Klimawandel: Gibt es in Deutschland bald keine Fische mehr?

Wellen mit weißer Gischt von der stürmischen Nordsee an der Küste der Insel Langeoog, 24.10.2013
Nordsee-Wellen mit weißer Gischt © picture alliance / Michael Narte, Michael Narten

Alarmierender Temperaturanstieg an Nord- und Ostsee

In den letzten Jahrzehnten haben sich Nord- und Ostsee drastisch erwärmt: „Die aktuellen Erwärmungen sind etwa 0,6 Grad pro zehn Jahre. In den letzten dreißig Jahren haben sich Ost- und Nordsee um 1,8 Grad erwärmt. Also weit, weit mehr als der Ozean insgesamt“, sagt Prof. Ulf Riebesell von GEOMAR (Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel). 

Laut Messungen habe sich die mittlere Oberflächentemperatur in der Nordsee um 1,3 Grad erwärmt. In der westlichen Ostsee habe ein Anstieg von mindestens 1,8 Grad stattgefunden. Laut GEOMAR ist der Temperaturanstieg in der westlichen Ostsee und in der südlichen Nordsee am stärksten – also genau in den Regionen, die Deutschland betreffen. 

Politik fordert wirksamen Klimaschutz

Wenn sich der Temperaturanstieg fortsetze, drohen in beiden Meeren massive Veränderungen der Meeresumwelt, warnt die ParlamentarischenGeschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Steffi Lemke. Sie fordert wirksamen Klimaschutz: "Wenn wir unsere Meere retten wollen, braucht es endlich auch wirksame Schutzgebiete in denen sich geschützte Arten zurückziehen und erholen können", so Steffi Lemke. Denn: Gesunde Meere könnten auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und könnten mehr als 90% der menschengemachten zusätzlichen Erwärmung aufnehmen.

ARCHIV - 06.11.2018, Schleswig-Holstein, Lübeck-Travemünde: Begleitet von zahlreichen Möwen kommt am Morgen bei Sonnenschein der Fischkutter
Temperaturanstieg von Nord- und Ostsee © dpa, Bodo Marks, bom gfh akl

Wieso erwärmen sich Nord- und Ostsee schneller als andere Ozeane?

Prof. Ulf Riebesell, Geomar: „Es liegt nahe, dass es zum einen daran liegt, dass natürlich beide Ozeane, Nordsee- und Ostsee, oder beide Gebiete sehr stark abgeschlossen sind und sich dadurch die Oberflächenschicht stärker trennt von dem tiefen Wasser. Das heißt, die Durchmischung zwischen den beiden Wasserkörpern wird geringer und damit auch der Kühleffekt aus der Tiefe. Zum anderen beobachtet man auch, dass sich der Austausch mit dem Atlantik verringert. Der Atlantik hat natürlich kühleres Wasser und wirkt dann kühlend, besonders im Sommer, für die Nordsee und durch die Ozeanerwärmung verändern sich auch die Strömungsverhältnisse.“

Haben wir vor der deutschen Küste bald keine Fische mehr?

Prof. Ulf Riebesell, Geomar
Prof. Ulf Riebesell, Geomar © RTL

Prof. Ulf Riebesell, Geomar: „Wir sehen schon heute die Auswirkungen der Erwärmung: Viele Arten wandern ab. Es ist insgesamt zu beobachten, dass sich die Arten zu den Polen und in die Tiefen hin zurückziehen, da, wo es noch kühler ist. Wir sehen, dass sich die Artengemeinschaften ändern und damit natürlich auch die Funktion der Ökosysteme. (...) Für uns kommerziell wichtige Fischarten wandern ab. Der Dorsch und der Hering zum Beispiel wandern in Richtung nördlichere Breiten ab.“

Was bedeutet die Ozeanerwärmung für das Ökosystem?

Prof. Ulf Riebesell, Geomar: „Gerade hier in der Ostsee müssen wir befürchten, dass sich nicht die verloren gehenden Arten einfach ersetzen lassen. Die Ostsee ist schon von Natur aus ein sehr artenarmes Ökosystem, weil es Brackwasser ist, nur wenige Arten sind daran angepasst. Es gibt keine Brackwasser-Arten, die hier dann mal eben so reinkommen und verloren gegangene Arten ersetzen könnten. Hier könnten sich ganze Ökosysteme verändern und möglicherweise auch wichtige Funktionen im Ökosystem verloren gehen.“

Zudem würden die warmen Wassertemperaturen das Wachstum von Bakterien und Algen fördern. „Algen wachsen schneller, wenn es wärmer ist – und vor allem auch früher. Das hat zur Folge, dass das Zusammenspiel der Arten nicht mehr so gut funktioniert“. Viele Mikroorganismen können gesundheitsschädlich sein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt bereits jetzt vor gefährlichen Bakterien wie Vibrionen.

Kann die Erwärmung der Nord- und Ostsee gestoppt werden?

Prof. Ulf Riebesell, Geomar:„Wir können nichts machen, um die Ozeanzirkulation zu ändern. Auch die Schichtung des Ozeans, aufgrund der Erwärmung der Oberfläche, da machen wir nichts gegen. Das was wir machen können, als Weltbevölkerung ist, unsere CO2-Emissionen massiv reduzieren. Darauf haben wir uns im Rahmen des Pariser Klimaabkommens ja auch geeinigt. Alle Modelle sagen mit 2 Grad sind die Risiken noch überschaubar. Wenn wir das nicht erreichen, haben wir ein Riesenproblem sowohl für die marinen Ökosysteme als auch die Landökosysteme.“

Das Sommercomeback im Fokus

Auf dem Laufenden in Sachen Sommer 2020 bleiben Sie ebenso in unserem 7-Tage-Wetter sowie mit dem 30-Tage-Wetter

Behalten Sie die Wetterprognosen und Wetterwarnungen immer im Blick

Gerade bei wechselhaftem Wetter sollten Sie stets die aktuellsten Wetter-Prognosen zu Rate ziehen. Laden Sie dafür die wetter.de-App für Apple- und Android-Geräte herunter.