Mediziner klärt auf

Hat die Maske wirklich unser Immunsystem geschwächt?

Erkältungen treten aktuell vermehrt auf

Der Hals kratzt, die Nase läuft, und die Glieder tun weh: Viele Menschen klagen aktuell über Erkältungen, vor allem in den Kitas und an den Schulen macht sich die Situation bemerkbar. Aber woher kommt diese Erkältungswelle auf einmal? Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, kennt die Antwort.

Müssen wir mit einer großen Erkältungswelle rechnen?

Letztes Jahr ist die Erkältungswelle, die uns normalerweise den Herbst und Winter über begleitet, besonders bei Kindern unter 14 Jahren ausgefallen, erklärt Dr. Georg-Christian Zinn im RTL-Interview. Die Gründe: der Lockdown und die Hygienemaßnahmen. „Dieses Jahr sehen wir – zumindest wenn man mit den Kinderärzten und Kliniken spricht – mehr Erkältungskrankheiten. Man nimmt an, dass das eben durch den Ausfall im letzten Winter zustande gekommen ist.“ Das Immunsystem bei den Kleinen sei zudem weniger gut trainiert, Infektionen könnten unter Umständen nachgeholt werden. Denn: „Kinder machen bis zu zehn leichtere Infektionen pro Jahr durch. Wenn sie einen Teil des Jahres zu Hause waren und keinen Kontakt mit anderen Kindern hatten, dann bleibt das Training des Immunsystems aus. Und wenn sie dann wieder mit ihren Gleichaltrigen zusammen spielen können, dann werden viele dieser Infektionen natürlich nachgeholt.“ Kein Wunder also, wenn sich Ihr Kind aktuell über eine Schnupfnase beklagt.

Durch das Tragen der Atemmasken besteht der Verdacht, dass das Immunsystem geschwächt wurde. Schließlich liegt die Vermutung nahe, dass Viren, die wir sonst eingeatmet hätten, so abgehalten wurden. Sind wir tatsächlich angreifbarer durch diese Schutzmaßnahme geworden? Das beantwortet Dr. Zinn im Video.

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Könnte die Erkältungswelle aber wirklich bis Ostern anhalten?

Eine Mutter hat bei ihrem Kind, das offensichtlich erkältet ist, Fieber gemessen.
Das Immunsystem der Kleinen ist aktuell wenig trainiert. © Getty Images, anandaBGD

„Das hängt davon ab, wie der Winter wird“, meint der Mediziner. Auch auf die Lage in den Schulen komme es an: „Wir haben jetzt in den ersten Schulen keine Maskenpflicht mehr, das befeuert tatsächlich die Erkältungskrankheiten – und hoffentlich nicht Corona, wobei man auch damit rechnen müsste.“ Und in den Kitas? Da dort weniger mit Mundschutz gearbeitet wird, ist sich Dr. Georg-Christian Zinn sicher: „Da werden wir wahrscheinlich über längere Zeit Erkältungskrankheiten haben.“ Wie lange das letztendlich wirklich andauern wird, bleibt zunächst abzuwarten.

In gewisser Weise gibt der Direktor des Hygienzentrums Bioscientia aber auch Entwarnung, denn auch wenn wir zwar vermehrt Erkältungen sehen: „Wir haben das aber jeden Winter, auch wenn die Kitas und Schulen offen haben. Erkältungswellen sind demnach ganz normal.“ Wichtig ist es jedoch, wachsam zu sein und zu schauen: Was ist eine normale Erkältung? Und was ist Corona? „Wenn mein Kind erkältet ist, würde ich mittlerweile immer einen Schnelltest machen und im schlimmsten Fall, wenn der Test positiv ausfällt, mit einem PCR-Test verifizieren lassen“, rät Dr. Zinn.

Und wie sieht die Situation für die Erwachsenen aus?

Auch das Immunsystem der Erwachsenen ist laut Dr. Zinn aktuell weniger trainiert. „Insofern wird es ganz sicher ein paar Infektionen geben, die aber auch das Immunsystem dann wieder trainieren beziehungsweise die man dann nachholt.“ An sich sei es gut, wenn unser Immunsystem wieder trainiert werden würde – allerdings sei dies aktuell der falsche Moment: „Das Problem ist, dass sich neben einem normalen Erkältungsvirus auch das Coronavirus dazu gesellt – und dann haben wir den Schlamassel! Insofern sollte man weiterhin, auch jetzt diesen Winter, auch wenn man geimpft ist, die Hygienemaßnahmen einhalten – zu Hause wie auch am Arbeitsplatz“, rät der Experte.

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Gibt es Vorsichtsmaßnahmen, die wir treffen können?

Ein Mann mixt in einer Salatschüssel seinen Salat, um ihn herum liegen verschiedene Gemüsesorten.
Gesunde Ernährung hilft Klein und Groß. © Getty Images/iStockphoto, DragonImages

Die Impfung gegen die Grippe kann Dr. Zinn nur empfehlen: „Gerade für Menschen mit chronischen Krankheiten und auch für medizinisches Personal ist das ganz, ganz wichtig – auch außerhalb von Corona-Zeiten.“ Bei Kindern empfiehlt die Stiko eine Influenza-Impfung im Allgemeinen bisher noch nicht, bei Erwachsenen im Alter von ungefähr 60 Jahren mache die Impfung laut dem Mediziner aber durchaus Sinn. Familien mit Kindern rät er „das Übliche“, sprich: „Viel Bewegung, gesunde Ernährung und Vitamine. Wenn man das beherzigt, hat man eine bessere Chance durch den Winter zu kommen. (vdü/lgö)