Natur dreht auf, aber Frost kommt zurück

Früher Frühling und später Winter – eine ganz schlechte Kombination

von Björn Alexander und Oliver Hantke

Eigentlich freuen wir uns ja jetzt über mehr Tageslicht und steigende Temperaturen zum meteorologischen Frühlingsbeginn. Dazu lacht die Sonne vom Himmel und immer mehr Pflanzen sprießen aus dem Boden. Der Vorfrühling ist voll im Gange. Aber wo steht der Frühling 2022 genau und wie sieht es mit einem Winterrückfall in den nächsten Wochen aus?

Wo steht der Frühling 2022 bisher?

Frühlings-Fortschritt (28.02.): Nur im Süden hinkt der Frühling etwas hinterher
Der Frühlings-Fortschritt ist Ende Februar in weiten Teilen Deutschlands schon fast bei 100 Prozent..

Der Vorfrühling hat mit der Blüte der Hasel etwas mehr als zwei Wochen früher begonnen als im Mittel. Im Jahr 20022 terminierte der Deutsche Wetterdienst (DWD) den Start auf den 26.01., der Durchschnittstermin liegt normalerweise am 11.02.

Dazu unser Meteorologe Oliver Hantke: „Frühlingshafte Temperaturen hatte das Jahr 2022 direkt am Anfang für uns parat gestellt. An vielen Orten wurde in den ersten Januartagen Werte von über 15 Grad gemessen. Spitzenreiter war Rheinfelden mit 18,2 Grad (04.01.), Freiburg meldete 16,6 Grad (02.01.) und München 16,5 Grad (04.01.). Der gesamte Januar schloss mit einem Wärmeüberschuss von über 3 Grad ab und der Februar 2022 endet mit fast 4 Grad über dem Mittel. Das sind extreme und beängstigende Werte.“

Bei diesen Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass der Frühling nicht nur meteorologisch am 01.03. beginnt, sondern auch die Natur jetzt schon in den Frühlingsmodus umspringt. Ein Maß dafür ist die sogenannte Grünlandtemperatursumme oder der Frühlings-Fortschritt. Wenn die Summe 200 überschreitet, dann gibt es kein Halten mehr für Pflanzen, Blumen, Sträucher und Bäume. Der Erstfrühling beginnt mit der Blüte der Forsythie. Normalerweise blüht sie laut DWD am 25.3.!

In Köln kann sie jeden Tag losgehen, da sind wir schon fast bei 100 Prozent in Sachen Frühlingsfortschritt (Stand 28.02.). Knapp dahinter Städte im Norden mit Hannover und Hamburg mit über 90 Prozent. Dann kommt erst Freiburg im normalerweise wärmeren Südwesten, die gleichauf mit Rostock und Frankfurt bei 90 Prozent liegen. Etwas zurück in Sachen Frühlingserwachen liegt nur der Süden. Hier liegt der Frühlings-Fortschritt bei knapp 55 Prozent.

Wie wahrscheinlich ist ein Kaltlufteinbruch im März und April 2022?

Aber auch wenn jetzt schon alle an Frühling, Sonne und Chillen im Freien denken, wir müssen höllisch aufpassen in den nächsten Wochen in Sachen Winterrückfall und Frost. Dazu Meteorologe Hantke: „Zwar entwickeln sich die Temperaturen vor allem Mitte März in die richtige Frühlingsrichtung, doch das dicke und frostige Ende könnte noch über uns hineinbrechen. Denn auch im Flachland drohen noch starke Nachtfröste bis zu -5 Grad. Einerseits rund um den kalendarischen Frühlingsbeginn (20.03.) und vor allem die ersten Apriltage könnten bitter für die Gartenwelt ausfallen, zumal da auch noch Schnee in Köln oder Berlin laut der aktuellen Trends eine Rolle spielen könnten.“

42-Tage Temperaturprognose für Köln: Der Winter kommt spät und gibt noch nicht auf
Selbst für Köln zeichnen sich noch frostige Nächte zum kalendarischen Frühlingsbeginn und eventuell Schnee im April ab.

Die Grünlandtemperatursumme macht den Unterschied

In Mitteleuropa haben sich die Landwirte diese eine Formel hinter die Ohren geschrieben – oder auf jeden Fall in ihr Pflanztagebuch. Es geht um die Grünlandtemperatursumme (GTS), die man ganz einfach ausrechnen kann. Summiert werden ab Jahresbeginn die Temperaturmittelwerte. Für den Monat Januar werden die Temperaturen halbiert, für den Februar mit 0,75 multipliziert und ab März geht dann der „volle“ Tageswert in die Rechnung ein.

Sobald die Summe 200 erreicht ist, startet der Erstfrühling - und der Boden und die Pflanzen sind bereit für’s Wachsen.

Wann blüht was?

Gelbe Forsythien blühen am 07.04.2015 bei sonnigem Wetter vor der Skyline in Frankfurt am Main (Hessen). In den nächsten Tagen soll es in der Rhein-Main Region frühlingshafte Temperaturen mit viel Sonnenschein geben. Foto: Christoph Schmidt/dpa +++(c
Frühling im Raum Frankfurt mit gelben Forsythien aus dem Jahr 2015.

Die GTS macht den Frühling. Wir kennen es alle – Schneeglöckchen sind die ersten Frühlingsboten (Die Phänologie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Pflanzen und Jahreszeiten). Und dann, je nachdem wie schnell das Wetter loslegt, kommen Krokusse, Osterglocken und Weidenkätzchen hinterher.

  • Schneeglöckchen ab 35 – 70
  • Krokus- und Haselblüte ab 65 - 120
  • kleine Osterglocken und Forsythien ab 175 – 230
  • Weidenkätzchen ab 175 – 230

Warum ist die Temperatur so wichtig?

Der Boden braucht Stickstoff, damit sich Pflanzen entwickeln können. Und erst ab einer konstant milderen Temperatur ist eine ausreichende Stickstoffaufnahme und -verarbeitung des Bodens garantiert. Das ist auch für Gartenbesitzer interessant: Ein Düngemittel, das vor Erreichen der Summe von 200 ausgebracht wird, wird von den Pflanzen nicht aufgenommen.

Wann gab es die Kombination aus Vollfrühling und später Wintereinbruch denn letztmalig?

Oliver Hantke: „Das ist gar nicht so lange her. Zum Beispiel im Jahr 2021 als der April mehr als 1,5 Grad zu kalt war und wir im Februar extreme Temperaturunterschiede – sowohl negativ als auch positiv - hatten. Oder im Jahr 2019 als der Mai gut ein Grad zu kalt verlief und wir sogar noch Schnee auf den Mittelgebirgen bekamen. Oder im April 2017. Damals war es so, dass der März die Vegetation in den Vollfrühling getrieben hat. Der März 2017 war nämlich fast 4 Grad zu warm, bevor im April 2017 nochmals Polarluft mit entsprechenden Frostschäden folgte.”

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(bal, oha)