"Erreichen einer Herdenimmunität ist nicht realistisch"

Corona im Herbst und Winter: RKI setzt auf 3-Stufen-System

Eine FFP-2-Maske liegt am Straßenrand inmitten von vertrockneten Blättern. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das RKI schlägt den Bundesländern eine dreistufige Pandemie-Strategie vor. © dpa, Frank Rumpenhorst, fru

Gegen die Pandemie in drei Stufen

Der Sommer lässt sich gerade noch in einigen Teilen Deutschlands zaghaft blicken, da raunt der Herbst schon um die Ecke. Und mit ihm die Frage: Werden wir wieder einen Corona-Lockdown erleben wie im vergangenen Jahr? Nun aktualisierte das Robert Koch-Institut (RKI) seine Strategie zum Umgang mit der Corona-Pandemie. Die Lage im Herbst und Winter wollen die Wissenschaftler künftig in drei Stufen bewerten.

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RKI setzt auf Ampel-System

In diesem Herbst erreicht die Corona-Pandemie in Deutschland laut Einschätzung des RKI eine entscheidende Phase: Weil immer mehr Menschen geimpft oder von einer Corona-Infektion genesen seien, beginne der Wandel vom pandemischen hin zu einem endemischen Geschehen. Deshalb empfiehlt das RKI, dass „die Basismaßnahmen bis zum nächsten Frühjahr auch von Geimpften und Genesenen“ eingehalten werden. Das bedeutet weiterhin Kontakte reduzieren, Abstandregeln einhalten, Maske tragen und nach Möglichkeit lüften. „Die Vorstellung des Erreichens einer Herdenimmunität mit dem Ziel einer Elimination oder sogar Eradikation (...) des Virus ist jedoch nicht realistisch“, so das RKI. Als Ziel wird vielmehr „eine breite Grundimmunität“ ausgerufen.

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RKI - von Stufe zu Stufe strenger

Bei steigenden Inzidenzen rät das Institut zu zusätzlichen Maßnahmen, die "zielgerichtet und schrittweise" eingeführt werden sollten. Das unter der Überschrift "ControlCovid-Strategie" zusammengefasste Stufenkonzept nennt dazu erstmals auch konkrete Schwellenwerte.

  • Basistufe: gilt bei einer Inzidenz unter 35, einer Hospitalisierungsinzidenz bis zu 1,5 und einem Anteil der Intensivpatienten von bis zu drei Prozent. Dann sollen neben Geimpften und Genesenen auch Getestete Zugang zu allen möglichen Einrichtungen erhalten.
  • Stufe 1: gilt bei einer Inzidenz bis 100, einer Hospitalisierungsinzidenz bis fünf und einem Anteil der Intensivpatienten von bis zu zwölf Prozent. In dieser Situation empfiehlt das RKI, in Bars und Clubs nur noch Geimpfte und Genesene zuzulassen und die Zahl der empfangenen Personen zu reduzieren. Außerdem solle bei Sport im Innenbereich entsprechend der möglichen Luftzufuhr die Gruppengröße angepasst werden. Mobiles Arbeiten soll ermöglicht werden. Auch die Bahn und Veranstalter sollten dann zusätzliche Vorkehrungen treffen, um Beteiligte zu schützen - indem sie beispielsweise verpflichtende Sitzplatzreservierungen einführen und für bessere Belüftung sorgen.
  • Stufe 2: gilt bei einer Inzidenz über 100, einer Hospitalisierungsinzidenz über fünf und einem Anteil an Intensivpatienten von über zwölf Prozent. Bars und Clubs könnten geschlossen und Großveranstaltungen verboten werden. Ein Restaurantbesuch soll für Geimpfte und Genesene aber möglich bleiben. In der Innengastronomie solle auf 2G gesetzt und die Zahl der Gäste reduziert werden. Für Unis und Berufsschulen schweben den Gesundheitsexperten Distanzveranstaltungen vor. In Kitas und Schulen solle über Wechsel- und Distanzunterricht nachgedacht werden, jedoch soll es keine präventiven Schließungen mehr geben.
ControlCOVID-Strategie
ControlCOVID-Strategie: Maßnahmen in Stufen und Settings © Robert-Koch-Institut, Arndt, Julia [RTL NEWS]

Kritik am Konzept

Tatsächlich haben einzelne Bundesländer wie beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Thüringen bereits Frühwarnsysteme implementiert, die dem Stufenkonzept des RKI grundsätzlich ähneln. Dabei haben die Länder aber teils deutlich großzügigere Grenzwerte und Zeitintervalle gewählt als das RKI.

Laut dem neuen Infektionsschutzgesetz, das am 20.9.2021 in Kraft getreten ist, gilt neuerdings die Hospitalisierungsinzidenz als wichtigste Größe für Corona-Schutzmaßnahmen. Doch am Meldeverfahren gibt es Kritik. Zum einen wird ein Meldeverzug bemängelt, weshalb die Hospitalisierungsrate laut Fachleuten erst einige Wochen im Nachhinein ein belastbarer Wert ist und tagesaktuell eher zu niedrig angegeben wird. Zum anderen sollen viele Krankenhäuser nach Recherchen der „Welt am Sonntag“ anders als vom RKI verlangt auch solche Patienten und Patientinnen gemeldet haben, die nicht wegen einer Corona-Erkrankung eingeliefert wurden, sondern wegen einer anderen Erkrankung, und bei denen lediglich per Routinetest zusätzlich eine Infektion mit dem Virus festgestellt worden war. Das würde eher für zu hohe Zahlen sprechen, so der Deutschlandfunk. (jar)