Nach RTL-Bericht: Weitere Betroffene melden sich

Trotz Negativ-Test: Kreuzfahrt-Urlauber berichten von Horror-Quarantäne-Reise

von Ralf Benkö und Marius Olion

„Der Teppich war hellblau mit schwarzen Punkten. Ich war drauf und dran, die Punkte zu zählen“, sagt Marie Jeanne Cerri im Gespräch mit RTL. Dahinter verbirgt sich eine Albtraum-Reise auf einem Kreuzfahrtschiff. Denn was Passagiere auf der MS Hamburg erleben müssen – RTL berichtete exklusiv – können die Luxemburgerin und ihr Mann nur zu gut nachempfinden. Gefangen in einer Kabine, kein Kontakt zur Außenwelt und die 18.000-Euro-Reise zieht durch ein kleines Bullauge an einem vorbei – ein Erlebnis, das die beiden im November/Dezember auf dem Kreuzfahrtschiff machten. Jetzt haben sie uns davon erzählt – und erheben schwere Vorwürfe gegen den Reiseveranstalter. Wir haben Plantours damit konfrontiert.

Urlauber sitzen in der Antarktis fest

Schiff MS Hamburg
Die MS Hamburg ist seit 2012 für Plantours Kreuzfahrten im Einsatz.

Es sind unfassbare Eindrücke, die uns Urlauber von ihrer Kreuzfahrt in der Antarktis schildern. Statt die geplante Traumreise müssen sie die kostbare Zeit in kleinen Quarantäne-Kabinen verbringen. „Es wird sich nicht gekümmert“, beklagt eine Urlauberin, die aktuell auf der MS Hamburg in der Antarktis festsitzt. Auf Hilfe des Reiseveranstalters Plantours warte man vergeblich. Auf RTL-Anfrage verteidigt sich das Unternehmen. Man könne sich die Vorwürfe nicht erklären. Doch die isolierten Urlauber sprechen von bedrückenden Quarantäne-Kabinen unter Deck. Und das alles mit der Sorge, wie es jetzt weitergehe, was mit ihnen passiere, wenn ihre Quarantäne-Zeit länger gehe als die gebuchte Kreuzfahrt.

Einen ausführlichen Bericht, was Augenzeugen an Bord erlebt haben und weiterhin erleben, welche Vorwürfe sie dem Veranstalter machen und was der dazu sagt, können Sie hier nachlesen.

Urlauber: "Wir waren da im Rattenloch"

Eindrücke der Kreuzfahrt im Dezember.
Eindrücke der Kreuzfahrt im Dezember. 5

Und so scheint es nicht den ersten Urlaubern zu gehen. Ein Paar aus Luxemburg hat sich bei uns gemeldet und von ähnlichen Erlebnissen an Bord des Schiffes berichtet. Ende November ging es für sie in Buenos Aires los – aber aus der erholsamen Traumreise wurde ein Horrortrip in einem „Rattenloch“, wie sie ihre Quarantäne-Kabinen nennen. Alle diese Isolationsmaßnahmen hätten zum Ziel, andere Passagiere zu schützen, erklärt der Veranstalter Plantours auf RTL-Anfrage. Doch die genauen Gründe, warum Francois und Marie Jeanne darin saßen, klingen schier unglaublich – denn positiv getestet wurden sie zunächst nicht.

Trotz Booster: Quarantäne als Kontaktperson

Eindrücke der Kreuzfahrt im Dezember.
Eindrücke der Kreuzfahrt im Dezember. 1

18.000 Euro lies sich das Paar die Kreuzfahrt kosten. Eine Kreuzfahrt, die sie fast nur durch ein kleines Bullauge verfolgen konnten. Beide sind nach eigenen Angaben dreifach geimpft, wurden beim Einschiffen per Schnelltest negativ auf das Corona-Virus getestet. Doch der positive Test eines anderen Passagiers, ebenfalls aus Luxemburg, wurde ihnen zum Verhängnis. Denn er habe die beiden als Kontaktpersonen angegeben, nachdem er von seinem positiven Test erfuhr. Das luxemburgische Paar Francois Gobillot und Marie Jeanne Cerri berichtet im Gespräch mit RTL, es sei mit dem Mann am Vorabend des Einschiffens in Buenos Aires spazieren gewesen und man habe gemeinsam kurz etwas getrunken, mit Abstand. Trotzdem – und auch trotz dreifacher Impfung – wurden die beiden gebeten, sich an Bord in Quarantäne-Kabinen zu begeben. Dass sie dort fast ihre ganze Reise verbringen würden, damit rechneten sie da noch nicht.

16 negative Schnelltests - erst dann kam Marie Jeanne raus

Eindrücke der Kreuzfahrt im Dezember.
Eindrücke der Kreuzfahrt im Dezember. 3

Obwohl der Bordarzt nach negativen Tests gesagt haben soll, es sei alles okay, mussten die beiden in Quarantäne bleiben. Und das getrennt voneinander. Das sähen die Richtlinien an Bord vor, teilt der Veranstalter Plantours auf RTL-Anfrage telefonisch mit. Es ist „die tiefste Hölle auf See“ gewesen, sagt Marie Jeanne Cerri dazu. „Du weißt nicht, was du in dem Zimmer machen kannst, du hast gar nichts. Du liest, du schläfst, du isst. Und das war’s“, beschreibt sie ihren Quarantäne-Tagesablauf an Bord der MS Hamburg. Und das 16 Tage lang! Für ihren Mann Francois Gobillot dauerte die Quarantäne sogar noch länger – 20 Tage und damit fast die gesamte Reisezeit.

Marie Jeanne wurde in der Quarantäne-Zeit jeden Tag, also 16 Mal, negativ schnell getestet. Erst dann kam sie aus der Kabine raus. Aber warum musste sie so lange in Isolation verbringen? Laut Aufzeichnungen des Veranstalters sei sie nur 15 Tage in Isolation gewesen, nicht 16. Das könne daran liegen, ab wann man gezählt habe – ob schon vor oder erst nach der Abfahrt. 14 Tage seien dafür an Bord des Schiffes die Regelung, auch ohne positive Tests, wenn man Kontaktperson sei. Das diene der Sicherheit der anderen Passagiere auf dem Schiff.

Und für Francois kam es sogar noch dicker als für seine Frau.

Ansteckung über Klimaanlage?

Francois erhielt laut eigener Aussage nach neun negativen Tagen an Tag zehn ein positives Ergebnis – trotz tagelanger einsamer Isolation. Wie kann das sein? War die Klimaanlage nicht sicher, wie es Francois vermutet?

Das Unternehmen teilt mit, dass es bei Francois Gobillot nach etwas mehr als einer Woche acht positive Schnelltests hintereinander gegeben habe. Die Klimaanlage könne aber nicht der Schuld an einer Infektion gewesen sein. Sie sei mit speziellen Filtern ausgerüstet worden, und zudem sei kein anderer Infizierter vor Ort gewesen. Eine Ansteckung in der Kabine kann sich Plantours nicht vorstellen.

Doch was Marie Jeanne und Francois weiter berichten, macht sprachlos.

Im Video: Corona-Drama auf der Aida Nova

Auch die Aida hatte zum Jahreswechsel mit Corona zu kämpfen. Im Video sehen Sie, wie der Kapitän die Kreufahrt am 3.Januar 2022 abbrach.

PCR-Tests nur für die Crew?

16 bzw. neun negative Schnelltests sprechen für sich. Noch sicherer ist bekannterweise der PCR-Test. Warum konnten die beiden nicht PCR-getestet und dann frei gelassen werden? Sie sagen, laut Crew habe es an Bord keine PCR-Tests und auch kein Labor gegeben, in denen sie hätten ausgewertet werden können. Das bestätigt auch Plantours. Die MS Hamburg habe keine PCR-Testmöglichkeit an Bord, unter anderem weil diese Tests von Behörden nicht immer akzeptiert würden, argumentiert der Sprecher. Aber Francois sagt: „Am dritten oder vierten Tag kam eine Durchsage, dass ein Teil des Oberdecks gesperrt werden muss, weil eine argentinische Medizin-Crew dort mit dem Hubschrauber landen wird, um bei zwei Crew Mitgliedern einen PCR-Test zu machen.“

Der PCR-Test ist also für Crew-Mitglieder möglich, für Passagiere, die ihre 18.000 Euro-Reise in Quarantäne verbringen, nicht? Wir haken beim Veranstalter nach. Ein Sprecher bestätigt uns die PCR-Tests bei Crewmitgliedern. Grund sei ein positiver Schnelltest eines an Land negativ getesteten Crewmitglieds gewesen. Die argentinischen Behörden hätten daraufhin entschieden, einen PCR-Test an Bord für diese Person zu ermöglichen. Die Gäste in Isolation hätten zu dieser Zeit keinen positiven Antigentest gehabt, seien deshalb trotz ihrer Quarantäne als Kontaktpersonen nicht für einen PCR-Test vorgesehen gewesen. Als Herr Gobillot später einen positiven Schnelltest hatte, sei man nicht mehr in argentinischen Gewässern gewesen.

Wäre Quarantäne an Bord gar nicht nötig gewesen?

Die beiden bemängeln außerdem die Kommunikation des Veranstalters. Denn die Quarantäne startete noch VOR dem Ablegen des Schiffes. Das heißt: Eine Quarantäne in einem Hotel an Land wäre theoretisch möglich gewesen. So hätte man die beiden nicht an Bord festhalten müssen. „Man hat uns in Quarantäne gesteckt, ohne uns anzubieten, die Quarantäne in einem Hotel in Buenos Aires zu machen. Wenn man uns gesagt hätte, zehn Tage Quarantäne, das ist die Hälfte der Reise, die im Eimer gewesen wäre, dann hätten wir auch genauso gut in Buenos Aires unsere Quarantäne gemacht, und wären früher nach Hause gefahren und hätten die Reise möglicherweise auf ein anderes Jahr gelegt“, sagt Francois. Dieses Angebot oder gar die Info über die Quarantäne-Zeit habe es nicht gegeben.

Im Telefonat mit RTL widerspricht der Plantours-Sprecher den Vorwürfen. Man habe die beiden Reisenden als Kontaktpersonen eines positiv Getesteten isolieren müssen – so regeln des die Richtlinien an Bord. Diese Richtlinien sähen auch das getrennte Unterbringen von Kontaktpersonen vor, über 14 Tage. Darüber habe man die Passagiere auch im Vorfeld informiert. Das Ehepaar hätte die Wahl gehabt, die Reise nicht in Isolation anzutreten, habe sich aber anders entschieden. Es steht Aussage gegen Aussage.

Im Video: Mein Schiff 6 geht in Corona-Pause

Nach der Reise: Keine Reaktion des Veranstalters

Und auch im Anschluss an die Horror-Reise gebe es keine Kommunikation, klagen die Luxemburger. „Welche Antworten haben Sie denn im Nachgang von der Rederei bekommen?“, möchte RTL-Urlaubsretter Ralf Benkö von den beiden wissen. Noch während der Frage beginnen beide lauthals zu lachen. Eine E-Mail sei gekommen, der Inhalt sinngemäß, man habe so viel Schriftverkehr und ziemlich viele Krankmeldungen. Es werde vier bis sechs Wochen dauern, bis eine Antwort möglich sei. Bis heute hat das Paar nichts weiter bekommen.

Dass man als Plantours nach der Rückkehr für eine Antwort auf das Schreiben der beiden mehr Zeit brauche, liege an der Belastung der Mitarbeiter durch aktuelle Entwicklungen in der Kreuzfahrtbranche wegen Corona, teilt das Unternehmen auf RTL-Anfrage mit. Zudem sei mittlerweile bekannt, dass auch auf Reisen eben das Risiko durch Corona bestehe, in Isolation zu müssen, wenn man positiv getestet werde oder als Kontaktperson gelte - so auch auf Kreuzfahrten. Bei Kreuzfahrten achte man sogar auf besonders hohe Sicherheitsstandards, um Risiken durch Corona zu reduzieren, heißt es von Veranstalterseite.

Immerhin, eine kurze Zeit konnte das Paar aus Luxemburg dann doch noch im Freien verbringen, die gewünschte Erholung hat diese Reise aber ganz und gar nicht gebracht.