Prostituierte fordern auf der Reeperbahn Wiedereröffnung der Bordelle

"Wir sind Hygieneprofis"

Seit Monaten haben Bordelle wegen des Coronavirus geschlossen. Für Angestellte spitzt sich die Situation zu. Deshalb demonstrierten am Samstagabend rund 400 Prostituierte und Bordellbetreiberinnen und -betreiber aus ganz Deutschland auf der Hamburger Reeperbahn für die Wiedereröffnung des Gewerbes. Sie hielten Plakate in die Höhe mit Aufschriften wie: „Sexarbeit darf nicht durch Corona in die Illegalität abrutschen“ und „Wir sind Hygieneprofis“.

Prostituierte sehen ihre Existenz bedroht

Prostitutes wearing masks hold signs reading
Demo In Hamburg. © REUTERS, FABIAN BIMMER, FBI/dn

„Die Situation ist beschissen“, schilderte eine Frau, die nach eigenen Worten seit zwei Jahren in der Hamburger Herbertstraße als Prostituierte arbeitet. „Hier hocken keine 15 Leute dicht aufeinander.“ Bordelle sind deutschlandweit coronabedingt seit mehr als drei Monaten geschlossen.

Ivonne, die nach eigenen Worten seit zehn Jahren in einem Hamburger Domina-Studio arbeitet, kann ebenfalls noch nicht wieder arbeiten. Sie befürchtet ein weiteres Abdriften der Branche in Richtung Illegalität. „Ich habe eine Tochter, mir blieb zuletzt nur die Corona-Hilfe. Ich kann nicht verstehen, warum wir nicht öffnen dürfen. In Domina-Studios ist Abstandhalten möglich.“ Sie sehe ihre Existenz bedroht. „Wenn wir wieder öffnen dürften, hätte die Stadt auch wieder mehr Kontrolle über das Gewerbe“, sagte ihre Kollegin Jessica, die nach eigenen Angaben seit sechs Jahren als Domina in der Hansestadt arbeitet.

Auch Dragqueen Olivia Jones nahm teil

Bei der Demonstration saßen viele Frauen mit großer Sonnenbrille und Mund-Nasen-Schutz an ihren eigentlichen Arbeitsplätzen in der Herbertstraße. Einige standen mit Protestschildern vor den Etablissements. Dragqueen Olivia Jones nahm ebenfalls an dem Protest teil: «Diese Läden gehören einfach zu Hamburg», sagte sie.

Sexuelle Dienste in vielen Nachbarländern wieder erlaubt

„Dass sich die jungen Leute in dieser Sache politisch engagieren, ist toll, und es zeigt die Brisanz der Lage“, schilderte Johanna Weber vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Die Sexarbeiterinnen und -arbeiter hätten sehr lange viel Verständnis für den Lockdown aufgebracht, doch so langsam schwinde die Geduld. Das habe auch damit zu tun, dass in vielen Nachbarländern erotische und sexuelle Dienste bereits wieder erlaubt sind. „In der Schweiz ist Prostitution seit vier Wochen wieder erlaubt und es hat seitdem keine Coronafälle im Zusammenhang mit Bordell-Besuchen dort gegeben“, so Weber, die seit 27 Jahren in Hamburg als Prostituierte arbeitet.

Zudem seien gerade Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter besonders mit Hygiene-und Schutzmaßnahmen vertraut. Dennoch werde ihnen hierzulande scheinbar kein verantwortungsvoller Umgang mit Corona-Schutzmaßnahmen zugetraut, kritisierte Weber. Hinzu komme, dass Prostituierte an einem guten Tag maximal vier Kunden hätten. „In der Regel haben die zwei bis drei Kunden am Tag. Das sind keine Massen, die zu uns kommen. Und im Moment sind viele ohnehin zurückhaltender.“

Viele arbeiten notgedrungen in Hotels, Wohnungen oder von zu Hause aus

Einige Kolleginnen und Kollegen arbeiteten wegen ihrer finanziellen Notlage trotz der geschlossenen Bordelle weiter - nur eben in gemieteten Hotels, Wohnungen oder von zu Hause aus. „Das sind keine gute Arbeitsbedingungen und es findet eben ohne Hygienekonzept statt.“ Weber würde es deshalb sehr begrüßen, wenn bald „vernünftige Regelungen gefunden werden könnten, damit wir das langsam wieder eröffnen können“. Mit Blick auf die sehr geringen Infektionszahlen in vielen Bundesländern sei es „nicht mehr verhältnismäßig, dass man ganze Berufsgruppen nicht arbeiten lässt“.