Sauerstoffarmut fordert erste Opfer

Drama in der Elbe: Fische ersticken im Fluss

von Silvia Soyter

Ein toter Fisch liegt auf einem Sandstreifen an der Norderelbe nahe der Kaikante am Holthusenkai.
Den ersten Fischen geht die Luft aus: An gleich drei Messstationen in der Elbe wurde festgestellt, dass der Sauerstoffgehalt im Wasser für die Fische zu niedrig ist.

Wenn die Temperaturen im Sommer steigen und die Pegel sinken, kann das verheerende Folgen für unsere geliebten Seen, Flüsse und deren Bewohner haben – Die ersten Fische in der Elbe sind bereits gestorben. Experten schlagen Alarm!

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Alarm in Hamburg: Tödliche Situation für Fische

Die Sorge ist groß: Zahlreiche tote Fische wurden laut Angaben der Hamburger Umweltbehörde am Elbstrand angespült. Der niedrige Sauerstoffgehalt in Teilen der Elbe ließ sie regelrecht ersticken. Normalerweise sinkt der Sauerstoffgehalt im Bereich der Hamburger Tideelbe erst im Hochsommer. Zu diesem Zeitpunkt sollte das nachlaufende, sauerstoffhaltige Wasser aus einem anderen Bereich der Elbe Linderung schaffen. Warum die Sauerstoffwerte dennoch so niedrig sind, werde derzeit untersucht. Umweltverbände befürchten aber Schlimmes.

 Hamburg: Ein toter Fisch treibt im Wasser. Die Umweltverbände BUND, Nabu und WWF schlagen mit Blick auf zahlreiche tote Fische in der Elbe Alarm.
Wenn der Sauerstoffgehalt sinkt, kann es schnell gehen: Die ersten Fische in der Elbe ersticken.

Warum ersticken Fische im Fluss?

So wie wir, brauchen Fische Sauerstoff zum Überleben. Sobald der Sauerstoffgehalt im Wasser 4 Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser unterschreitet, ersticken sie. Dieser Wert wurde im Hamburger Hafen Mitte Juni dieses Jahres das erste Mal unterschritten. Drei Messstellen der Elbe liegen mittlerweile deutlich im roten Bereich unter drei Milligramm Sauerstoff pro Liter.

Auch im Rhein, sinkt der Sauerstoffgehalt im Sommer regelmäßig ab, sobald das Wasser über einen längeren Zeitraum warm bleibt. Niedrige Wasserpegel und zu wenig Sauerstoff lassen die Fische regelrecht unter dem Stress kollabieren. Doch der Sauerstoffmangel im Wasser tritt nicht plötzlich auf, sagt der Gewässer-Ökologe Tobias Zengerling: „Fische in Flüssen merken, wenn der Sauerstoffgehalt sinkt, dann fliehen sie in andere Gewässerbereiche, in denen es kühler und sauerstoffreicher ist. Gefährlich sind eher abgetrennte Flussarme, denen sie nicht entkommen können.“ Ohne Hilfe sterben sie dort an Sauerstoffmangel.

Hitze hat Einfluss auf Seen und Flüsse

Der Klimawandel betrifft uns alle. Steigender CO2 Ausstoß und lange Hitzeperioden lassen nicht nur uns Menschen schwitzen: Auch die Wassertemperaturen in unseren Seen, Flüssen und Bächen steigen an. Bereits 2020 warnten Forscher, dass Süßwasser-Ökosysteme zu den am stärksten gefährdeten Ökosystemen der Welt gehören. Auch wenn Seen und Flüsse keinen sehr großen Teil der Erdoberfläche bedecken, sind sie die Heimat für gut ein Drittel aller Wirbeltierarten.

Wenn es längere Zeit sehr trocken und heiß ist, treten mehrere Faktoren gleichzeitig auf, die sich negativ auf die Bewohner der Flüsse und Seen auswirken können. Folgender Dreisatz bedingt sich dementsprechend gegenseitig:

  • Niedrige Pegel: Aufgrund von Hitze und Trockenheit sinken die Pegel, Fische sind der vollen Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Da viele Ufer in Deutschland frei von Gehölzen und anderen möglichen Schattenplätzen sind, haben die Fische keinen kühlen Rückzugsort.
  • Hohe Wasser Temperatur: Wenn die Pegel sinken, steigen die Wassertemperaturen. Das warme Wasser stresst vor allem empfindliche Fischarten, die kälteres Wasser gewohnt sind (z. B. Äsche, Forellen).
  • Niedriger Sauerstoffgehalt: Durch die höheren Wassertemperaturen sinkt der Sauerstoffgehalt. Fische brauchen mindestens 4 Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser, um atmen zu können.

Vor allem der Jahrhundertsommer 2003 hatte ein regelrechtes Massensterben von Fischen zur Folge. Allein im Rhein starben 50.000 Fische und auch die Population der Äschen, die besonders empfindlich auf Umweltveränderungen reagiert, wäre dem Sommer fast zum Opfer gefallen. Im Jahr 2022 kommt zu der Hitze der Faktor Trockenheit dazu, was laut Gewässer-Experten eine verhängnisvolle Kombination ist.

Aus dem Rhein gefischte, tote Fische werden in einer Entsorgungstonne gesammelt, am Montag, 6. August 2018 in Neuhausen. Wegen der hohen Wassertemperatur des Rhein sterben die Fisch, vor allem Aeschen, in den warmen Gewaessern.
Regelrecht erstickt: Diese Fische mussten tot aus dem Rhein gefischt werden.

Hilfsmaßnahmen an der Dreisam

Wenn es in Freiburg im Breisgau im Hochsommer länger heiß bleibt, sinkt der Flusspegel der Dreisam. Dabei können Fische in den kleinen natürlichen Becken des Flusses „einsperrt“ werden. Um diese Fische zu retten, werden sie mit einer Art Elektroschock betäubt und im Anschluss umgesetzt. Bei größeren Fischpopulationen ist das leider nicht realistisch umsetzbar, sagt der Gewässer-Ökologe.

In der Schweiz ist man bemüht, die Fische in Flüssen und Seen zu schützen. Um den Sauerstoffgehalt im Wasser zu erhöhen, versuchen Modellprojekte Teichbelüfter zu verwenden, die dafür sorgen sollen, dass wieder Bewegung ins Wasser kommt. Denn je turbulenter das Wasser ist, desto höher ist der Sauerstoffgehalt.

Ausgetrocknetes Flussbett der Dreisam bei Freiburg.
Bei Hitze sinkt der Pegel der Dreisam: Solche kleine Pfützen können tödlich für Fische sein.

Die Lage ist größtenteils noch stabil

Die letzte Hitzewelle war zu kurz, um für den Großteil der deutschen Fischpopulation gefährlich zu werden. „Die meisten Gewässer sind jetzt noch kalt genug. Es muss über einen längeren Zeitraum sehr warm sein, damit die Situation kippt. Zum Beispiel im Hochsommer. Dann kann es für Fische in zu stark erwärmten Gewässern auch schnell tödlich enden“, so der Gewässer-Ökologe Zengerling. Auch das Hamburger Umweltamt betont, dass die aktuelle Situation in der Elbe zwar dramatisch sei, aber nicht dazu führen würde, dass die Fischpopulation aussterbe.

Der temperaturbedingte Klima-Stress betrifft auch nicht alle Fischarten gleichermaßen. Während Bachforellen und Äschen, das kältere Wasser bevorzugen und empfindlich auf den Temperaturanstieg reagieren, haben Karpfen damit weniger Probleme. Wenn in Dürreperioden Flüssen und Bächen Wasser entnommen wird, verschärft das die Problematik. Da die Pegel in Deutschland während der anhaltenden Trockenheit sinken, verbieten erste Bundesländer die Wasserentnahme Oberflächengewässern.

Äsche schwimmen im Wasser.
Sind besonders empfindlich: Die Äsche.

Rettet die Fische – Aber was kann man tun?

Am besten leben Fische in Gewässern, die unberührt sind. Wenn die Lage akut ist, kann man in kleineren Gewässern die Fische „abfischen“, so wie es zum Beispiel in Freiburg gemacht wird. Um die Lage aber dauerhaft zu verbessern, sollten die Gewässer renaturiert werden – also zu ihrem natürlichen, ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden. Wichtig sind Schattenplätze und Unterstände für Fische, damit diese der Sonne entfliehen können – und damit auch dem Klimawandel.

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(sso mit dpa)