Coach Michael Leister im Interview

Wie gelingt es, die Vergangenheit loszulassen?

Loslassen bringt Freiheit
Wer loslassen kann, wird sich freier fühlen. © iStockphoto, CHOAT BOONYAKIAT

Endlich nach vorne blicken

Ein schwerer Schicksalsschlag, eine Trennung, ein Trauerfall: Viele Menschen hadern mit ihrer Vergangenheit. Doch wer sie nicht loslassen kann, schadet sich nur selbst. Deswegen ist es wichtig, mit dem, was war Frieden zu schließen. Coach und Autor Michael Leister („Ich geh dann mal meinen Weg“* 🛒) verrät im Interview, wie es funktionieren kann.

von Isabel Michael

Warum klammern wir uns oft an die Vergangenheit?

Michael Leister: „Ich glaube das ist so, weil wir ganz viele Dinge noch nicht verarbeitet haben. Das Leben geht weiter, aber während das Leben an uns vorbei zieht, haben wir all das was passiert ist, noch nicht verarbeitet.“

Warum wollen wir oft gar nicht loslassen?

„Wir mögen keine Veränderungen. Das liegt in der Natur des Menschen. Veränderungen sind aber absolut normal und unumgänglich. Das Leben verändert sich zwar ständig, aber wir bleiben gerne die Menschen die wir sind. Oft entsteht der Gedanke, dass das Leben schlecht ist, weil etwas Schmerzhaftes passiert ist. Unsere subjektive Realität ist nicht immer das, was das Leben wiederspiegelt. Das bedeutet, dass unsere subjektive Wahrnehmung sich oft von dem unterscheidet, was um uns herum geschieht. Da setzt eben auch das Buch an, damit Menschen es schaffen mit der Zeit zu gehen.“

Warum ist es so wichtig, mit der Vergangenheit Frieden zu finden?

„Ich habe beobachtet, dass die Menschen oft gewillt sind etwas von der Persönlichkeitsentwicklung mitzunehmen. Jeder möchte sich weiterentwickeln. Die Leute sind motiviert, aber tun die notwendigen Dinge oft nicht, weil sie noch mit einem schweren Rucksack herumlaufen, also altem Ballast. Deswegen habe ich die Notwendigkeit gesehen, das Thema zu behandeln, also die Vergangenheit loslassen und abschließen mit dem, was geschehen hat. Dann kann man endlich weiter ziehen. Das ist sehr effektiv.“

Welche Vorteile hat es, die Vergangenheit loszulassen?

„Einer der größten Vorteile ist, dass man sein kann, wer oder was immer man sein möchte. Das gibt einem die maximale Freiheit. Man hält sich gerne auch an dem fest, was in der Kindheit passiert ist – aber das sind einfach Ausreden. Wir benutzen unsere Vergangenheit gerne als Ausrede, weil wir unsere Realität nicht gerne verändern. Wenn wir unsere Vergangenheit aber loslassen, können wir unser Leben nach unseren Wünschen gestalten. Dazu muss man bereit sein, immer neu anzufangen. Wir brauchen keinen ersten Januar um neu anzufangen. Das können wir jeden Tag. Wir können uns jeden Tag dazu entscheiden, unser Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Das ist ganz wichtig zu erkennen. Da ist das Thema Loslassen für mich besonders wichtig, damit die Menschen erkennen: Wir können loslassen was immer wir wollen. Wir können neu anfangen.“

Hat Loslassen auch Nachteile?

„Es gibt keine objektiven Nachteile, aber subjektive. Ein subjektiver Nachteil ist für die meisten Menschen bei der Trauerbewältigung beispielsweise das Gefühl, etwas zu verlieren. Wenn ich den Verlust von jemandem überwinden möchte, muss ich die Person gehen lassen. Das fühlt sich wie ein Verlust an. Dabei ist es eigentlich für die psychische Gesundheit das Richtige. Auch wenn wir jemandem vergeben, der uns etwas Schlechtes angetan hat, ist das objektiv gesehen der richtige Schritt aber es fühlt sich so an als würden wir auf unser Recht auf Gerechtigkeit verzichten, als würden wir uns etwas gefallen lassen. Das ist ein gefühlter Nachteil im ersten Moment, der sich aber spätestens dann erledigt, wenn wir spüren wie viel wertvoller die mentale Freiheit ist.“

Vergebung spielt in Ihrem Buch eine wichtige Rolle beim Loslassen. Warum ist das so?

„Wir kommen oft in Situationen in denen wir entweder selbst einen Fehler machen, den wir uns nicht verzeihen können oder das Leben nimmt uns etwas mit einer Katastrophe oder einen Schaden den wir durch andere erlitten haben. Es ist vollkommen menschlich, dass wir ein Gerechtigkeitsbedürfnis haben und Vergeltung wollen. Aber ein ganz wichtiges Prinzip in der Persönlichkeitsentwicklung ist es, dass man die Annahmen mit den Tatsachen abgleicht. Das bedeutet, wir müssen schauen, ob das was wir verlangen auch funktioniert. Wenn ein Mensch durch ein Verbrechen ums Leben gekommen ist, ändert selbst die härteste Strafe für den Täter nichts an der Situation. Der geliebte Mensch ist trotzdem tot. Die Wiedergutmachung gibt es nicht. Man kann es nur selbst gut machen, indem man loslässt um sich selbst zu befreien. Man macht das nicht, um andere von ihrer Schuld zu entbinden. Man macht es, um sich selbst vom Schmerz zu befreien. Bei der Vergebung geht es aber nicht nur darum, anderen zu vergeben sondern oft auch sich selbst oder auch dem Leben bzw. Schicksal. Vergebung bedeutet nichts anderes, als dass jemand der einen Rechtsanspruch hat, darauf verzichtet. Man verzichtet darauf für sich selbst und den eigenen Seelenfrieden.“

Was ist der erste Schritt, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen?

„Zuerst muss man sich immer anschauen, wie die individuelle Situation aussieht. Das ist die Bestandsaufnahme, die auch im Buch stattfindet. Dort stellen wir uns die Frage, worum es eigentlich geht. Die meisten Menschen wissen zwar, dass sie etwas loslassen oder verändern möchten, aber nicht genau was. Wir haben Angst davor, den Tatsachen in die Augen zu blicken. Das ist völlig natürlich aber genau das müssen wir tun. Wir fegen die Dinge gern unter den Teppich, mit denen wir uns nicht auseinandersetzen wollen, wissen unterbewusst aber ganz genau, dass sie da sind. Deswegen entwickeln wir Schutzmechanismen, zum Beispiel vermeiden wir Gesprächsthemen, gehen gewissen Problemen aus dem Weg oder können keine funktionierenden Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen weil wir blockiert sind. Das gilt es, in Angriff zu nehmen.“

Und wie geht es dann weiter?

„Wenn ich mein Problem identifiziert habe, frage ich mich, was es mir bringt, daran festzuhalten. Wir schauen uns logische Prinzipien hinter den Gedanken an, die uns an der Vergangenheit festhalten. Worauf können wir verzichten und was können wir bekommen? Im Fall von Rache wollen wir, dass Menschen für etwas, das sie uns angetan haben, bestraft werden. Das funktioniert aber nicht, denn wir haften einen Menschen dafür, dass er etwas Schlechtes getan hat und jetzt wollen wir ihm etwas Schlechtes. Dadurch werden wir automatisch zu dem, was wir hassen. Wir werden genauso negativ und schaden unserem Selbstwertgefühl. Bekommen tun wir dafür nichts, denn: Selbst die höchste Strafe, die jemand bekommen könnte, wird uns keine Wiedergutmachung bringen. Das ist eine Teufelsspirale, in die wir uns da begeben.“

Sie hatten selbst einen schweren Schicksalsschlag. Sie haben Ihren Sohn verloren. Wie lief der Prozess des Loslassens bei Ihnen ab?

„Er hat lange gedauert, keine Frage. In meinem Fall war es nicht das Verschulden von jemand anderem, sondern mein Sohn ist zu früh zur Welt gekommen. Er war zu schwach und hat es nicht überlebt. Das hat mich in eine kleine Sinn- und Existenzkrise geworfen, die auch weit über diese normale Trauer hinausging. Ich hatte mein Leben darauf eingestellt, Vater zu sein. Dann war ich es plötzlich doch nicht und dazu auch noch pleite. Da findet man das Leben natürlich ungerecht und denkt, es wird nie wieder besser werden. So kamen die Depressionen und Angststörungen. Ich war also sehr lange, sehr negativ eingestellt. Aber natürlich war das Leben nicht gut, wenn ich jeden Tag mit dem Selbstmord liebäugelte und nichts aus mir machte. Das konnte zu nichts führen.

Was mich herausgeführt hat, war die Erkenntnis, dass mein Leben nur besser werden kann, wenn ich es besser mache. Das Leben ist außerdem unpersönlich. Es war keine böse Absicht. Niemand hat meinen Sohn getötet. Es war einfach ein Unglück und die grausamste Erfahrung meines Lebens aber da konnte niemand etwas für und ich konnte von niemanden Gerechtigkeit einfordern. Ich hatte die Wahl, das anzunehmen und zu lernen, damit zurechtzukommen, oder immer weiter zu verbittern und herunter zu rutschen. Ich habe mich dagegen entschieden. Wenn mich mein Sohn von irgendwo auf irgendeine Weise sehen kann, soll er mich nicht leiden sehen. Da mache ich lieber etwas, was ihn stolz macht. Deswegen habe mich dazu entschieden, einen Beruf zu wählen, der Menschen hilft. Die Heilung kam auch dadurch, dass das Festhalten und Verlangen nach Gerechtigkeit mich in eine Sackgasse führt.“

Auch wenn man diese Dinge logisch einsieht, hadert man ja trotzdem noch mit negativen Gedanken. Die kommen teilweise automatisch. Wie kann man damit umgehen?

„Das ist ein Prozess, der in diesen im Buch erwähnten 12 Schritten stattfindet. Man sollte sich aus der Opferrolle befreien. Das heißt, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und zu erkennen, dass man es verändern kann. Dann versucht man das Gute in den Geschehnissen zu sehen. Wir können allem etwas Gutes abgewinnen. In meinem konkreten Fall könnte man behaupten, dass der Verlust meines Sohnes nur Schlechtes mit sich gebracht hätte. Und ich würde niemals im Leben darauf kommen, dass es etwas Gutes war. Es ist und bleibt das Schlimmste überhaupt aber wenn ich das nicht erlitten hätte, hätte ich niemals erfahren wie wichtig es ist, Menschen zu helfen. Ich wäre niemals Autor und Coach geworden. Die stärksten Bäume wachsen im Sturm. Die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, das anzuerkennen und etwas Gutes im Allerschlechtesten zu sehen. Wenn wir sagen, dass alles nur schlecht ist, haben wir keine Chance uns etwas Neues aufzubauen. Den Sinn dessen, was passiert können wir immer erst später sehen.“

Die Coronakrise belastet viele Menschen. Durch die Lockdown-Maßnahmen oder eigenen Ängsten vor dem Virus fühlen viele sich stark in ihrem Leben eingeschränkt. Wie kann man besser mit dieser besonderen Zeit zurechtkommen?

„Wir befinden uns gerade in einer der lehrreichsten Zeiten überhaupt. Alles bringt zwei Aspekte mit sich. Ich kann verstehen, wenn Menschen sich belastet fühlen und Angst um Existenz haben. Ich bin selbst Unternehmer und spüre, wie hart die Auswirkungen sind. Es ist aber nicht so, dass die Zeit verloren ist oder wir nichts mitnehmen. Im Gegenteil: Wir lernen gerade unglaublich viele Dinge neu und neu zu schätzen. Wir lernen unsere Mitmenschen neu zu schätzen, weil wir diesen Abstand im Rahmen des Social Distancings haben. Wir lernen Innovation zu schätzen weil wir merken, dass wir auf die alte Weise nicht vorwärts kommen. Wenn wir privat und geschäftlich überleben wollen, müssen wir uns was Neues einfallen lassen. Und wir lernen, das Leben und die Gesundheit an sich zu schätzen, weil wir um uns herum jeden Tag sehen, wie schnell es zuende sein kann. Eine falsche Entscheidung und das Leben kann sich drastisch ändern. Deswegen glaube ich nicht, dass uns etwas weggenommen wird, sondern wir eine riesige Lektion erhalten. Die schmeckt nicht aber das liegt nicht in der Sache.“

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