Außer Regen nichts gewesen...

Wettervorhersage fürs Wochenende: Wo waren die Unwetter im ganzen Land?

200629 Unwetter. Schwere Unwetter am Sonntagabend mitten am Chiemsee Eine Gewitterfront formierte sich direkt vor dem Chiemsee und überquerte diesen mit voller Macht. Im Zeitraffer sieht man den Aufzug einer sogenannten Superzelle. Was für ein Naturs
Unwetter in Deutschland: Am Chiemsee in Bayern krachte es am Sonntag gewaltig. © imago images/Bernd März, Bernd März via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Unwetter oder nicht? Kleinste Abweichungen reichen für Fehlprognosen

Haben Sie Unwetter am Wochenende erwartet, aber es kamen bei Ihnen keine runter? In einem solchen Fall können Sie sich freuen oder auf die ungenauen Prognosen der Wetter-Experten schimpfen. Für beide Varianten empfiehlt es sich aber zu wissen, warum sich ausgerechnet bei Ihnen doch kein Gewitter entwickelt hat.

Spieglein an der Wand, wo waren die Gewitter im ganzen Land – oder warum reichen kleine Abweichungen in der Sommer-Atmosphäre für gefühlt grobe Fehlprognosen.

Ein Kommentar von RTL-Chef-Meteorologe Christian Häckl

Unwetter-Vorhersage nach dem Motto "Alles kann, nichts muss"

Eines vorne weg: Es war nie in unseren Vorhersagen geplant, dass das ein außergewöhnliches Unwetterwochenende werden sollte. So haben wir gewarnt: „Lokale Unwetter durch Starkregen, Hagel und Sturmböen inkl. voller Keller oder Überflutungen sind zwar überall möglich, eine schwere Unwetterlage, sehen wir aber nicht. Das gilt auch für Sonntag.“

Soweit, so gut, und auch die Bilanz dieses Wochenendes kann sich (punktuell) sehen lassen: Schwere Gewitter gab es am Freitagabend z.B. rund um Stuttgart mit Tornado, am Samstag einen Tornado an der Nordsee, am Sonntag eine Mega-Superzelle über dem Chiemsee mit Böen bis Tempo 130.

News BIlder des Tages 200629 Unwetter. Schwere Unwetter am Sonntagabend mitten am Chiemsee Eine Gewitterfront formierte sich direkt vor dem Chiemsee und überquerte diesen mit voller Macht. Im Zeitraffer sieht man den Aufzug einer sogenannten Superzel
Eine Gewitterfront formierte sich am Sonntagabend über dem Chiemsee. © imago images/Bernd März, Bernd März via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Der Unwetter-Fahrplan sah anders aus

Was aber natürlich stimmt, dass wir uns den Ablauf etwas anders vorgestellt haben! Los ging‘s mit den Ungereimtheiten schon Freitagabend, als zum einen die Gewitter um ein Haar um 19 Uhr schon in Köln waren, obwohl sie frühestens um Mitternacht da sein sollten. Und gerade im Südwesten fielen sie stärker aus als gedacht.

Am Samstag dann das umgekehrte Problem: Die Schwüle lag bleiern überm Land, aber es fehlte vor allem im Westen der „Funke“, um auch Gewitter auszulösen. Sonntag war es im noch schwülen Osten und Süden ähnlich problematisch. Die Superzelle abends an den Alpen kam allerdings plangemäß.

Christian Haeckl.JPG
Christian Häckl: Warum kleine Abweichungen in der Sommer-Atmosphäre für gefühlt grobe Fehlprognosen reichen

Drei Zutaten machen das Sommerunwetter perfekt

Woran lag es? Für richtig schwere Gewitter/Unwetter im Sommer braucht es generell drei Zutaten:

  1. in unteren Schichten eine möglichst warme und möglichst feuchte Luftmasse, in die die Sonne möglichst lange rein bruzzelt,
  2. in höheren Schichten eine möglichst kühle/kalte Luftmasse und dazu sollte
  3. die Luft prinzipiell gewillt sein, aufzusteigen.


Ganz grob in Zahlen: Liegt die Temperaturdifferenz zwischen ca. 1.500 und ca. 5.500 Metern Höhe bei 30 oder mehr, dann geht die Welt unter. Liegt sie eher bei 25 passiert nur punktuell was Heftiges (Berge können helfen oder lokal zusammenströmende Winde), bei 20 passiert gar nichts.

Für das Wochenende waren ca. 25 Grad Differenz vorhergesagt, also genau die Kategorie mit dem Motto: Alles kann, nichts muss!  Es gab dann tatsächlich insgesamt etwas zu wenig Temperaturdifferenz (Labilität) für schwere Gewitter in der durchaus sommerlichen Atmosphäre.

Fazit: Kategorie Unwetter erfüllt

Daher sind wir in der Nachbetrachtung mit der Prognose zwar nicht zufrieden, wir würden es (mit Ausnahme des völlig trockenen Westens) aber auch nicht als schlimme Fehlprognose einschätzen. Die Gesamtbilanz mit 2 bis 3 Tornados, einigen Superzellen und Regenmengen von 50 Litern pro Stunde erfüllte durchaus die Kategorie Unwetter.

Und was wir jetzt auch schon wissen: Der „Schaukelsommer“ in dieser Woche mit dem schnellen Auf und Ab ist geradezu prädestiniert für Fehlprognosen, was genaue Lage, zeitliche Abfolge und Intensität der Gewitter z.B. am Mittwoch/Donnerstag betrifft.