Das vom Menschen gemachte Erdzeitalter: Anthropozän

Anthropozän, Wissenschaft, Klima
Plastik im Meer: Die Welt wird immer mehr vom Menschen bestimmt. © dpa, Daphne Tieleman

Wissenschaftler rufen das Anthropozän aus

Weltweit hat der Mensch unbeabsichtigt die Natur völlig umgekrempelt, wenn nicht zerstört. Zahlreiche Tiere sind ausgerottet, Plastikteilchen finden sich in Tümpeln wie in Ozeanen. Für die Wissenschaft ist daher klar: Es muss ein neues Erdzeitalter ausgerufen werden: Das vom Menschen gemachte, genannt das Anthropozän.

Geologen spüren in Sedimenten Vieles auf: Spuren neuer Materialien wie elementares Aluminium, Beton und Kunststoffe. Den menschlichen Einfluss sehen sie als so groß an, dass sie ein neues Zeitalter der Erdgeschichte definieren wollen: das Menschen-Zeitalter. Belege haben sie jüngst im Journal 'Science' zusammengetragen.

In der Fachwelt brodelt die Debatte schon länger. Den Anstoß gab der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000. Er sagte damals, er halte den aktuellen erdgeschichtlichen Abschnitt, das sogenannte Holozän, eigentlich für beendet. Jene Zeit, die vor etwa 11.700 Jahren nach dem Ende der jüngsten Eiszeit begann, war von weitgehend verlässlichen Umweltverhältnissen gekennzeichnet. Inzwischen hat der Mensch mit seinen technologischen Entwicklungen das Ruder herumgerissen: Abgeleitet aus dem Griechischen (ánthropos für Mensch) prägte Crutzen für sein Zeitalter-Konzept den Begriff Anthropozän. Offiziell ist die Bezeichnung bisher nicht.

In Deutschland ist es vor allem der Geologe Reinhold Leinfelder (FU Berlin), der sich für die Verbreitung der Idee bei Laien stark macht. Auch Ausstellungen und Comics gab es schon zu dem Thema. In 'Science' untermauern vor allem Geologen aus einer Anthropozän-Arbeitsgruppe, dass wir bereits im neuen Zeitabschnitt leben. "Wir haben alles zusammengetragen, was es gibt - alle Kriterien, die nun aussagen, dass das Anthropozän unterschiedlich ist vom Holozän", sagt Leinfelder.

Die Spuren in den Sedimenten zählen dazu ebenso wie die CO2-Konzentration in der Atmosphäre und das Ausmaß des Artensterbens. Damit sei gezeigt, dass das Anthropozän auf Fakten basiere, erklärte Mitautor Jan Zalasiewicz (Uni Leicester). Die Veränderungen seien so groß wie die am Ende der jüngsten Eiszeit, sagte Mitautor Colin Waters (British Geological Survey) dem 'Guardian'.

Leinfelder sieht die Studie als gute Grundlage für die Entscheidung, ob der Abschnitt auch formell eingeführt werden soll. Noch in diesem Jahr könnte das geschehen: Die zuständige Internationale Kommission für Stratigraphie tagt voraussichtlich Ende August. Doch die Standards wollen es so, dass man sich auf einen Startzeitpunkt für das Anthropozän einigen muss. Zur Debatte standen etwa der Beginn der Industrialisierung um 1800, als großflächig Wälder zugunsten der Landwirtschaft abgeholzt wurden, oder die Entdeckung Amerikas, weil sich Arten dann erstmals zwischen Kontinenten ausbreiteten.