Salat ohne Schwerkraft
Warum Weltraumgärten unsere Zukunft verändern könnten

Ein Salatblatt schwebt durch den Raum, grell beleuchtet von violettem LED-Licht. Was aussieht wie ein kurioser PR-Gag der Raumfahrt, ist in Wahrheit harte Grundlagenforschung. Auf der Internationalen Raumstation wird seit Jahren untersucht, wie Pflanzen unter extremen Bedingungen wachsen. Die Erkenntnisse entscheiden nicht nur über das Gelingen künftiger Mond- und Marsmissionen, sondern liefern auch überraschend konkrete Antworten auf Probleme hier auf der Erde.
Der erste Biss in eine neue Ära
Im August 2015 wird Raumfahrtgeschichte geschrieben. Scott Kelly, Kjell Lindgren und Kimiya Yui ernten und essen erstmals Salat, der vollständig im All gewachsen ist. An Bord der International Space Station ist frisches Grün eine Seltenheit, der Speiseplan besteht meist aus aufgewärmten Fertiggerichten. Der Salat bringt Vitamine, Abwechslung und sichtbar gute Laune.
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Pflanzen als Lebensversicherung im All
Für Außenposten auf dem Mond oder spätere Marsmissionen reicht Nachschub von der Erde nicht mehr aus. Zu teuer, zu kompliziert, zu riskant. Raumfahrtagenturen wie die NASA setzen deshalb auf geschlossene Systeme, in denen Pflanzen Nahrung liefern, Sauerstoff produzieren, Kohlendioxid binden und Wasser reinigen. Ohne Pflanzen kein dauerhaftes Leben fern der Erde.
Rotes Licht für große Blätter
Pflanzen im All müssen mit Bedingungen klarkommen, für die sie nie gemacht waren. Ohne Schwerkraft verlieren Wurzeln und Sprosse ihre Orientierung. Statt klar nach unten oder oben zu wachsen, entwickeln sie unregelmäßige Formen. Licht wird zum wichtigsten Orientierungspunkt. Mit gezielter LED-Beleuchtung aus rotem und blauem Licht lässt sich das Wachstum steuern, sogar Geschmack und Nährstoffgehalt können beeinflusst werden. Rotes Licht sorgt für größere Blätter, blaues Licht für stabile Keimung. Fast schon wie ein Dimmer für Gemüse.
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Stress für Pflanzen? Macht nichts!
Dazu kommt die stärkere Strahlung im All. Sie setzt Pflanzen unter Stress und kann ihre Zellen schädigen. Überraschend ist aber, wie gut sich viele Gewächse schützen. Sie schalten innere Schutzprogramme ein, bewahren ihr Erbgut und reparieren Schäden schneller. Diese Forschung ist nicht nur für die Raumfahrt spannend, sondern liefert auch neue Ideen für robuste Pflanzen und gesunde Zellen auf der Erde.
Was die Erde davon hat
Was unter Extrembedingungen funktioniert, ist auch für die Erde hochinteressant. Vertikale Farmen, Gewächshäuser in trockenen Regionen oder urbane Landwirtschaft profitieren direkt von den Erkenntnissen aus dem All. Präzise Beleuchtung spart Energie, geschlossene Wasserkreisläufe reduzieren Verbrauch, robuste Pflanzen kommen besser mit Hitze und Trockenheit zurecht. Selbst die Medizin schaut genau hin, denn der Umgang von Pflanzen mit Zellstress liefert Hinweise für Alters- und Krebsforschung.
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Grün für die Psyche
Weltraumgärtnern ist mehr als Technik. Astronauten berichten von Ruhe, Vertrautheit und emotionaler Bindung zu ihren Pflanzen. Ein paar Blätter können im sterilen Alltag der Raumstation erstaunlich viel bewirken. Ein Effekt, der auch für extreme Lebensräume mit extremen Klimabedingungen auf der Erde relevant ist.
Der Blick nach vorn
Ab 2027 sollen Pflanzen mit der Artemis-3-Mission erstmals unter realen Mondbedingungen wachsen. Die Daten entscheiden darüber, ob Landwirtschaft fern der Erde möglich ist. Und sie zeigen, wie viel Potenzial in einem Salatblatt steckt – im All und hier unten.
Quellen: Spektrum.de, NASA ISS Research, DLR Pflanzenexperimente im All, ESA Life Sciences, Artemis-Programm