Genuatief: Das Pech der Südalpen ist unser großes Glück

Darum ist die Lage so brenzlig

Schneechaos in den Südalpen, dazu die Gefahr von Lawinen- und Murenabgängen sowie Hangrutschen - die Wetterlage in Italien, der Schweiz, Kärnten, Osttirol und der Steiermark ist äußerst brisant. Und das Katastrophenszenario dort ist unser Glück. Denn würden die Tiefdruckgebiete weiter östlich ziehen, wären Süd- und Ostdeutschland extrem hochwassergefährdet -wie beim Donau- und Elbehochwasser 2013. So aber können die Menschen in Dresden bei 13 Grad und leichtem Sonnenschein im Café sitzen. 

Wie die aktuelle Wettersituation in den Südalpen ist, erfahren Sie hier. 

Schneefallgrenze steigt - und mit ihr die Lawinengefahr

Snowplow is seen cleaning road in village of Winklern, Austria, November 14, 2019. REUTERS/Antonio Bronic
Winklern in Osttirol - ein Bild wie aus dem tiefsten Winter. Es stammt aber aus diesem November. © REUTERS, ANTONIO BRONIC, AB/ JAS

Grund für die desaströse Situation an den Südalpen ist die sogenannte Vb-Lage, die meist mit einem Genuatief beginnt. Aber es ist nicht nur ein Genuatief, sondern es ist eins nach dem anderen. Diese Tiefdruckgebiete können momentan über dem noch 18 bis 22 Grad warmen Mittelmeer ungeheure Mengen an Feuchtigkeit aufnehmen und ziehen dann Richtung Norden. Da krachen sie nun gegen die Alpen - ein unüberwindbares Hindernis. Die Folge: Die Wolken bleiben hängen und werden sozusagen ausgequetscht. Regen und Schnee ohne Ende.

Weil es in der jüngeren Vergangenheit aber schon enorm viel Niederschlag gab, sind die Böden extrem gesättigt und können kaum mehr Wasser aufnehmen. Außerdem steigt die Schneefallgrenze in den Alpen an. Das bedeutet Tauwetter und eine verschärfte Hochwassersituation.

Und: Die Lawinengefahr steigt an. Schon jetzt - Mitte November - sind große Mengen Schnee am Alpenhauptkamm gefallen. Nun wird der Schnee schwer, er taut, und das erhöht die Gefahr von Lawinen. Außerdem sind Hangrutsche und Murenabgänge zu befürchten, denn der Boden ist extrem aufgeweicht.   

Bei einer anderen Zugbahn hätten wir Hochwasser in Deutschland

ARCHIV - Hochwasser herrscht am 03.06.2013 in Passau (Bayern). Laut einer jährlichen repräsentativen Umfrage der R+V Versicherung fürchten sich die Deutschen am meisten vor steigenden Lebenshaltungskosten, Naturkatastrophen und dem Pflegefall im Alte
Passau 2013. Eine Vb-Lage brachte ein verheerendes Hochwasser nach Mitteleuropa. Nun schützen uns die Alpen vor dieser Katastrophe. © dpa, Andreas Gebert

Und genau diese Situation, das Pech der Südalpen, ist unser großes Glück. 2013 zog die Vb-Lage etwas weiter östlich Richtung Norden. Da waren die Alpen nicht im Weg. Über Niederösterreich kamen die Niederschläge nach Deutschland. Über Sachsen, Bayern, aber auch Hessen, Brandenburg und Niedersachsen ergossen sich verheerende Regenfälle und führten zum Jahrhundert-Hochwasser. Das bleibt uns dieses Mal erspart. 

Leider bleibt die kritische Lage erst einmal erhalten. Keine Entwarnung also für Frankreich, die Schweiz, vor allem aber Italien, Österreich und auch Slowenien. Die nächsten Tiefdruckgebiete entwickeln sich schon über dem warmen Mittelmeer, die nächsten Niederschläge für die Alpen sind schon berechnet. Bis Dienstag rechnen die Modelle noch einmal 100 bis 150 Liter pro Quadratmeter drauf.

Jetstream und Klimawandel - auch dieses Ereignis gehört in diese Reihe

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Der Jetstream mäandert stärker. Das erzeugt stationäre Wetterlagen. © NASA's Goddard Space Flight Center

Und auch dieses Wetterereignis, das derzeit so wetterbestimmend für große Teile Europas ist, hängt einmal mehr mit dem Klimawandel zusammen. Denn durch die Verlangsamung des Jetstreams, unseres wetterbestimmenden Höhenwinds, verharren Hoch- und Tiefdruckgebiete oft mehr oder weniger an einem Ort. Man sagt, sie sind stationär. Dann fehlen die Wetterwechsel. Wo es regnet, regnet es tagelang, wo es trocken ist, kommt es schnell zu einer Dürre. 

Die Erderwärmung verlangsamt den Jetstream, er mäandert sozusagen von West nach Ost. Und in den Bögen liegen dann Hoch- oder Tiefdruckgebiete gefangen und kommen nicht aus dieser Lage heraus. Für uns in Deutschland ist das in diesem Fall ein Glück. Wir bleiben von Hochwasser verschont und haben, zumindest im Osten Deutschlands, zweistellige Temperaturen. In Budapest und Warschau sind die Werte noch höher. Da geht es bis auf 17 Grad hinauf. Und das ist für diese Jahreszeit ja auch alles andere als normal.