Durchbruch bringt Hoffnung mit sich

Long Covid: Deutsche Ärzte aus Erlangen heilen erstmals vier (!) Patienten

Ein Long-Covid-Patient wird in einer Klinik behandelt.
Medizinern der Augenklinik an der Universitätsklinik Erlangen ist es erstmals gelungen, vier Long-Covid-Patienten zu heilen. © dpa, Sina Schuldt, ssd vco

Vier Patienten konnten dank eines Herz-Medikaments von Long Covid geheilt werden

Als wäre eine Infektion mit dem immer noch grassierenden Coronavirus nicht schon schlimm genug, gibt es da ja auch noch Long Covid und seine Folgen. Nicht selten leiden Betroffene noch Monate nach ihrer Infektion mit Sars-CoV-2 unter Müdigkeit, Erschöpfung, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen oder ähnlichen Symptomen. Ärzten des Universitätsklinikums Erlangen ist jetzt jedoch etwas gelungen, das es bis dato noch nicht gab und durchaus als Durchbruch bezeichnet werden kann: Mithilfe eines noch nicht zugelassenen Herz-Medikaments konnten sie ganze vier (!) Long-Covid-Patienten von ihren Beschwerden heilen.

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Long-Covid-Patienten geheilt: "Es war wie ein Riesen-Wunder!"

Eine junge Frau liegt abgeschlagen und erschöpft aussehend auf ihrem Sofa.
Long Covid: Ist die Infektion mit dem Coronavirus überstanden, kann es trotzdem sein, dass einige Patienten weiterhin an verschiedensten Symptomen leiden und ihnen das Leben schwer machen. © Biserka Stojanovic

Was tun, wenn man zwar die Corona-Infektion soweit gut überstanden hat, aber danach mit den quälenden Folgen des Virus zutun hat? Diese Frage dürften sich nicht nur Mediziner in den vergangen Monaten immer wieder gestellt haben, denn: Ein Heilmittel für Long Covid gibt es bisher nicht, trotzdem sind Tausende von Menschen betroffen. Nur einzelne Symptome wie Schmerzen können durch Medikamente oder Therapie gemildert werden.

Jetzt gibt es allerdings etwas, das Hoffnung macht und uns aufatmen lässt: Wie „Focus Online“ berichtet, ist es Medizinern am Universitätsklinikum Erlangen gelungen, vier – teils schwerstbetroffene – Long-Covid-Patienten zu heilen. Durch die Gabe des Wirkstoffs BC 007, der ursprünglich als Herzmedikament entwickelt wurde, konnten die Betroffenen wieder gesund werden. Und mit diesem medizinischen Überraschungserfolg hat wohl kaum jemand gerechnet: „Es war wie ein Riesen-Wunder, als wir gemerkt haben, dass die Patienten dadurch beschwerdefrei wurden“, erklärt die Fachärztin für Augenheilkunde, Bettina Hohberger, gegenüber der Nachrichten-Plattform.

Augen als Schlüssel zur Gesundheit

Die Heilung der Patienten trete dabei zwar nicht sofort, sondern schrittweise über mehrere Wochen hinweg ein. Aber eine deutliche, gesundheitliche Verbesserung hätten alle vier Betroffenen recht schnell bemerkt, so heißt es weiter. Die Medizinerin Hohberger erläutert, dass diejenigen, die vor allem am sogenannten „Brain Fog“ („Gehirnnebel“) gelitten haben, schon wenige Stunden nach der Infusion Verbesserungen feststellen konnten. Die unangenehme Bewusstseinstrübung sei also schon nach kurzer Zeit verschwunden, die Patienten konnten wieder klar denken.

Aber wie kann es sein, dass ausgerechnet einem Augenklinikum der Durchbruch in der Behandlung von Long-Covid-Patienten gelingen konnte? Die Ärzte forschen schon seit Jahren am Grünen Star (Glaukom) „und wissen, dass sogenannte Autoantikörper eine Rolle bei dieser Augenerkrankung spielen“, schildert Hohberger. „Wir waren gerade in der Vorbereitung, neutralisierende Medikamente gegen diese Autoantikörper in der Behandlung von Glaukom-Patienten einzusetzen, als die Pandemie begann.“ Weil Bettina Hohberger auch die Intensivstation der Uniklinik Erlangen mitbetreut, untersuchte sie schon früh – seit Beginn der Pandemie – auch die Augen von Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Und dort lassen sich recht früh körperliche Veränderungen ablesen, so die Ärztin weiter.

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Mediziner beobachteten die Langzeitauswirkungen der Augen

Eine junge Frau mit blauen Augen schaut in die Sonne.
Die Gesundheit der Augen wird auch mit einer Coronavirus-Infektion in Verbindung gebracht. © Graham Oliver

Die Mediziner kamen zu der Annahme, dass sich die Durchblutung am Auge als Folge einer Corona-Infektion verändern könnte. Es folgte eine Studie, bei der auch die Augen ehemaliger Patienten genauer unter die Lupe genommen wurden. Das Ergebnis: Auch Monate nach einer Infektion mit dem tückischen Sars-Cov-2-Virus war die Blutzirkulation in der Netzhaut tatsächlich weiter eingeschränkt. Das fehlende Puzzle-Teil lieferten den Medizinern aus Erlangen dann Kooperationspartner aus Berlin, die Autoantikörper im Blut der ehemals Infizierten nachweisen konnten. „Genau diese Autoantikörper kannten wir ja von unseren Glaukom-Patienten“, erzählt Hohberger gegenüber „Focus Online“. Die Vermutung lag also nahe, dass das Medikament, dass ursprünglich für die Glaukom-Patienten eingesetzt werden sollte, vielleicht auch bei Long-Covid-Symptome helfen könnte.

Und siehe da: Ein 59-jähriger Glaukom-Patient konnte in der Erlanger Klinik wirklich von seinen Beschwerden, die die Corona-Infektion mit sich brachte, geheilt werden. Auch er bekam BC 007 per einmaliger Infusion, auch er fühlte sich bereits wenigen Tagen besser. Bei ihm kehrten sowohl seine Konzentrationsfähigkeit als auch sein Geschmackssinn wieder zurück. Weitere Betroffene sollten seinem Beispiel nun folgen.

Ein kleiner Haken: Medikament BC 007 befindet sich noch in der Zulassungsphase

Bisher konnten keine Nebenwirkungen oder Komplikationen festgestellt werden. Hohberger und das Ärzte-Team sind mächtig stolz auf ihre Heilerfolge und können sich vor Anfragen kaum noch retten. Aber: „Das Medikament ist aufgebraucht, wir hatten nur wenige Dosen“, sagt die Medizinerin. Wie kann das sein? Die Erklärung: BC 007 ist eigentlich noch gar nicht auf dem Markt verfügbar und befindet sich noch in der Zulassungsphase.

Trotzdem geben Hohberger und ihre Kollegen nicht auf und wollen das vielversprechende Medikament weiter erforschen: „Wir haben beim Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Antrag gestellt, damit wir eine Studie mit diesem Medikament an Long-Covid-Patienten durchführen können.“ Ob das funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall machen diese neuen Erkenntnisse enorm viel Hoffnung auf das, was noch kommt. Nicht nur Long-Covid-Patienten, sondern auch all denjenigen, die sich über positive Corona-Nachrichten freuen dürften. (vdü)

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