133 Tagen im Vergleich zum vorindustriellen Klima“, sagte Michiel Baatsen, Co-Autor der Studie. „Das skandinavische Klima würde in einem solchen Szenario deutlich kälter werden, und selbst Norwegens typisch milde Westküste könnte Temperaturen unter -40 Grad erreichen – ein Rückgang von 25 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Klima“, fügte er hinzu.
Aus früheren Studien ist bekannt, dass ein schwächeres Zirkulationssystem auch zu weniger Niederschlägen in Europa und einem schnelleren Anstieg des Meeresspiegels im Atlantik führen würde.
Warum soll der Golfstrom denn versiegen?
Forscher gehen davon aus, dass der veränderte Salzgehalt des Meeres durch den hohen Eintrag von Süßwasser wegen der massiven Gletscherschmelze die Umwälzpumpe stört. Die Folge wäre eine Erwärmung und Verdünnung des salzhaltigen Meerwassers. Dadurch könnte das Absinken der kalten Wassermassen verringert werden und die Zirkulation abgeschwächt bzw. sogar zum Erliegen gebracht werden.
„Anhaltende Treibhausgasemissionen führen zu weiteren extremen Klimaauswirkungen und mehr Hitzewellen, Dürren und anderen extremen Wetterereignissen. Je länger wir fossile Brennstoffe verbrennen, desto schlimmer werden diese. Gleichzeitig bringt uns jedes Grad globale Erwärmung dem Zusammenbruch der AMOC näher. Unsere neue Studie zeigt, dass dies Europa ins andere Extrem führen würde – eine eiskalte Zukunft“, sagte van Westen.
So paradox es klingt: Je mehr wir den Planeten aufheizen, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Golfstrom versiegt. Dann würde es zwar auf der Welt insgesamt wärmer, aber in Europa massiv kälter.
(osc)