Das sagt der Experte

Tot- vs. Lebendimpfstoff - was ist eigentlich der Unterschied?

Ein Patient erhält per Spritze eine Impfung in den Oberarm.
Um gegen verschiedene Infektionskrankheiten geschützt zu sein, gibt es unterschiedliche Arten von Impfstoffen. © AtlasStudio

Corona-Pandemie, Grippe-Saison und Co.: Impfstoffe sind omnipräsent

Durch die weltweite Corona-Pandemie sind Impfstoffe in den Fokus der Gesellschaft gerückt. Auch von Totimpfstoffen ist immer mal wieder die Rede. Ein Teil der Bevölkerung scheint nämlich darauf zu warten, dass ein Corona-Impfstoff zugelassen wird, der sich von mRNA und Co. unterscheidet. Für sie gibt’s gute Neuigkeiten: Auch wenn das österreichisch-französische Unternehmen Valneva noch keine offizielle Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA erhalten hat, hat sich die Europäische Union bereits Millionen von Dosen gesichert.

Und da gibt es ja noch die Lebendimpfstoffe – was genau ist das eigentlich? Und spielen sie eine Rolle bei Covid-19? RTL hat mit dem Epidemiologen Prof. Dr. Timo Ulrichs gesprochen und die wichtigsten Antworten rund um die unterschiedlichen Impfstoff-Arten für Sie zusammengefasst.

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Es gibt verschiedene Impfstoff-Typen

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gibt es verschiedene Impfstoffarten, die im Kampf gegen bestimmte Infektionskrankheiten eingesetzt werden können. Sie sorgen dafür, dass wir nach der Impfung einen Impfschutz aufbauen. Dabei unterscheidet man vor allem zwischen Totimpfstoffen, auch inaktivierte Impfstoffe genannt, und Lebendimpfstoffen. Aber es gibt auch neuere Techniken, wie es zum Beispiel der Fall ist bei mRNA- und Vektor-Impfstoffen.

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Totimpfstoffe

Ein Arzt zieht eine Spritze auf.
Bei Totimpfstoffen wird der Krankheitserreger gezüchtet, abgetötet und dann verabreicht. © imago images/ZUMA Wire, Mykola Tys via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Was genau hat es mit den Totimpfstoffen auf sich? „Bei einem Totimpfstoff nimmt man einen kompletten Krankheitserreger und tötet ihn ab, also er wird vorher erstmal im Labor angereichert und dann wird der abgetötete Erreger als Ganzes, als Impfstoff verabreicht“, erklärt Prof. Dr. Timo Ulrichs im RTL-Interview. Das Positive: Die Strukturen des Erregers sind noch vorhanden, „aber es ist im Prinzip nur noch eine Hülle, der Erreger kann also keinen Schaden mehr anrichten.“ Außerdem können sich die Krankheitserreger – oder Bestandteile dieser Erreger – nicht mehr vermehren.

Und danach? Laut BZgA registriert der Körper die Erreger als Fremdkörper, sodass das körpereigene Abwehrsystem zur Antikörperbildung angeregt wird – ohne, dass die jeweilige Krankheit ausbricht.

Gegen Hepatitis B, Kinderlähmung, Keuchhusten, Tetanus und auch Tollwut werden aktuell Totimpfstoffe eingesetzt. Auch die meisten Grippeimpfstoffe zählen zur Kategorie der Totimpfstoffe.

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Lebendimpfstoffe

Ein Lebendimpfstoff funktioniert etwas anders: „Ein Lebendimpfstoff ist ein Erreger, der noch lebt, dem man aber bestimmte krankmachende Eigenschaften genommen hat. Entweder, indem man ihn abgeschwächt hat, oder indem man sogar ganze Gen-Abschnitte ausgeschaltet hat.“ So lebe der Erreger zwar noch, aber er könne – wie auch beim Totimpfstoff – keinen großen Schaden mehr im Körper anrichten.

Laut Ulrichs gibt es folgenden Vorteil: „Wenn man ihn verabreicht, verhält sich der Erreger möglicherweise noch so, wie ein natürlicher Erreger.“ Das Risiko sei jedoch etwas größer als bei einem Totimpfstoff: Dass da doch noch etwas schädlich ist oder Nebenwirkungen hervorgerufen werden, das könne laut dem Epidemiologen durchaus vorkommen.

Die Lebendimpfstoffe werden vor allem genutzt, um einen Impfschutz gegen Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken aufzubauen. Für das Coronavirus zum Beispiel kamen Lebendimpfstoffe laut Ulrichs gar nicht in Frage.

Coronavirus: mRNA- und Vektor-Impfstoffe

Eine Illustration, wie das Coronavirus unter dem Mikroskop aussieht.
Im Kampf gegen das Coronavirus werden neuere Technologien eingesetzt: die mRNA- und Vektor-Impfstoffe. © peterschreiber.media

Um das Coronavirus einzudämmen, kommen in Deutschland seit Monaten zwei verschiedene Impfstoff-Typen von vier verschiedenen Firmen zum Einsatz: Die genbasierten mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sowie die Vektor-Vakzine von AstraZeneca und Johnson & Johnson. Totimpfstoffe sind in Deutschland bisher noch nicht zugelassen.

Die Abkürzung mRNA steht hierbei für den englischen Begriff „messenger ribonucleic acid“, also „Boten-Ribonukleinsäure“. Es handelt sich dabei um eine ganz neue Technologie, „da gibt man nur noch den ‘Bauplan’ für bestimmte Oberflächenstrukturen des Erregers hinzu, der dann eben in der Körperzelle abgelesen werden kann“, erklärt Ulrichs im RTL-Interview. Dank spezifischen Antikörpern bildet der Körper also eine Immunantwort, sodass das Immunsystem im Falle einer Infektion mit dem „echten“ Virus gewappnet ist und direkt Abwehrkräfte aufbauen kann.

Ulrichs definiert die Vektor-Impfstoffe wie folgt: „Bei einem Vektor-Impfstoff gibt man ein harmloses Vektor-Virus, was von dem natürlichen Erreger nur einzelne Gen-Abschnitte bekommen hat, hinzu. Das Virus tritt dann an der Oberfläche in Erscheinung.“ Insgesamt heißt das, dass das Immunsystem so, anhand der dargebotenen Strukturen, lernen kann, wie der natürliche Erreger aussieht.

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Corona-Impfung mit "neuen" Technologien? "Effektiver und genauso harmlos"

Für den Epidemiologen ist eines klar: Die mRNA- und Vektor-Impfstoffe werden alles rund ums Impfen revolutionieren. Sie seien „sehr sehr sicher“, vor allem weil man gar keinen lebenden Erreger verabreicht, sondern nur einzelne Strukturen und Anteile eines Virus – oder eben nur den Bauplan. Damit seien diese beiden Impfstoff-Typen viel effektiver und genauso harmlos wie ein Totimpfstoff. Das gezieltere Verabreichen sei viel fortschrittlicher und am Ende sogar besser als das Injizieren eines Totimpfstoffs, wo der gesamte Erreger verabreicht wird.

Totimpfstoffe gegen das Coronavirus

Wie BR24 berichtet, werden derzeit vier Totimpfstoffe gegen das Coronavirus weltweit verimpft, manche allerdings nur in bestimmten Ländern. Andere wiederum befinden sich noch in verschiedenen Phasen von klinischen Studien und warten auf ihre Zulassung. CoronaVac, vom chinesischen Unternehmen Sinovac entwickelt, ist seit Februar dieses Jahres in China zugelassen, aktuell wird der Totimpfstoff von der Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) geprüft. Es könnte also gut möglich sein, dass CoronaVac auch bald hier in Deutschland als Impfstoff an den Start geht.

Auch der französisch-österreichische Konzern Valneva hofft auf eine baldige Zulassung. VLA2001 könnte es als Erstes nach Deutschland schaffen. Trotzdem wird es vermutlich noch einige Monate dauern, bis der erste Totimpfstoff hierzulande verimpft wird. ntv zufolge rechnet das Unternehmen mit einer Auslieferung im Frühjahr 2022.

Weil diese Impf-Methode aber altbewährt und gut verträglich ist, kann es gut sein, dass auch Impfskeptiker am Ende noch von der Impfung gegen das Coronavirus überzeugt werden können. (vdü)