Felssturz am Piz Cengalo in Graubünden: Polizei musste die Suche nach Vermissten aufgeben

"Man hat alles Mögliche ausgeschöpft, um diese Vermissten zu finden"

Ausnahmezustand im schweizerischen Bondo: Nach dem gewaltigen Bergsturz am Freitagmorgen im Schweizer Kanton Graubünden haben mehr als 100 Einsatzkräfte die Suche nach den acht Vermissten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgegeben. Mit Scheinwerfern und Wärmebildkameras hatten sie das beliebte Wandergebiet im Bondasca-Tal an der italienischen Grenze immer wieder abgeflogen, doch ohne jeden Erfolg. "Man hat alles Mögliche ausgeschöpft, um diese Vermissten zu finden", sagte Polizeisprecherin Sandra Scianguetta von der Kantonspolizei Graubünden. Weitere Murgänge seien nicht ausgeschlossen.

Gefahr von weiteren Bergstürzen ist nicht gebannt

Das Problem bei der Suche sei laut Kantonspolizist Roman Rüegg vor allem die Schwierigkeit gewesen, die möglicherweise tief verschütteten Vermissten optisch zwischen all dem Geröll zu finden. Besonders schlimm: Die Gefahr von weiteren Bergstürzen ist nicht gebannt. Es gibt noch immer keine Entwarnung.

In den höheren Lagen zeigte sich ein Bild der Verwüstung, berichteten Retter im Schweizer Fernsehen. Der Schutt türme sich dort 40 bis 50 Meter hoch auf. Die acht vermissten Wanderer und Bergsteiger hätten in der Sciora-Hütte übernachtet und seien am Mittwoch unmittelbar vor dem Bergsturz losgegangen, berichtete Hüttenwart Reto Salis-Hofmeister dem Sender 'SRF'.

Die deutschen Wanderer, die nach einem Bergsturz im Schweizer Kanton Graubünden vermisst werden, stammen aus Baden-Württemberg. Das sagte ein Polizeisprecher. Der Herkunftsort sei bekannt, werde aber noch nicht veröffentlicht. Die Polizei stehe in Kontakt mit den Angehörigen.

Zuerst waren Unmengen Fels und Geröll von der Spitze des 3369 Meter hohen Piz Cengalo abgebrochen und ins Tal gedonnert. Anschließend bildete sich ein Murgang, der in seiner Schnelligkeit und seinem Ausmaß die Experten überraschte. Dabei handelt es sich um eine Geröll- und Schlammlawine, die sich mit ungeheurer Kraft ins Tal bewegt und alles zerstört, was im Weg ist. Drohnen-Aufnahmen zeigten eine riesige graue Schlammwüste.

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Bis zu vier Millionen Kubikmeter Geröll stürzten ins Tal

Genau in dieser Region rund 35 Kilometer südwestlich von St.Moritz lief nach einem früheren Bergsturz 2011 und mehreren Murgängen 2012 ein Forschungsprojekt. Die Arbeitsgemeinschaft Alpenländer hat dort die Ursachen von Fels- und Bergstürzen in Permafrostgebieten erforscht. Im Juli seien die letzten Messungen vorgenommen worden, sagte Martin Keiser, Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden, im Fernsehen SRF. "Deshalb war man auf einen Bergsturz vorbereitet."

Gletscher ist stark abgeschmolzen

Schlamm und Gesteinsbrocken liegen am 23.08.2017 in Bondo im Kanton Graubünden (Schweiz). Am 3369 Meter hohen Piz Cengalo hinter Bondo hatten sich Gesteinsmassen gelöst und waren ins Tal gedonnert. Es werden acht Menschen vermisst, die Einwohner des
Zwölf Häuser wurden bei dem Bergsturz in Bondo zerstört.

Die Gletscherschmelze habe zu dem Bergsturz beigetragen, sagte die Permafrostforscherin Marcia Phillips vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung der Zeitung 'Tages-Anzeiger'. "Auch der Gletscher am Cengalo ist stark abgeschmolzen und dadurch verlor der Fels eine Stütze und wurde instabiler. Diese Konstellation ist grundsätzlich eine Gefahr im Gebirge", zitierte die Zeitung sie.

Klimawandel könnte mehr Bergstürze verursachen

Bergstürze sind in den Alpen nicht selten. "Dadurch, dass die Alpen ein geologisch junges Gebirge mit markanten hohen Berggipfeln und tief eingeschnittenen Tälern sind, stellen niederstürzende Gesteinsblöcke ein fast alltägliches Ereignis dar", heißt es auf 'Planat', einer schweizerischen Webseite über Naturgefahren. "Bergstürze lassen sich mit technischen Mitteln nicht verhindern", so Planat weiter. Gefährdete Gebiete sollten generell gemieden werden.

Alpinisten sprechen bei dem Vorfall von einem Bergsturz und einem Murgang. Bei einem Bergsturz brechen Felsteile in steilem Gelände weg und donnern mit Schutt Richtung Tal. Bei einem Murgang schieben sich Schlamm und Geröll mit Wasser abwärts. "Natürliche Tau- und Gefrierprozesse fördern die Verwitterung des Gesteins", schreibt Planat. Ein Murgang ist ein gewaltiges Naturereignis. Aus der Ferne sieht er aus wie ein breiter Lavastrom.