Forscher warnen vor Katastrophe für Ostseefische

Unsere Ostsee im Klimawandel: Kommt bald kein Hering mehr auf den Teller?

Der Klimawandel ist längst in der Ostsee angekommen
Der Klimawandel ist längst in der Ostsee angekommen - und mit ihm Fressfeinde für Hering und Dorsch. © dpa, Jens Büttner, wie lof

Der Hering ist ein Indikator für den Klimawandel

Die Zeichen für Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee stehen äußerst schlecht. Nicht nur jahrzehntelange Überfischung ist schuld daran, auch das Wetter spielt den Fischen in der Ostsee übel mit. Ihnen ist regelrecht zu warm, wärmeliebende Konkurrenz macht ihnen die Nahrung abspenstig. Außerdem wird der Sauerstoff in der Ostsee knapp. Da der Klimawandel nicht gestoppt wird, droht den Fischen und Fischern in der Ostsee eine Katastrophe.

Klimawandel und Wetterextreme bedrohen den Ostseefisch

Die deutschen Küstengewässer erwärmen sich in den letzten Jahren im globalen Vergleich überproportional stark. Zum Teil ist dies mit sehr sonnenreichen Sommern wie im Jahr 2018 zu erklären. Flache Meeresregionen wie Nord- und Ostsee erwärmen sich aber auch ganz generell schneller als der tiefe Ozean. Ganz schlechte Bedingungen für Hering und Dorsch.

Grund 1: Der Hering mag’s kalt

Der Hering ist ein Kaltwasserfisch, der sich im warmen Küstenmeer irgendwann einfach nicht mehr wohlfühlt. Bereits heute haben laut Fischverarbeiter Deutsche See Ostseeheringe einen deutlich geringeren Fettgehalt als ihre nordatlantischen Geschwister. Sie benötigen im warmen Wasser offenbar nicht so viele Fettreserven. Wird es durch den Klimawandel immer wärmer, verabschiedet sich der Hering womöglich von ganz allein aus der Ostsee.

Dorsche und Heringe  fühlen sich in der Ostsee nicht mehr wohl.
Dorsche - allerdings nicht in der Ostsee sondern im Ozeaneum Stralsund © deutsche presse agentur

Grund 2: Konkurrenzkampf ums Plankton

Weil: In den sich stark erwärmenden Küstengewässern fühlen sich zunehmend fremde Arten wie die Rippenquallen wohl. Sie werden laut Forscherinnen und Forschern des GEOMAR Helmholtz-Instituts für Ozeanforschung in Kiel vor allem mit großen Handelsschiffen eingeschleppt. Erstmal heimisch in der Ostsee, konkurrieren sie mit Hering und Dorsch um die wichtigste Nahrungsquelle: pflanzliches Plankton. 

So müssen die ohnehin durch die Großfischerei stark bedrohten Fischbestände zunehmend hungern und produzieren deshalb kaum noch Nachwuchs. GEOMAR zufolge gab es in vier der letzten fünf Jahre bei den Dorschen fast überhaupt keine Nachkommen. Auch in diesem Jahr stehen die Zeichen für Nachwuchs bei Dorsch und Hering sehr schlecht.

Hering und Dorsch/Kabeljau sind beliebt - wegen des Klimawandels müssen wir womöglich bald auf sie verzichten.
Die Grafik zeigt den Anteil der Fischarten am Verbrauch in Deutschland 2016.

Grund 3: Laichzeiten immer früher

Weil sich die Laichzeiten wegen der Erderwärmung früher ins Jahr verschieben, verschärft sich das Nahrungsproblem zusätzlich. Es fehlt dann Sonnenlicht für die Entwicklung von Plankton und das Plankton den Fischen und Fischlarven als Nahrung. Dieses Problem ist schon seit Jahren bekannt. Die Welt befindet sich dennoch weiterhin auf bestem Wege, die Pariser Klimaziele zu verfehlen, um die Erderwärmung zu stoppen.

Grund 4: Winterstürme

Die tieferen Wasserschichten in der Ostsee enthalten oft kaum lebenswichtigen Sauerstoff. Wird durch den Wind an der Oberfläche das sauerstoffreiche Oberflächenwasser fortgetragen und durch sauerstoffarmes Tiefenwasser ersetzt, können große Teile der Unterwasserfauna buchstäblich daran ersticken. Häufig sind deshalb zuerst Bodenfische wie Plattfische betroffen. Bei stärkeren Stürmen aber, fallen solchen Ereignissen auch die frei im Wasser lebenden Fische wie der Hering zum Opfer.

nsere Ostsee im Klimawandel: Kommt bald kein Hering mehr auf den Teller?
Todeszone Ostsee: hat nichts mit zu vielen Fischerbooten, sondern zu wenig Sauerstoff zu tun. © dpa, Christian Charisius, chc jhe kat chc pzi wst jai

Grund 5: Todeszonen durch die Landwirtschaft

Ein ganz wesentliches Problem sind dabei auch die sauerstoffarmen, sogenannten Todeszonen in den tieferen Wasserschichten der Ostsee. In manchen Gebieten beginnen diese bereits in wenigen Metern Tiefe. Vor allem durch den Einsatz von Gülle und Düngemitteln in der Landwirtschaft landen zu viele Nährstoffe im Meer, bei deren Zersetzungsprozess Sauerstoff verbraucht wird und dann nicht mehr den Lebewesen zur Verfügung steht. Die lebsnräume sterben.

Junge Heringe und Dorsche müssen überleben

Aus Sicht der Fischer und der GEOMAR Wissenschaftler muss dringend gehandelt werden, um eine Katastrophe abzuwenden. „Es kann nicht angehen, dass wir jetzt die letzten Dorsche und Heringe wegfangen,“ sagt Thorsten Reusch, Professor am GEOMAR. „Die wenigen Jungfische, die trotz der widrigen Bedingungen überlebt haben, besitzen offenbar solche Erbanlagen, die wir für die Zukunft der Bestände brauchen.“

Der Rat der EU-Fischereiminister hatte am 20 Oktober 2020 neue Fangquoten für die Ostsee im kommenden Jahr beschlossen.

Fangquoten für Hering und Dorsch - die Eckdaten

  • Beim westlichen Dorsch ist es gelungen, eine moderate Steigerung von fünf Prozent zu erzielen. 
  • Anders dagegen beim westlichen Hering. Auf Basis der wissenschaftlichen Empfehlungen waren weitere Kürzungen bei diesem Bestand erforderlich. Die Quote für 2021 sinkt um 50 Prozent. 
  • Beim östlichen Dorsch bleibt es dabei, dass dieser Bestand wie bereits bisher nicht gezielt befischt werden darf.

Zum Vergleich: Fangquoten für die deutsche Ostsee 2020

Fangquoten
Die Statistik zeigt die von der Europäischen Union festgelegten Fangmengen von Fisch in der Ostsee und die entsprechenden Fangquoten für die deutsche Fischerei für das Jahr 2020 in Tonnen.