Noch gibt es Widerstand

Fukushima-Atomkraftwerk: Verstrahltes Kühlwasser soll ins Meer

ARCHIV - 17.06.2018, Japan, Fukushima: Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi des Energieunternehmens Tokyo Electric Power Company Holdings Inc. (TEPCO) von einem Hubschrauber aus aufgenommen. (zu dpa «Japan will gefiltertes Kühlwasser aus Atomruine ins
Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima gilt als stabil. © dpa, ---, tba jai

Tepco will radioaktiv verseuchtes Wasser los werden

Vor gut neuneinhalb Jahren löste der Super-Gau in Fukushima weltweit Angst und Schrecken aus. Inzwischen ist Fukushima aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Lage gilt als stabil. Doch die riesigen Mengen an verstrahltem Wasser bereiten zunehmend Probleme. Nun erwägt die japanische Regierung, das gefilterte Kühlwasser aus der Atomruine ins Meer zu leiten. Das löst Proteste aus.

Radioaktiv-verseuchtes Wasser ist bisher in Tanks gelagert

Members of a group of plaintiffs and their supporters march ahead of the Sendai High Court's ruling on the tsunami-crippled Fukushima Daiichi nuclear power plant disaster in Sendai, northern Japan September 30, 2020 in this photo taken by Kyodo. Mand
Immer wieder kommt es in der japanischen Bevölkerung zu Protesten gegen den geplanten Umgang mit dem radioaktiv-verunreinigten Kühlwasser. © REUTERS, KYODO, IK

Obwohl es immer wieder zu Protesten von Fischern kommt, will Japans Regierung das gefilterte Kühlwasser aus der Ruine des verunglückten Atomkraftwerkes Fukushima ins Meer ableiten. Grund ist, dass allmählich kein Platz mehr zur Lagerung des Wassers auf dem Gelände des 2011 in Folge eines Erdbebens und Tsunamis zerstörten Atommeilers ist.

Wie japanische Medien am Freitag berichteten, könnte nach siebenjähriger Debatte darüber, was mit dem in riesigen Tanks gelagerten Wasser geschehen soll, noch in diesem Monat eine Entscheidung fallen. So strebt es zumindest Japans Premierminister Yoshihide Suga an. Doch da für ein Ableiten des Wassers ins Meer Baumaßnahmen nötig seien und zunächst eine Einschätzung der Atomaufsicht erfolgen müsste, könne es noch rund zwei weitere Jahre dauern. Bisher ist das radioaktiv-verseuchte Wasser noch in Hunderten von Tanks gelagert.

Mehr als 1000 Tanks auf dem Gelände von Fukushima

epa02660905 A handout picture provided by Air Photo Service on 30 March 2011 shows an aerial photo taken by a small unmanned drone of the damaged units of Tokyo Electric Power Co (TEPCO) Fukushima Daiichi nuclear power plant in the town of Okuma, Fut
Ein Erdbeben der Stärke 9 hatte 2011 drei Reaktoren des Kraftwerks zerstört. © dpa, Ho

Woher kommt das Wasser? Die zerstörten Reaktoren werden mit Wasser gekühlt und auch Grundwasser war 2011 in die Untergeschosse geflossen. Ein Teil des dadurch radioaktiv belasteten Wassers wird gefiltert und anschließend in Tanks gelagert. Die Menge wird immer größer, inzwischen sind das bereits um die 1,2 Millionen Tonnen.

Das Filtersystem ALPS kann 62 Nuklide mit Ausnahme von Tritium herausfiltern. Doch musste der Betreiber Tepco die Reinigungsprozesse jüngst erst wiederholen, da die Radioaktivität laut Medien teilweise trotzdem noch über den vorgegebenen Grenzwerten lag.

Jeden Tag kommen rund 170 Tonnen Wasser hinzu, das zwischengelagert werden muss. Inzwischen sind mehr als 1.000 Tanks auf dem Gelände voll. Spätestens im Sommer 2022 gehe jedoch der Platz aus, hieß es. Daher hält die Regierung ein Ableiten des Wassers ins Meer für eine realistische Option.

Auch der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, hatte bei einem Besuch der Atomruine im Februar erklärt, die Ableitung kontaminierten Wassers ins Meer entspreche globalen Standards und sei übliche Praxis auch bei Atomkraftwerken, die ganz normal arbeiteten. Die Bevölkerung hat allerdings Bedenken und geht auf die Straße.

Bevölkerung lehnt Vorhaben ab

 Japan PM Suga Japanese Prime Minister Yoshihide Suga speaks to reporters at his office in Tokyo on Oct. 16, 2020, a month after he took the post. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY
Japans Premierminister Yoshihide Suga will so bald wie möglich eine Entscheidung treffen. © imago images/Kyodo News, via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Fischer und Anwohner in Fukushima lehnen eine solche Maßnahme jedoch ab. Der Chef eines Fischereiverbandes drückte diese Woche bei einem Treffen mit einem Sprecher der Regierung seinen Widerstand gegen ein Ableiten des Wassers aus der Atomruine Fukushima ins Meer aus.

Auch Südkorea, das gegenwärtig Importe von Meeresfrüchten aus der Region verbietet, hat sich wiederholt besorgt über die Folgen für die Umwelt geäußert.

Schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl

FILE PHOTO: Storage tanks for radioactive water are seen at Tokyo Electric Power Co's (TEPCO) tsunami-crippled Fukushima Daiichi nuclear power plant in Okuma town, Fukushima prefecture, Japan January 15, 2020.  REUTERS/Aaron Sheldrick/File Photo
Das verstrahle Kühlwasser wird in Tanks gelagert. © REUTERS, AARON SHELDRICK, /FW1F/Karishma Singh

Fast zehn Jahre sind vergangen, seit am 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreiches heimsuchten. Rund 18.500 Menschen starben damals in den Fluten. Zum Sinnbild der Katastrophe aber wurde der Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam. Es war die schlimmste Atomkatastrophe seit dem Unfall in Tschernobyl 1986. Wegen der radioaktiven Strahlung von Kernschmelzen in drei der Reaktoren mussten seinerzeit rund 160.000 Anwohner  fliehen. Mittlerweile gilt die Lage in der Atomruine Fukushima zwar als stabil, doch werden die enormen Mengen an verstrahltem Wasser zunehmend zum Problem.

Auswirkungen auf Deutschland

Das Unglück in Japan hatte im April 2011 die Bundesregierung bewogen, den Ausstieg aus der Kernenergie zu beschleunigen. Innerhalb von einem Jahrzehnt sollte der Atomausstieg geschafft und auf risikoärmere Alternativen gesetzt werden. Die Akzeptanz für die Kernkraft hatte sich in Deutschland rigoros geändert. Die Merkel-Regierung war in Zugzwang. Die Laufzeitverlängerung aus dem Jahr 2010 wurde ausgesetzt und sieben Kraftwerke sofort abgeschaltet, zusätzlich das kritische Pannen-Kernkraftwerk „Krümmel“. Bis zum Jahr 2022 sollen die sechs verbliebenen Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden.

Die sechs aktiven Kernkraftwerke und ihr Lebensdauer

  • Brockdorf – Ende 2021
  • Grohnde – Ende 2021
  • Grundmemmingen C – Ende 2021
  • Emsland – Ende 2022
  • Isar 2 – Ende 2022
  • Neckarwestheim 2 – Ende 2022