Fahrangst-Coach gibt Tipps

Amaxophobie: Wenn Autofahren zur Hölle wird

Ein junger Mann sitzt verzweifelt am Steuer seines Autos. Er hat das Gesicht in seinen Händen vergraben.
Freiheit, Spontanität und Selbstbestimmung - das wünschen sich Menschen mit Fahrangst zurück. Denn anders als man vermuten könnte, waren viele von ihnen einmal routinierte Autofahrer. © iStockphoto

Entspannt von A nach B fahren? Von wegen!

Legen auch Sie den täglichen Weg zur Arbeit mit dem Auto zurück? Das ist immerhin für viele Menschen das Normalste auf der Welt – und oft die einzige Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Für Menschen mit Fahrangst, sogenannter Amaxophobie, wird das jedoch zu einer regelrechten Qual.

Sie nehmen oft große Umwege mit der Bahn oder zu Fuß auf sich, um bloß nicht das Auto benutzen zu müssen. Je nach Wohnort sind sie im schlimmsten Fall sogar überhaupt nicht mehr mobil. Aber woher kommt diese Angst? Und was kann ich tun, wenn ich mich plötzlich nicht mehr hinters Steuer traue? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Hohe Dunkelziffer

Fahrangst wird von Forschern der Uni Würzburg zu einer der drei am häufigsten Phobien gezählt - nach der Höhenangst und der Angst vor Spinnen. Die Forschung steckt in diesem Bereich allerdings noch in den Kinderschuhen.

Experten gehen von circa einer Million Betroffenen aus, plus eine hohe Dunkelziffer. Das ist eine beachtliche Zahl angesichts der 55 Millionen Menschen mit Führerschein in Deutschland.

Expertin: "Eingestehen ist nicht leicht"

Simone Morawietz ist Fahrangst-Coach und befasst sich bereits seit zehn Jahren mit dem Thema. Sie empfängt in ihrer Praxis vier bis fünf Betroffene – und das jeden Tag. Auch sie geht von einer hohen Dunkelziffer aus, vor allem, weil sich Betroffene oft für ihre Angst schämen.

Lese-Tipp: Phobien – wenn die Angst zur Krankheit wird.

“Die Allgemeinheit hat auf dem Schirm: man macht mit 18 den Führerschein, und danach fährt man für den Rest des Lebens Auto – kein Problem. Es gibt aber Menschen, denen geht es anders”, so die Expertin. Die Angst anderen Menschen, aber vor allem sie sich selbst einzugestehen, sei meist die größte Hürde - aber auch der erste und wichtige Schritt zur Besserung.

Woher kommt die Angst?

Eine naheliegende Erklärung wäre: Na klar, die Person muss sicherlich einen Unfall gehabt haben. Bei dieser Annahme kann die Expertin aber ganz klar den Kopf schütteln. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Absolut geübte Vielfahrer, die ganz plötzlich und ohne Auslöser hinterm Steuer schwitzige Hände und Herzrasen bekommen, erlebt sie in ihrer täglichen Arbeit sogar am häufigsten.

Bei manchen Menschen endet dieses Gefühl in regelrechten Panikattacken – bei Tempo 150 auf der Autobahn eine gefährliche Angelegenheit. Dieses Erlebnis traumatisiert die Betroffenen oft so sehr, dass sie sich danach erst einmal nicht in ihr Auto zurückzutrauen. Und die Expertin warnt: So beginnt der Teufelskreis. Je länger man sich also vom Fahrersitz fernhält, desto lähmender wird die Angst.

Kein Auto - kein Job?

Besonders schlimm: Mit dem Nein zum Auto kommen oft die Existenzängste. Immerhin liest man in Stellenausschreibungen nicht selten: Führerschein unbedingt notwendig. Spätestens wenn der Job auf dem Spiel steht, holen sich immerhin viele Angstbetroffenen Hilfe.

Lese-Tipp: Alles, was Sie über Phobien wissen müssen.

Aber auch außerhalb des Berufs sind die Einschränkungen groß. Das Kind zum Sportverein fahren? Keine Chance. Ein Wochenendausflug? Fehlanzeige. Oft entwickelt sich dadurch eine große Abhängigkeit, beispielsweise zum Partner oder zur Partnerin.

Wie stark ist die Angst?

Aber was kann ich tun, wenn ich mich plötzlich nicht mehr hinters Steuer traue? Die Fahrangst-Expertin macht Mut: “Die gute Nachricht ist, dass die leichteren Fälle schnell zu lösen sind.” Hier könnte sogar eine komplette Heilung eintreten.

Ihr Tipp: Sich die Frage stellen, ob man das Autofahren nur meidet, weil man sich etwas unsicher fühlt oder ob handfeste und belastende Ängste dahinterstecken. In diesem Fall wird eine Therapie nötig.

Interessant ist, dass die Fahrangst nicht nur die Fahrer selbst, sondern auch Beifahrer betreffen kann: Die Hände verkrampfen sich, man kneift die Augen zu und gibt Kommentare zum Fahrstil des Fahrers ab. Hier kann ebenfalls eine Therapie notwendig werden.

Morawietz: "Positive Erlebnisse im Auto sind wichtig"

Wie diese Therapie dann aussieht, ist laut Simone Morawietz ganz individuell. Sie ist allerdings kein Fan der reinen Konfrontationstherapie, in der man sich möglichst viel mit dem Autofahren konfrontiert, um der Angst etwas entgegenzusetzen.

“Das führt im Zweifel nur zu erneuten negativen Erlebnissen, die die Angst verfestigen”, sagt sie dazu. Denn wichtig für eine Besserung sind vor allem positive Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Autofahren.

Lese-Tipp: Auto fahren ohne Pause – so sehr baut der Körper dabei ab.

Sie beginnt stets mit einer Therapie “auf dem Trockenen”, bevor es ins Auto geht: Denkmuster der Angst erkennen und Mittel finden, umzudenken – das ist das erste Ziel. Erst, wenn genug Vorarbeit geleistet wurde, dann geht es an die Konfrontation der Angst im Straßenverkehr, allerdings im richtigen Tempo für die individuelle Person.

Sie haben Fahrangst? Die besten Tipps zusammengefasst

  1. Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Auch, wenn es unangenehm sein kann: Gestehen Sie sich ein, wenn das Autofahren etwas ist, das Ihnen Probleme bereitet.
  2. Hinterfragen Sie Ihre Gefühle: Fühlen Sie sich lediglich in bestimmten Situationen – beispielsweise auf Autobahnen oder Brücken – etwas unsicher, oder steckt eine handfeste Angst, gegebenenfalls sogar mit Panikattacken dahinter?
  3. Suchen Sie sich Hilfe, wenn das der Fall sein sollte. Es gibt mehrere Therapeuten und Coaches in Deutschland, die sich auf Fahrangst spezialisiert haben. Außerdem gibt es bestimmte Fahrschulen für Menschen mit Fahrangst, die sensibel mit dem Thema umgehen.
  4. Sie sind lediglich ein bisschen unsicher, sind vielleicht längere Zeit kein Auto gefahren und hadern jetzt mit dem Wiedereinstieg? Hier hilft vor allem Routine und Übung, am besten mit einer vertrauten Person auf dem Beifahrersitz.
  5. Versuchen Sie, Ihre Autofahrt so angenehm zu gestalten wie möglich. Planen Sie genug Zeit ein, um ihr Ziel stressfrei zu erreichen. Hören Sie entspannende Musik und informieren Sie sich im Vorfeld über Baustellen, Umleitungen oder ähnliche Hindernisse, das Ihnen auf Ihrer Strecke begegnen könnten. (ksp)