Der qualvolle Tod der Basstölpel auf Helgoland

In 95 Prozent der Nester findet sich Plastik

Basstölpel brüten nur an einem einzigen Ort in Deutschland. Unsere Reporterin Anna Hohns hat den Lummenfelsen auf der Insel Helgoland besucht. Dabei hat sie gesehen in welche Gefahr die Tiere durch Plastik im Meer geraten. Hier berichtet sie von ihren Eindrücken.

Wie die verhängnisvolle Situation auf dem Felsen aussieht und wie Ornithologe Elmar Ballstaedt diese einschätzt, zeigen wir im Video.

Am Lummenfelsen tummeln sich hunderte Vögel

Ein Basstölpel sitzt auf einem Nest
Ein Basstölpel sitzt auf einem Nest mit Plastikresten. © deutsche presse agentur

Für einen kurzen Moment vergesse ich, warum wir eigentlich hier sind. Der Blick, der sich mir auf den Helgoländer „Lummenfelsen“ bietet, ist zu beeindruckend: Roter Sandstein, der 60 Meter aus dem Wasser ragt, drum herum die graublaue Nordsee und hunderte Vögel, die mit einem lauten „rah-rah“ die Nester anfliegen, die sie auf die Klippen gebaut haben. Es sind Basstölpel, ungefähr so groß wie Gänse und mit weißem Gefieder – bis auf die schwarzen Flügel- und Schwanzspitzen. Knapp 1290 Paare brüten zurzeit auf Helgoland.

An den Felswänden hängen tote Tiere

Ein Basstölpel im Flug, aufgenommen am auf der Hochseeinsel Helgoland. Foto: Harro H. Müller/Illustration
Basstölpel sind etwa so groß wie Gänse. © DPA

Die Realität holt mich ein, als Ornithologe Elmar Ballstaedt durch sein Fernglas in Richtung Felsen schaut. „Da vorne ist wieder einer, sehen Sie?“ Um den Kopf eine Plastikschnur, die Flügel halb geöffnet, hängt ein toter Basstölpel am Stein herunter.

Ein bisschen Erde, Gras und Algen. Damit bauen die Vögel eigentlich ihre Nester. Aber immer häufiger entdeckt der Helgoländer Vogelkundler darin auch buntes Material, das dort nichts zu suchen hat. „Wir finden ziemlich viel Plastik, vor allem schnurförmiges. Das heißt Plastik-Arten, die von der Struktur her wie Algen aussehen“, sagt er uns.

Basstölpel verwechseln Plastikschnüre mit Algen

Die Tiere verwechseln sie mit natürlichen Materialien für ihre Nester und bauen sie dort ein. Verheddern sie sich dann aber versehentlich darin, bedeutet das oft ihren Tod. „Das Problem ist, das diese Plastikschnüre total reißfest sind“, erklärt uns der 33-Jährige und macht dabei aus der orange leuchtenden Schnur in seiner Hand eine Schlaufe. „Das ist ja dann im Nest verbaut und liegt da so drin. Gerät der Vogel mit dem Bein dort hinein, dann zieht sich das zu und dann hat er keine Chance, sich jemals wieder zu befreien.“ Bis die Tiere sterben, vergehen oft Tage. Sie ersticken qualvoll oder verhungern.

Plastik in 95 Prozent der Nester

ARCHIV - Das Oberland mit dem Felsen «Lange Anna» (vorn) ist am 18.06.2009 während eines Flugs über die Hochseeinsel Helgoland (Kreis Pinneberg) zu sehen. Die Helgoländer stimmen an diesem Sonntag (26.06.2011) bei einem Bürgerentscheid über die Frage
Anfang der 90er ließen sich zum ersten Mal Basstölpel auf Helgoland nieder. Seitdem kommt jedes Jahr dieselbe Kolonie zum Brüten auf die Insel. © dpa, Marcus Brandt

Anfang der 90er ließen sich zum ersten Mal Basstölpel auf Helgoland nieder. Seitdem kommt jedes Jahr dieselbe Kolonie zum Brüten auf die Insel. Schon in den ersten Nestern haben Wissenschaftler damals Plastik gefunden. Mittlerweile steckt es in 95 Prozent aller Nester.

Im Schnitt 40-60 Tiere überleben die Brutsaison nicht, weil sie sich in den Schnüren verfangen. Deshalb sind die Basstölpel auf Helgoland zwar noch nicht vom Aussterben bedroht. Aber die Frage ist, wie lange es noch so bleibt. Es sind auch nicht ausschließlich Basstölpel, die dadurch verenden. Auch Vögel, mit denen sie sich den Felsen teilen, wie z.B. Trottellummen, verfangen sich und erleiden dasselbe Schicksal.

Dem Plastik auf der Spur

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Zwei Basstölpel bei der Balz

Woher das Plastik stammt, kann der Ornithologe noch nicht genau sagen. Er untersucht das gerade in Form eines wissenschaftlichen Projekts. Manchmal lässt sich der Müll in den Nestern aber schon sofort eindeutig zuordnen – weil wir ihn aus unserem Alltag kennen. Elmar Ballstaedt bewahrt Beispiele davon in der Helgoländer Zentrale des Naturschutzvereins Jorsand auf, dessen Stationsleiter er ist. Aus einer durchsichtigen Tüte nimmt er ein eine Plastikschnur und zeigt sie uns. „Da war so ein Luftballon dran, wie man ihn auf einer Kirmes oder einem Dorffest bekommt. Oder aber, was man auch eindeutig zuordnen kann, ist dieses Verpackungsmaterial, Hartplastik, das um Pakete rumgeschnürt wird.“

Andere Plastikfasern, die Ballstaedt in den Nestern gefunden hat, könnten vielleicht in der Fischerei eingesetzt worden sein, in Netzen. Im Herbst weiß der 33-Jährige dazu Genaueres, wenn er erste Daten seines Projekts auswerten hat – ein Projekt, das die Basstölpel und andere Vogelarten auf Helgoland künftig vorm Tod durch Plastik bewahren soll.

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