Jetzt haben sie ein Buch geschrieben

Ungleiches Reiseduo - Torben (22) und Carlos (94) sind ziemlich beste Freunde

Carlos und Torben stehen am Auto und schauen sich Bilder auf einem Smartphone an
Carlos (94) und Torben (22) bei einem RTL-Interview im Jahr 2020. © RTL

Die Geschichte einer besonderen Freundschaft

von Marius Olion

„Ich wollte die alten Städte mal sehen, ich wollte mal aus dem Haus raus. Ich bin jetzt ganz allein. Meine Frau ist verstorben. Meine Eltern, die ganze Verwandtschaft, alle sind gestorben. Ich bin der Letzte von der Sippe“, sagt Carlos, als ich ihn im Sommer 2020 in Hamburg kennenlerne. Hier legt er gemeinsam mit seiner Reisebegleitung Torben einen Zwischenstopp ein, erzählt von der Europareise, die sie gerade gemeinsam erleben.

Inzwischen ist Carlos stolze 94 Jahre alt, schaut auf ein bewegtes Leben mit Krieg, Gefangenschaft und Liebe zurück. Torben ist 22, arbeitet bei einer Versicherung. Beide sind Nachbarn und inzwischen Freunde. Freunde, die gemeinsam Europa erkundeten. Und die Reise im Sommer 2020, die einem Road-Movie nahekam, sollte nicht die letzte gemeinsame sein. Jetzt sind die beiden auch unter die Autoren gegangen. Ihr Buch „5.000 km Freundschaft“* erscheint Anfang Dezember. Darin erzählen sie die wahre Geschichte einer berührenden Freundschaft – IHRE eigene Geschichte.

Torben und Carlos sind ein perfektes Team

Carlos steigt aus dem Auto aus, Torben hilft ihn dabei.
Carlos und Torben ergänzen sich und lernen voneinander. © RTL

Manchmal begegnet man als Journalist Menschen, die einen nachhaltig beeindrucken. Deren Weg man gerne weiterverfolgt und an denen man sich ein Beispiel nimmt. Es sind die Menschen, von denen man nach der Arbeit seinen Freunden, seiner Familie erzählt. Zu diesen Menschen gehören bei mir auch Torben Kroker und Karl-Heinz Schulz, genannt Carlos. Als ich sie im Sommer 2020 kennenlerne, merke ich sofort, bei den beiden stimmt die Chemie. 72 Jahre trennen sie und doch – oder gerade deswegen – ergänzen sie sich perfekt.

Auf dem Beifahrersitz eines alten Mercedes sitzt Carlos, ein rüstiger Herr, alles ein bisschen langsamer, Probleme beim Sehen, aber mit einer Menge Humor, bringt hin und wieder ein paar Fakten durcheinander, vermischt gerade Erlebtes mit Erlebnissen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Und sein Fahrer: Torben. In ihm habe er einen Dummen gefunden, der das mitmache, sagt Carlos über den jungen Mann, und meint damit den gemeinsamen Roadtrip durch Europa. „Ich wollte dir mal zeigen, wie Europa heute aussieht“, sagt Carlos zu seinem jungen Begleiter.

Torben lenkt nicht nur das Auto durch Europa, sondern auch Carlos durch unser Gespräch, gibt ihm gekonnt Gedankenanstöße für die Antworten, erinnert ihn an die neuen Erlebnisse der Reise, sortiert mit viel Geduld seine Erinnerungen und bringt Carlos so immer wieder in die richtige Spur. Eine Spur, die in viele Länder Europas geht – Spanien, Frankreich, Italien. In einigen Ländern war Carlos in Gefangenschaft, lebte, litt. Einmal wollte er noch an die Orte, an denen er früher war. Er wollte sehen, wie es dort heute aussieht. „Was war am schönsten?“, ist meine Frage. Carlos antwortet: „Spanien. Bloß ein Fehler in Spanien war, die jungen Damen wollten mich alle heiraten.“ Torben unterbricht: „Ja, das war ja früher, aber was war jetzt so am schönsten?“ „Ach jetzt“, versteht Carlos, „die alten Städte mal wieder sehen. Es hat sich ja alles verändert. In San Sebastian hat sich viel verändert. Da ist viel dazu gekommen. Ist größer geworden. Überall all die Städte, wo ich da hinkam, alles fast doppelt so groß wie vorher“, erinnert er sich.

Freunde reisen in Carlos' Vergangenheit

Carlos und Torben wohnen in Emmerich in Nordrhein-Westfalen, haben sich dort kennengelernt. Es fing mit Rasenmähen an und führte zu einer einzigartigen Freundschaft. In der Zeit kam in Carlos der Gedanke auf, nochmal ans Meer zu wollen. Das kannte er noch aus Kolberg, nahe seiner Heimatstadt Belgard. Aber nicht nur das. Er habe auch andere alte Erinnerungen, sagt er. „Das war während der Kriegszeit, ich war schwer verwundet, und dann schickten sie mich ins Lazarett. Da wurde ich zusammengeflickt. Und dann bin ich irgendwie rumgereist. Dadurch habe ich Europa auch kennengelernt. Spanien, Frankreich, ein Stück von Italien, und im Osten bis nach Sibirien raus und im Westen in Amerika Süd, überall mal ein Monat, ein halbes Jahr, ganz verschieden. Bloß, die wollten mich alle behalten. Und ich wollte nicht. Ich wollte ja mal nach Hause. Da bin ich ja Jahrzehnte nicht mehr gewesen. Als Kind weggekommen und nachher als Soldat wiedergekommen, nach der Soldatenzeit.“

Man kann von Carlos lernen: Niemals den Humor verlieren!

Carlos und Torben sitzen im Auto und lachen.
"Ich habe in Torben einen Dummen gefunden, der das mitmacht", witzelt Carlos über seinen jungen Begleiter. © RTL

Carlos hat viel verloren, ihm wurde viel seiner Kindheit und Jugend genommen. Doch eins wird immer wieder klar: Die Zeit hat ihn – natürlich – geprägt. Dennoch ließ er sich offenbar nie den Witz nehmen, den Humor, das Sarkastische. Hamburg, so sagt er, kenne er nur in Trümmern. Geschlafen habe er hier aber noch nie. „Darauf trinken wir heute Abend ein Glas Wein“, schlägt Torben vor. Und Carlos? Er erwidert: „Ein Glas? Eine Flasche!“

Hamburg ist fast das Ende einer weiten Reise. Gut 5.000 Kilometer legen die beiden im Sommer 2020 zurück. An vielen Orten wird Carlos von alten Erinnerungen eingeholt, lässt Torben daran teilhaben: „Ich sah, wie er an die alten Städte zurückgekommen ist. Und er konnte dann immer was dazu erzählen. Das war natürlich für mich spannend. Wenn man jetzt als normaler Tourist hinfährt, hat man einen ganz anderen Blick, als wenn man jemanden hat, der da gewohnt hat. Der Spanienbesuch war sehr emotional. Der Hotelier in unserem Hotel in den Bergen kannte die Firma, in der Carlos Ende der 40er, Anfang der 50er gearbeitet hat.“

Eine Reise kommt selten allein

Torben und Carlos sitzen im Auto auf einer Brücke in der Hamburger Speicherstadt.
Ihre zweite Reise führte nach Polen, in Carlos Geburtsort Belgard. Auf dem Foto sind die beiden in Hamburg zu sehen. © RTL

2021 ging es für die beiden auf die nächste Reise. Das große Ziel war das heutige Polen und dort Carlos Geburtsort Belgard, südöstlich von Kolberg. Auf dem Weg dorthin machten sie Halt in Hamburg, Lübeck, Timmendorfer Strand, Wismar, Kühlungsborn, Stralsund und auf der Insel Rügen, ehe es dann für drei Tage nach Kolberg und für einen Tag in Carlos Geburtsort Belgard ging. „Auf dem Marktplatz hat er ein paar Erinnerungen wieder gehabt an damals, wie er mit seiner Mutter dort war, wenn ein paar Händler dort ihre Waren verkauft haben“, erzählt Torben.

Buch "5.000 km Freundschaft: Der Roadtrip unseres Lebens" erscheint am 1. Dezember

Und neben Reiseplanung, Reisen und sozusagen persönlichem Geschichtsunterricht zum Anfassen haben die beiden ihre einzigartige Freundschaft auch noch aufgeschrieben. Es ist ein Buch entstanden. „Es fühlt sich sehr surreal an. Ich habe unser Buch in der Hand gehabt, ein ganz komisches Gefühl, verbunden mit viel Dankbarkeit, Vorfreude und Emotion. Es ist echt krass, was daraus entstanden ist“, sagt Torben. Und Carlos? Als er das eigene Buch in den Händen hält reagiert er, wie es zu ihm passt, kurz und bündig: „Interessant“.

„5.000 km Freundschaft: Der Roadtrip unseres Lebens“ erscheint am 1.Dezember im Droemer Knaur Verlag und nimmt Leserinnen und Leser mit – nicht nur auf den Europa-Roadtrip – sondern auch in eine ganz spezielle Verbindung zweier ungleicher Freunde, die für uns alle Vorbilder sein können. (mol)

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