Hitze und Kälte machen aggressiv

Extremes Wetter befeuert Hetze im Netz – Verändertes Klima kratzt an psychischer Gesundheit

Hass und Hetze
Auf dem Bildschirm eines Smartphones sind die Hashtags Hass und Hetze in einem Twitter-Posting zu sehen. Grund dafür ist unter anderem extremes Wetter. Foto: Fabian Sommer/dpa

Hetze und Hassreden nehmen im Internet zu, wenn es zu heiß oder zu kalt ist. Dies deutet auf Grenzen der menschlichen Anpassungsfähigkeit an extremes Wetter und Temperaturen hin. Somit können sich Konflikte im Netz sowohl auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch auf die psychische Gesundheit der Einzelnen auswirken. Aber es gibt auch eine friedlichere „Wohlfühltemperatur“. Dies stellten Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) fest.

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Wohlfühlfenster bei 12 bis 21 Grad

Die PIK-Forscher stellten fest, dass bei Temperaturen, die über oder unter dem Wohlfühlbereich von 12 bis 21 Grad liegen, mit einem deutlichen Anstieg aggressiven Online-Verhaltens verbunden sind. "In mehr als vier Milliarden Tweets von US-Nutzern haben wir mit unserem KI-Algorithmus Hass-Tweets aufgespürt und mit Wetterdaten kombiniert. Dabei haben wir festgestellt, dass sowohl die absolute Zahl als auch der Anteil der Hass-Tweets außerhalb einer Klimakomfortzone steigt: Menschen neigen zu aggressiverem Online-Verhalten, wenn es draußen entweder zu kalt oder zu heiß ist", erklärt PIK-Wissenschaftlerin Annika Stechemesser, Erstautorin der Studie. Und das ist unabhängig von Klimazonen, Einkommensgruppen und Glaubenssystemen.

Die wenigsten Hass-Tweets in den USA bei 15 bis 18 Grad

Ein Grillabend mit Freunden lädt zum Lachen ein.
Bei einem "Wohlfühlfenster" von 12 bis 21 Grad sind Hass-Tweets geringer - das Minimum an Hass-Tweets liegt bei Temperaturen zwischen 15 und 18 Grad.

Um zu diesen Ergebnissen zu gelangen, verwendeten die Forschenden einen Ansatz des maschinellen Lernens. Dieser identifizierte ca. 75 Millionen englischsprachige Hass-Tweets in einem Datensatz, der aus mehr als 4 Milliarden Tweets besteht, die zwischen 2014 und 2020 in den USA auf Twitter gepostet wurden. Anschließend analysierten die Forschenden, wie sich die Anzahl der Hass-Tweets änderte, wenn die lokalen Temperaturen zu- oder abnahmen. In der Definition von Hassrede orientierten sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der offiziellen UN-Definition von Hassrede: Fälle von diskriminierender Sprache mit Bezug auf eine Person oder eine Gruppe aufgrund ihrer Religion, ethnischen Zugehörigkeit, Nationalität, Rasse, Hautfarbe, Abstammung, ihres Geschlechts oder anderer Identitätsfaktoren.

Auf Grundlage dieser Daten stellten die Forschenden fest, dass die Zahl der Hass-Tweets in einem "Wohlfühlfenster" von 12 bis 21 Grad quer durch die USA gering ist - das Minimum an Hass-Tweets liegt bei Temperaturen zwischen 15 und 18 Grad. Heißere und kältere Temperaturen sind mit einer Zunahme von Hass-Tweets verbunden. Das genaue Wohlfühltemperaturfenster variiert je nach Klimazone, je nachdem also, welche Temperaturen üblich sind.

Hitze über 30 Grad schüren Online-Hass in allen Klimazonen

Temperaturen über 30 Grad sind jedoch über alle Klimazonen und sozioökonomischen Unterschiede wie Einkommen, religiöse Überzeugungen oder politische Präferenzen hinweg durchgängig mit einem starken Anstieg von Online-Hass verbunden.

Dies deutet auf eine Grenze der Anpassungsfähigkeit hin, erklärt Anders Levermann, Leiter der Komplexitätsforschung am Potsdam-Institut und Mitautor der Studie: "Selbst in einkommensstarken Gebieten, in denen sich die Menschen Klimaanlagen leisten können und andere Möglichkeiten zur Hitzereguluation haben, beobachten wir eine Zunahme von Aggression an extrem heißen Tagen – ab 30 Grad geht es steil nach oben. Mit anderen Worten: Es gibt eine Grenze dessen, was Menschen ertragen können. Diese Anpassungsgrenze an extreme Temperaturen liegt möglicherweise noch unter der, die durch die pure Physiologie unseres Körpers gesetzt ist."

Auswirkungen des Klimas auf die psychische Gesundheit

ARCHIV - 07.03.2011, Baden-Württemberg, Stuttgart: ILLUSTRATION - Eine Frau legt ihren Kopf in die Hände. Im Corona-Jahr 2020 erreichten Fehltage aufgrund der Psyche laut einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit in Brandenburg einen Höchststa
Psychische Erkrankungen sind auch durch Hass und Hetze im Netz möglich

Die Folgen eines aggressiveren Online-Verhaltens können schwerwiegend sein, da Hassrede nachweislich negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Opfer von Online-Hass hat. Sie können auch Vorboten von Hassverbrechen in der Offline-Welt sein. "Schon lange beschäftigen sich Forschende mit der Frage, wie sich die Klimabedingungen auf das menschliche Wohlbefinden und Verhalten und damit die Gesellschaft auswirken", erklärt Leonie Wenz, Leiterin der Studie.

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(oha mit Pressemitteilung PIK)