Islandtief und Azorenhoch könnten ganz verschwinden

Der Klimawandel macht es wärmer, aber nicht überall: Ohne Golfstrom kühlt Europa ab

Das Islandtief
Ein Klassiker auf unseren Wetterkarten: Das Islandtief. In diesem Fall aus dem Jahr 2015 direkt mit mehreren Tiefdruckkernen. Ohne die häufigen Tiefdruckkomplexe über dem Atlantik wird unser Wetter in Europa ganz anders aussehen. © FU-Berlin

Der Golfstrom bremst die Extreme aus und nährt das Islandtief

Die Golfstrom hat massive Auswirkungen auf unser Wetter. Denn durch den verhältnismäßig warmen Nordatlantik liegen auch wir in Mitteleuropa auf der eher milden Seite des Wetters. Wenn es mal richtig eisig wird, dann eigentlich nur, wenn uns die Luft aus kontinentalen Bereichen von Osten und Nordosten her erreicht. Doch das könnte sich ändern: Wenn der Golfstrom versiegt, dann ist Schluss mit einem wärmenden Nordatlantik. Und ein Blick über den großen Teich zeigt uns, welche Klimaverhältnisse uns dann blühen könnten. Außerdem dürften mit dem Ende des Golfstroms auch zwei Big Player in der europäischen Wetterküche verschwinden: Das Islandtief und sein Gegenspieler das Azorenhoch.

Deutschland und Kanada auf Augenhöhe

Schaut man auf eine Weltkarte, dann fällt rasch auf, dass die USA südlicher liegen als Deutschland. Auf unserer Augenhöhe findet sich nämlich Kanada wieder. Und wenn wir wissen wollen, welche Optionen das Klima ohne den wärmenden Golfstrom für uns bereit halten könnte, dann müssen wir uns eben eher an Kanada orientieren. 

Weltkarte
Der Blick auf die Weltkarte zeigt es: Deutschland liegt nördlicher als die USA.

Frankfurt auf der Höhe von Neufundland

Neufundland und Frankfurt liegen in etwa auf einer Höhe. Die großen Seen sind in etwa auf einer Linie mit den Alpen. Den meteorologischen Unterschied macht also in diesem Fall der nordamerikanische Kontinent, über den die Luft aus den polaren Breiten unverändert kalt nach Süden strömen kann. Uns hingegen bewahrt der milde Golfstrom in der Regel vor der arktischen Kältekeule, die in Nordamerika dagegen ungehört ausholen und treffen kann. 

Krasse Wetterwechsel wie in Nordamerika: Bei uns (noch) unvorstellbar

Nur ein Beispiel für die krassen Wetterwechsel in Nordamerika gab es kürzlich: Innerhalb von nur wenigen Stunden ging es in Colorado vom Hochsommer mit Temperaturen über 30 Grad in den Winter mit Schneefall. Anschließend folgte erneut Sommerluft mit knapp 30 Grad. Der nordamerikanische Kontinent fungiert hierbei wie ein Schmelztiegel der Jahreszeiten, über den die Luftmassen aus polaren Breiten kaum verändert direkt auf subtropische Luftmassen treffen und folgen kann. Das ist unter anderem auch der Grund für die deutlich größere Tornado-Aktivität gegenüber Mitteleuropa. Bei uns ist hingegen alles etwas gelassener. Und das liegt vor allem am Golfstrom.

Video: Björn Alexander erklärt das Golfstrom-System

Golfstrom garantiert gemäßigte Aussichten

Solange der Golfstrom bis rauf auf den Nordatlantik reicht, solange erleben wir in Deutschland eher das gemäßigte Wetter. Denn die großen und milden Wassermassen des Nordatlantiks nehmen der Arktikluft die Schärfe und Härte. Das könnte sich allerdings ändern, wenn der Golfstrom beispielsweise auf Höhe von Spanien und Portugal bereits abknickt und somit der wärmende Puffereffekt verloren geht.

 Winter im Siegerland, ein Hund tobt bei Siegen-Oberschelden am Morgen durch den Schnee Winter im Siegerland am 26.02.2020 in Siegen/Deutschland. *** Winter in Siegerland, a dog rages through the snow in the morning at Siegen Oberschelden Winter in S
Die Winter in Deutschland spielen sich in Sachen Schnee und Eis meistens gemäßigt ab. Doch das könnte sich beim Versiegen des Golfstroms ändern. © imago images/Rene Traut, Rene Traut via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Effekte werden globale Auswirkungen haben

Der Antrieb des Golfstromes erfolgt über die sogenannte thermohaline Zirkulation. Dabei geht es um den unterschiedlichen Salzgehalt des Meereswasser, durch den wiederum der Meeresströme angetrieben werden. Doch dieser Antrieb könnte durch den Klimawandel zum Erliegen kommen. Mit globalen Auswirkungen. Das Erlahmen der thermohalinen Zirkulation gehört nämlich zu den sogenannten Kippelementen und die beeinflussen das Klima und das Wetter auf der gesamten Erde.

 Die Ernte ist bei dieser Hitze und dem fehlenden Regen in Gefahr- Feld mit vertrockneten Maispflanzenbei Flatow, Kremmen, Landkreis Oberhavel, Brandenburg, Deutschland *** The harvest is in danger with this heat and the lack of rain Field with withe
Sollte es ohne Islandtief bei uns noch trockener werden - Die Folgen wären wären desaströs und erfordern ein rasches Umdenken beim Umgang mit Wasser. © imago images/Petra Schneider, Petra Schneider-Schmelzer via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Islandtief und Azorenhoch: Bald ein Fall für die meteorologischen Geschichtsbücher

Das System Ozean und Atmosphäre gleicht dem Räderwerk einer Uhr. Die Bausteine sind quasi untereinander vernetzt und stehen in Wechselwirkungen. So dürfte beispielsweise die Abschwächung des Golfstroms direkte und unumkehrbare Folgen für das komplette Wettergeschehen auf den Nordhalbkugel haben. Big Player in unserer Wetterküche wie das Islandtief und das Azorenhoch dürften hierdurch nämlich deutlich schwächer werden oder sogar ganz verschwinden. Das sind derart tiefgreifende Veränderungen, deren Folgen kaum vorhersagbar sind. Fakt ist aber: Veränderungen des Golfstroms werden bei uns in Deutschland massive Änderungen zur Folge haben und es könnte gut sein, dass es auf der ganzen Welt wärmer, aber in Europa kälter wird.

Weitere Studien zum Golfstrom

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