Felix Keller lässt Gletscher wieder wachsen

Felix Keller, Glaziologe und Musiker fotografiert für ein «Lebenswende»-Porträt am 19. März 2013 auf der Diavolezza.Bild Rolf Canal
Können die Eisriesen vielleicht doch noch gerettet werden? Felix Keller, Glaziologe und Swiss Ice Fiddler, will mit seinem Pilotprojekt Großes bewirken. © Rolf Canal

Die Botschaft: Handeln statt nur erkennen

"Unsere Kinder werden uns nicht fragen, ob wir den im Gletscherschwund sichtbaren Klimawandel nicht gesehen hätten, sondern was wir getan haben." Das sagt der Schweizer Glaziologe Dr. Felix Keller, der mit seiner Gletscherrettungsidee aufhorchen lässt: Ein Beschneiungssystem, das praktisch ohne Strom auskommt, soll die infolge des Klimawandels schmelzenden Gletscher vor dem sicheren Tod bewahren. Keller leitet das Pilotprojekt am Morteratsch-Gletscher in den Schweizer Bergen, dass Hoffnung auf das Überleben der Eisriesen macht.

Schmelzwasser einfach wiederverwenden

Herr Dr. Keller, was haben Sie und Ihr Team sich ausgedacht, um das Gletschersterben zu stoppen?

Dr. Felix Keller: Die Grundidee ist eigentlich ganz simpel und kann mit dem Begriff "Schmelzwasser Recycling" zusammengefasst werden: Im Sommer soll das massenweise anfallende Schmelzwasser oben behalten werden und im Winter bei den immer noch stark negativen Temperaturen wieder zu Eis, respektive schützendem Schnee umgewandelt werden.

Schneeherstellung mit Wasserdruck

Die Visualisierung des Schneeseils
Wasserdruckbetriebene Beschneiungsseile statt stromfressende Schneilanzen - so könnten unsere Gletscher gerettet werden. © Bartholet Maschinenbau AG

Muss dazu nicht eine Menge Energie aufgebracht werden, was dem Klimaschutz völlig widerspricht?

Dr. Felix Keller:Am Anfang dachte ich auch gleich, dass dazu viel zu viel Energie gebraucht werden muss, was dem Klimaschutz widersprechen würde, doch dem ist nicht so. Einerseits fällt das Schmelzwasser so weit oben an, dass es nicht hochgepumpt werden muss, und andrerseits existiert seit dem 29. März 2019 ein Schweizer Patent. Es ermöglicht die Herstellung von Schnee ausschließlich mit 20 bar Wasserdruck, also ohne elektrische Energie (ausser einem verschwindend kleinen Anteil von ca. 0.1% für die Steuerung). Das System funktioniert also ohne Strom, weil wir dank der Topographie mit einem Höhenunterschied von 200 Metern problemlos einen Wasserdruck von 20 bar aufbauen können.

Serienreife schon im Frühjahr 2021

Ist das alles noch reine Theorie oder gibt es schon die ersten Erfolge an realen Gletschern?

Dr. Felix Keller: Wir haben unsere rechnerischen Modellierungen in der internationalen Zeitschrift Climate Change publiziert und zur Diskussion gestellt. Gleichzeitig haben wir die angenommenen Parameter in einem sogenannten Baby-Gletscher-Experiment im Frühling 2017 im Skigebiet Diavolezza bei Pontresina überprüft.

Könnten mit dem System auch andere Gletscher wiederbelebt werden?

Dr. Felix Keller: Grundsätzlich ja, wo genügend Schmelzwasser mit dem geforderten Höhenunterschied von 200 m zur Verfügung steht.

Wann könnten solche Anlagen in Serie gehen?

Dr. Felix Keller: Dank der raschen Genehmigung unseres exakt ausgearbeiteten Projektantrages bei der Schweizerischen Innovationsförderagentur Innosuisse könnte dies bereits im Frühling 2021 der Fall sein.

Die Vision der Gletscherrettungsidee

Die Vision der Gletscherrettungsidee
Bleibt die Gletscherrettungsidee nur eine Vision? Potentielle Kunden für ein solches bodenunabhängiges Beschneiungssystem finden sich in Regionen Europas, Zentralasiens sowie in den Anden. © Academia Engiadina

Unsere Kinder werden uns fragen, was wir gegen den Klimawandel getan haben

Was hat Sie auf die Idee dieser Rettungsaktion gebracht?

Dr. Felix Keller: Ich war völlig überrascht, dass das Abdecken von Gletschern mit Gletscherfolien (Vliese) so erfolgreich ist. Beispielsweise führte die Abdeckung des Diavolezzagletschers seit 2007 zu einer Zunahme der Eisdicke von 10 bis 15 m. Da dachte ich mir, dass dies doch auch mit viel umweltfreundlicherem und effizienterem Schnee möglich sein müsste.

War viel Überzeugungsarbeit nötig, um Mitstreiter zu gewinnen, oder bekamen Sie schnell Unterstützung?

Dr. Felix Keller: Die klare Idee überzeugte sofort. So freute es mich sehr, dass die gemeinsamen Bemühungen der Academia Engiadina und der Fachhochschule Graubünden auch bei unseren Partnerfachhochschulen überzeugten und wir auch schlagkräftige Industriepartner gewinnen konnten.

Was treibt Sie – ganz persönlich – an, sich der Rettung der Gletscher zu widmen?

Dr. Felix Keller: Unsere Kinder werden uns nicht fragen, ob wir den im Gletscherschwund sichtbaren Klimawandel nicht gesehen hätten, sondern was wir getan haben.