Förster Peter Wohlleben: Nadelholzplantagen sind „grüne Wüsten“

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Im 2. Teil des Interviews mit Peter Wohlleben erklärt der Förster, welch negative Einflüsse die Nadelbaum-Plantagen bei Waldbränden und Stürmen haben.

Was ist eigentlich Wald? Und was nur Forstwirtschaft?

Der deutsche Wald leidet – wegen der beiden zurückliegenden Hitzesommer sind laut aktuellen Schätzungen etwa 250.000 Hektar abgestorben. Aber was ist eigentlich noch wirklicher Wald und was ist lediglich Forstwirtschaft? Förster Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) sieht in den Nadelholzplantagen keinen Wald, sondern nennt sie „grüne Wüsten“, mit denen auch die Tiere nichts anfangen könnten. Im zweiten Teil unseres Interviews mit Förster und Autor Wohlleben erklärt uns der Experte, wie er sich seinen Wunschwald vorstellt, wie die Zukunft des Waldes aussieht und welche Gefahren in den Nadelholzplantagen stecken. 

„Durch Nichtstun entwickeln wir den resistenten Wald“

Für einen gesunden Wald, so Wohlleben, müsse der Mensch eigentlich nur eines tun: „Die Hände in die Hosentasche stecken - Baumnachwuchs kommt überall von alleine.“ Wenn man den Wald sich selbst überlasse, werde er sich natürlich auf den Klimawandel einstellen. „Durch Nichtstun entwickeln wir den resistenten Wald“, sagt der Experte. Wohlleben glaubt, dass die Nadelholzplantagen verschwinden werden. „Man kann den Wald nicht umbauen. Mit eingeführten Baumarten, die hier nicht hergehören, wie Douglasien oder Zedern aus dem Libanon, kann unser Ökosystem nichts anfangen. Das ist dann zwar grün, aber kein Wald. Es ist eine grüne Hölle.“  

Hier finden Sie den ersten Teil des Wohlleben-Interviews: Wir müssen den Wald in Ruhe lassen

„Ein Wald ist wie ein Hochhaus – auf jeder Ebene spielt sich etwas ab“

Rotbuche, Rot-Buche, Buche (Fagus sylvatica), Buchenwald im Nationalpark Muetitz-Serahn mit Tot- und Altholz, Deutschland, Mecklenburg-Vorpommern | common beech (Fagus sylvatica), beech forest at Muetitz-Serahn National Park, Germany, Mecklenburg-Wes
Totholz ist ein wichtiger Feuchtigkeitsspender im Wald. © picture alliance / blickwinkel/P, P. Schuetz

Wohlleben erklärt, man könne sich einen natürlichen Wald wie ein Hochhaus vorstellen, auf jeder Ebene spielt sich etwas ab. Es gibt verschiedenes Grün, verschiedene Tiere. „In einer Plantage mit nur gleich alten Bäumen gibt es keine Ebenen. Die Plantagenwirtschaft fährt gegen die Wand“, sagt er. 

Für Wohlleben spricht nichts dagegen, dem Wald Holz zu entnehmen. Aber in Maßen: „Jeder Holzeinschlag schädigt den Wald“, sagt er und rät: Steigen Sie nicht auf Papiertüten um. Dafür werden Wälder abgeholzt. Das ist ein Wegwerfprodukt. Früher hieß es: Jute statt Plastik. Man kann Baumwolltaschen benutzen“, so der Förster, der empfiehlt, den Holzverbrauch zu drosseln und in langlebige Produkte zu investieren. Denn: Wir verbrauchen in Deutschland doppelt so viel Holz wie nachwächst.“

„Nadelbäume sind wie gefüllte Benzinfässer“ – Waldbrände sind Menschen gemacht

24.08.2018, Brandenburg, Klausdorf: Hell erleuchtet ist ein brennender Wald nahe Klausdorf, der gerade versucht wird, mit einem Wasserstrahl aus einem Fahrzeuges der Feuerwehr zu löschen. Ein Feuer hat sich im Südwesten Brandenburgs auf einer großen
Waldbrand in Südbrandenburg. Es brennen nur die Nadelhölzer der Plantagen. © dpa, Patrick Pleul, ppl fgj

Die immer häufiger werdenden Waldbrände sieht Wohlleben klar in der Plantagenwirtschaft begründet: „Nadelbäume sind wie gefüllte Benzinfässer wegen der ätherischen Öle. Die brennen lichterloh, wenn man da ein Streichholz reinwirft. Brände entstehen durch die Menschen, nicht von Natur aus. Von Natur aus können unsere heimischen Laubwälder gar nicht brennen. Versuchen Sie mal, eine Buche oder eine Eiche anzuzünden, solange sie noch lebt. Was brennt, sind die Nadelplantagen", sagt der Förster und folgert daraus: „Aus diesem Grund müssen wir weg von diesem Nadelholzanbau.“ 

Wohlleben geht sogar noch ein Stück weiter und sagt: „Es gibt keine natürlichen Waldbrände bei uns. Wenn es blitzt, dann regnet es auch. Da brennt kein Wald. Seit anderthalb Millionen Jahren ist der Mensch Auslöser von Waldbränden. Es ist der wirtschaftende Mensch, der Zustände schafft, in denen sich der Wald entzünden kann.“

Sturmschäden betreffen vorwiegend Nadelbäume

Starke Trockenheit in Rheinland Pfalz, in den letzten Wochen hat es so gut wie nicht mehr geregnet, abgestorbene, vertrocknete Nadelbaeume, Kranker Wald bei Kirchen zwischen Brachbach und Katzenbach Fruehling in Rheinland-Pfalz am 26.04.2020 in Kirch
Die Nadelhölzer gehören nicht in deutsche Wälder. Sie sterben nun als erste ab. Wohlleben glaubt, die Nadelholzplantagen werden komplett verschwinden. © imago images/Rene Traut, Rene Traut via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Auch die zunehmenden Sturmschäden betreffen die Nadelbäume: Großflächige Stürme seien klassische Begleiterscheinungen der Forstwirschaft mit Nadelbäumen. „Die wurzeln sehr flach, kippen schnell um. Von Natur aus gibt es aber gar keine Flachwurzler. An den Wurzeln sind kleine Wurzelspitzen mit gehirnähnlichen Strukturen. Damit tastet sich der Baum durch den Boden. Wenn man pflanzt, beschädigt man diese Wurzeln. Die Konsequenz ist, dass sie nicht mehr tief wurzeln. Dann können sich die Bäume außerdem die Wasservorräte nicht mehr erschließen, sie vertrocknen an der Oberfläche“, erklärt Wohlleben. 

Man müsse überhaupt keine Bäume in den Wald pflanzen. „Die Natur ist überreich. Nur jeder zweimillionste Sämling überlebt und wird ein großer Baum. Pro Hektar gibt es bis zu 100.000 Sämlinge. Da muss der Mensch nicht noch ein paar Hundert dazu pflanzen.“ 

Wie sieht der Wald der Zukunft aus? Ökologisches Modell in Zukunft erfolgreicher

Schon stand im Nebelkleid die Eiche da. Wald im Herbst. ÖKOLOGIE UND UMWELT / creative *** Already in the mantle the oak stood in the woods in autumn ECOLOGY AND THE ENVIRONMENT creative PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: ThexFlux/xPhotocase
Ein gesunder Laubwald im Herbst. „Alles wird Wald", glaubt Wohlleben. © imago/Photocase, The Flu / Photocase, imago stock&people

Wie aber kann die Zukunft des deutschen Waldes aussehen? Schließlich ist die Forstwirtschaft ein Wirtschaftszweig und die meisten Wälder sind Nutzwälder. Wohlleben hat einen Vorschlag: „Forstwirtschaft und Naturschutz kann man kombinieren. Man geht nicht mit schweren Maschinen in den Wald, unternimmt keinen Kahlschlag, arbeitet mit heimischen Arten.“

„Wenn es nach mir ginge, sollten wir in Deutschland 20 Prozent Schutzgebiete haben und 80 Prozent ökologischen Wirtschaftswald. Das ökologische Wirtschaftsmodell ist viel erfolgreicher. Wir haben in Deutschland 50 Prozent Nadelwälder, die vertrocknen in Zukunft alle. Da wächst dann kein Holz mehr. Die Laubwälder werden in Zukunft viel, viel mehr Holz liefern, weil sie im Gegensatz zu Nadelplantagen überleben können. Diese sterben ab. Ökologische Waldwirtschaft liefert in Zukunft unter dem Strich somit viel mehr Holz“, so die Idee des Experten. Das würde auch viele Arbeitsplätze in diesem Bereich sichern.

„Wald ist die gewaltigste Form der Erde. Wenn wir nichts tun, kommt in unseren Breiten der Wald zurück. Man sieht das an Tschernobyl“, sagt Wohlleben. Dort greife der Mensch nicht ein und die Gegend werde wieder zu einem riesigen Wald: „Wenn man nichts tut, wird alles wieder zu Wald.“  

Oliver Scheel