Weder billig noch nachhaltig

Warum Atomkraft das Klima nicht rettet

von Oliver Scheel

Die EU-Kommission will die Europäische Union klimaneutral gestalten. Das ist ein schöner Ansatz. Weil aber der Ausbau der Erneuerbaren schleppend voran geht, kommt die längst totgesagte Atomkraft wieder hinter dem Ofen hervor. Die EU hat Atomkraft nun tatsächlich als „grün“, also nachhaltig, eingestuft. Jetzt können sich Investitionen in Gas und Atomkraft für die Privatwirtschaft wieder lohnen. Ein verheerendes Signal im Kampf gegen die Erderwärmung. Atomkraft ist weder grün, noch nachhaltig, noch billig.

Atomstrom war immer unrentabel

Protest gegen Atomkraft
Menschen demonstrieren vor der Brennelementefabrik Lingen für die Stilllegung aller Atomanlagen. Foto: Markus Hibbeler/dpa

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) brachte es mit zwei Sätzen auf den Punkt: „Atomstrom war, ist und bleibt unwirtschaftlich. Darüber hinaus ist Atomkraft mitnichten sauber, sondern aufgrund radioaktiver Strahlung für über eine Million Jahre gefährlich für Mensch und Natur.“

Wenn Atomkraft nachhaltig ist, dann nachhaltig gefährlich. Nichts, was der Mensch je geschaffen hat, wird die Erde so lange belasten wie der radioaktive Müll. Die Endlagerung des Mülls ist völlig ungeklärt und nur eines von vielen Problemen.

Das Märchen vom günstigen Atomstrom

ARCHIV - Ein Mitarbeiter geht am 26.10.2010 in der Halle 8 des atomaren Zwischenlagers Lubmin an Castorbehältern mit hoch radioaktivem Abfall aus den Kernkraftwerken Rheinsberg und Lubmin vorbei. Die Sicherheitsüberprüfung aller deutschen Atommüll-Zwischenlager, darunter auch das in Lubmin, soll in diesem Jahr abgeschlossen werden. Foto: Stefan Sauer dpa/lmv (zu lmv 0717 vom 13.02.2012)  +++(c) dpa - Bildfunk+++
Zwischenlager Lubmin

Es ist ein Märchen, dass Atomkraft billig sei. Atomstrom ist höchstens für die Betreiber der AKW günstig, für den Steuerzahler war er es noch nie. Der Rückbau der Atomkraftwerke, Ausgleichszahlungen an die Stromkonzerne und natürlich die Entsorgung des Mülls – All das wird zum Großteil aus Steuergeldern finanziert. BUND und IG Metall rechnen vor, dass zwischen 1950 und 2010 in Deutschland mehr als 200 Milliarden Euro in Atomstrom investiert wurden. Diese Kosten erschienen aber im Gegensatz zu den Kosten für die Förderung der Erneuerbaren Energien nicht auf unserer Stromrechnung.

Generell ist Atomstrom nicht günstiger als Erneuerbare Energien. Schon jetzt ist Strom aus erneuerbaren Quellen an der Strombörse billiger als Atomstrom. Das liegt daran, dass die Ökostrombranche in den vergangenen zehn Jahren sehr viel effizientere Technologien und Produktionsprozesse entwickelt hat. Das machte den Ökostrom billig. So liegen bei Atomkraft „die Stromerzeugungskosten seit Jahren deutlich über Wind und Sonne“, schrieb die SPD-Bundestagsfraktion.

„Es ist erstaunlich, dass eine Technologie, die über 60 Jahre alt ist und angeblich den billigsten Strom liefert, noch immer massiv Subventionen erhält," wunderte sich Stephan Renner, Experte der Österreichischen Energieagentur.

Atomkraft CO2-neutral? Weit gefehlt

This January 2013 photo provided by French nuclear manufacturer Areva shows part of the uranium mine of Arlit, in northern Niger. Suicide bombers in Niger detonated two car bombs simultaneously, one inside a military camp in the city of Agadez and another in the remote town of Arlit at a French-operated uranium mine, killing 26 people and injuring 30, according to officials in Niger and France. The attack in Arlit was claimed by Moktar Belmoktar, the extremist who led the attack on a natural gas plant in Ain Amenas in Algeria in January, according to a communique posted on jihadist forums. (AP Photo/AREVA, Maurice Ascani) MANDATORY CREDIT
Uranabbau in Niger

Oft argumentieren die Befürworter von Atomkraft, dass sie CO2-neutral sei. Das ist schlichtweg falsch. Denn angetrieben wird ein AKW von Uran. Das Uranerz muss gefördert und angereichert werden. Auch die Wiederaufbereitung der Brennstäbe kostet sehr viel Energie. Abgesehen davon ist Uran wie Erdöl und Gas eine endliche Ressource.

Innerhalb der nächsten beiden Generationen wird uns das Uran ausgehen. So könnte ein jetzt zu bauendes AKW bis zum Ende seiner Laufzeit gar nicht mehr mit Uran versorgt werden. Allein deswegen machen Milliardeninvestitionen in Atomkraft keinen Sinn. Davon abgesehen wird Uran oft in Ländern gefördert, in denen menschenwürdige Arbeitsbedingungen schwer zu kontrollieren sind.

Teure Neubauten - Atommarkt in der Hand von nur vier Konzernen

Atomkraftwerk in Flamanville
Das Atomkraftwerk in Flamanville. (Archivbild). Foto: Charly Triballeau/AFP/dpa

Ein neues Atomkraftwerk zu bauen, ist wahnsinnig teuer. Und gerne explodieren die Kosten wie im aktuellen Beispiel des französischen Neubaus Flamanville in der Normandie. Ursprünglich sollte das Kraftwerk 3,3 Milliarden Euro kosten, doch nach unzähligen Verzögerungen sind nun je nach Bericht französischer Medien 19 bis 21 Milliarden Euro fällig.

Solche Summen können nur Großkonzerne aufbringen. In Deutschland haben Eon, EnBW, RWE und Vattenfall den Strommarkt unter sich aufgeteilt. Dies hat einen mangelhaften Wettbewerb zur Folge, Preisabsprachen können auftreten.

Investitionen fehlen dann bei den Erneuerbaren

ARCHIV - 02.06.2021, Bayern, Kitzingen: Windräder und eine Solaranlage in Unterfranken. Der auch im Ökostrom-Geschäft tätige Baywa-Konzern kritisiert Pläne der EU, Investitionen in Atomkraft für nachhaltig zu erklären. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Windrad und Solaranlage

Wenn die EU-Kommission sagt, Atomkraft ist klimafreundlich, dann hat das Folgen. Die sogenannte Taxonomie ist eine Art Katalog für klimafreundliche Investitionen. Jeder Euro, der dann in die Atomkraft fließt, fehlt logischerweise beim Ausbau von Wind- und Sonnenenergie.

Und noch einen Nachteil hat die Atomkraft: Da Wind- und Sonnenenergie nicht immer in gleichem Maße zur Verfügung stehen (Stichwort Dunkelflaute), benötigen wir – bis die Erneuerbaren die Energieversorgung komplett sicherstellen können – flexible und schnell steuerbare Kraftwerke. Gaskraftwerke können schnell runter oder hochgefahren werden. Atomkraftwerke hingegen brauchen für diesen Prozess viel zu lang.

Kurzum: Wenn Atomkraftwerke nachhaltig sind, dann nachhaltig gefährlich.

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(osc)