Ein Blick zurück

365 Tage nach der Katastrophen-Flut: Das Ahrtal baut sich langsam wieder auf

von Silvia Soyter

Es war eine Jahrhundert-Katastrophe, die vielen Menschen alles genommen hat. Nicht nur ihr Hab und Gut, auch ihre Liebsten, Verwandten, Freunde und Nachbarn. 365 Tage später stehen viele Bewohner des Ahrtals noch immer vor den Trümmern ihrer Existenz. Forschungsergebnisse machen deutlich: Solche Katastrophen können aufgrund des menschengemachten Klimawandels häufiger vorkommen.

Im Video: RTL begleitet zwei Familien ein Jahr lang, nachdem die Flut ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Welche Sorgen und Nöte haben sie? Wie geht es ihnen heute?

Alle News rund um das Thema Klima und Klimakrise

Mit unseren „Klima Update“-Sendungen immer informiert sein

Die Chronik der Ereignisse der Jahrhundertflut

Freitag, 9. Juli und Samstag, 10. Juli 2021 - Fünf Tage vor der Katastrophe

Am 9. und 10. Juli weisen die Hochwasservorhersagen des Europäischen Hochwasserwarnsystems (EFAS) auf eine hohe Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen im Rheineinzugsgebiet hin, von denen die Schweiz und Deutschland betroffen sind. Einen Tag später wird auch für das Einzugsgebiet der Maas, das Belgien betrifft, ein hohes Hochwasserrisiko vorhergesagt. Das Ausmaß der für das Rheineinzugsgebiet vorhergesagten Überschwemmungen nehmen deutlich zu.

Die ersten EFAS-Meldungen für das Rheineinzugsgebiet werden ab dem 10. Juli an die zuständigen nationalen Behörden übermittelt. Mit den laufend aktualisierten Vorhersagen werden bis zum 14. Juli mehr als 25 Meldungen für bestimmte Regionen des Rhein- und Maaseinzugsgebiets verschickt.

Streaming-Tipp: Die komplette Doku „Nach der Flut - Ein Jahr zwischen Zerstörung und Zuversicht“ HIER im Stream anschauen

Menschen genießen am 05.07.2015 am grünen Ufer der Ahr in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) das sommerliche Wetter und kühlen sich im Wasser ab.
So friedlich sieht die Ahr normalerweise aus. Während der Jahrhundert-Flut war sie nicht wiederzuerkennen.

Sonntag, 11. Juli 2021, 11:00 Uhr – Eine Unwetter-Woche steht bevor

Erste Warnung des Deutsche Wetterdienst (DWD) am Sonntag: Gewarnt wird vor extremem Starkregen mit bis zu 200 Litern Regen pro Quadratmeter innerhalb von 60 Stunden. Wo genau diese Niederschlagsmassen Mengen niedergehen werden, konnte nicht vorausgesagt werden.

Montag, 12. Juli 2021 – Der DWD warnt

Der Deutsche Wetterdienst informiert mehr als 100 Kontakte in Rheinland-Pfalz (unter anderen Kreisverwaltungen und Feuerwehren) und warnt die Hochwasserzentralen der Länder vor bevorstehenden Überflutungen.

Dienstag, 13. Juli 2021 9.40 Uhr - Dauerregen und kein Ende in Sicht

Der extreme Dauerregen hält an. Erwartet werden rund 180 Liter pro Quadratmeter. Schon 40 Minuten später konkretisiert der DWD seine Warnung: Lokal können innerhalb von zwei Tagen punktuell auch bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter fallen.

Mittwoch, 14. Juli 2021 - Sturm und Starkregen

Heftige Unwetter in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Am Morgen warnt der DWD vor „extremen Unwetter" mit Dauerregen und Starkregen in weiten Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Im Laufe des Tages verbreitet sich teils gewittriger Regen, lokal sind extreme Unwetter möglich. In Gewitternähe sind teils stürmische Böen zu erwarten. In der Nacht zum Donnerstag dauert der Starkregen bei Tiefstwerten zwischen 16 und 12 Grad oft an. Der Pegelstand der Ahr steigt und steigt. Üblicherweise misst der Pegel der Ahr knapp einem Meter. Das Landesumweltamt von Rheinland-Pfalz erwartet, dass der Wasserstand in Altenahr auf bis zu 5 Meter steigen könnte.

Regen ohne Ende in ganz Deutschland

Um 11 Uhr

Ruft das Landesumwelt die zweithöchste Warnstufe („hohe Hochwassergefährdung“) für das Einzugsgebiet der Ahr aus. Per Katwarn-App werden Bevölkerung und Behörden vor schnell steigenden Pegeln gewarnt.

"Die Lage ist kritisch"

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest Du einen relevanten Inhalt der externen Plattform Twitter, der den Artikel ergänzt. Du kannst dir den Inhalt einfach mit einem Klick anzeigen lassen.

Am Nachmittag

Die Lage im Westen wird brisanter. Kleine und große Flüsse kämpfen mit dem Dauer- und Starkregen. Aufgrund der Wetterlage ist auch noch keine Entwarnung möglich, denn der Regen wird noch heftiger. Rund um Rhein, Saar, Mosel, Sieg oder Agger ist Hochwasser angesagt. Gesperrte Straßen, Radwege und Campingplätze sind die wahrscheinlich Folge.

Der Pegel in Altenahr liegt bereits bei 1,38 Metern. Die Kreisverwaltung Ahrweiler warnt vor örtlichen Überschwemmungen. Gegen 17 Uhr ruft das Landesumweltamt die höchste Warnstufe (Violett) aus. Im Kreis Ahrweiler wird zunächst die zweithöchste Alarmstufe ausgerufen. Prognosen erwarten einen Höchststand von 5,19 Meter am Pegel Altenahr. Der höchste Stand der vergangen 20 Jahre lag dort bei 3,71 Meter.

Ab 20 Uhr: Das Landesumweltamt erhöht seine Pegelstand-Prognose auf 6,81 Meter

Der Pegel in Altenahr liegt bereits 5,75 Metern an. Das ist der letzte genaue Pegelstand, der für Altenahr vorliegt. Nachdem der Strom ausfällt liefert diese Messstation keine Daten mehr. Erst im Nachhinein wird klar, dass die Pegellatte sowie das dazugehörige Haus von den Wassermassen mitgerissen wurden.

Die Feuerwehr im Dauereinsatz

Donnerstag, 15. Juli 2022: Der Morgen danach - Bad Münstereifel sieht das Ausmaß der Schäden

Im Video: Existenzen sind zerstört, verzweifelte Menschen bangen um ihre Angehörigen in den Nachbardörfer, doch die Gemeinschaft hält zusammen!

Von der Außenwelt abgeschnitten

Die von der Flut zerstörte Eisenbahnbrücke über die Ahr zwischen Mayschoss und Rech.
Der Morgen des 15. Juli zeigt die Ausmaße der Katastrophe: Viele Straßen und Brücken sind zerstört - ganze Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten.

Erst nach Sonnenaufgang wird sichtbar was die Flut wirklich zerstört hat: Das Tal links und rechts der Ahr ist verwüstet. Viele Menschen werden vermisst und die Zahlen steigen schnell an. Am Morgen werden auch die ersten Todesfälle bekannt. Weil das Mobilfunknetz zusammengebrochen ist, bleiben weite Teile, der von der Flut heimgesuchten Gebiete von der Außenwelt und damit auch von Hilfe abgeschnitten.

In 24 Stunden fielen vom Ruhrgebiet über Köln bis in die Eifel und den Raum Trier verbreitet 80 bis 150 Liter pro Quadratmeter Regen, örtlich noch darüber. An den Flüssen in diesen Regionen stellte sich vielfach ein 20 bis 50-jährliches Hochwasser ein. Im Bereich Ruhrgebiet/Sauerland waren vor allem die Volme und die untere Lenne, im Bergischen Land die Wupper und zwischen Aachen und Köln die Rur und die Erft betroffen. Auf rheinland-pfälzischer Seite sind beispielsweise die Sauer, die Prüm und die Ahr zu nennen.

Ob Dorf-Bäckerei oder Altenheim – die Flut macht vor keinem Halt!

Im Video: Manche verlieren alles und können nur mit einem Koffer fliehen, andere nutzen die Situation aus und gehen auf Raubzug.

15. Juli 2022 - Am Mittag bereits 18 Tote in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Per Twitter nennt der Kreis Ahrweiler die Zahl von rund 1.300 Vermissten, etwa 3.500 Menschen seien in Betreuungseinrichtungen untergebracht. Gegen 15 Uhr spricht die Polizei bereits von rund 18 Toten im Raum Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Freitag, 16. Juli 2021: Die Lage bleibt angespannt!

Im Video: RTL-Reporter Uli Klose fliegt mit dem Hubschrauber über einen Abschnitt der Erft, an dem noch immer Häuser ins Wasser stürzen.

Samstag, 17. Juli 2022 - Die Pegelstände sinken langsam 

Noch keine wirkliche Entspannung in Sicht: Die Hochwasserlage in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bleibt dramatisch. Die Pegelstände sinken wieder und es kommt kein Regen nach, aber das Wasser ist längst noch nicht komplett abgelaufen.

An der Steinbachtalsperre bei Euskirchen droht trotz des sinkenden Wasserstands weiterhin ein Bruch des Staudamms. Der Damm sei "äußerst instabil", große Teile des Bauwerks seien weggebrochen, teilte die Bezirksregierung Köln am Samstag mit. Es drohe weiterhin akute Überflutungsgefahr für die Orte unterhalb der Talsperre. Weitere Evakuierungen seien deshalb geplant.

Knapp eine Woche nach der Flut: Bisher teuerste Naturkatastrophe in Deutschland im Jahrhundert

Knapp eine Woche nach der Flutkatastrophe ist klar: Zahlreiche Autobahnkilometer, Streckennetze der Bahn und öffentliche Gebäude wie Schulen, Kitas und Altenheime sind zerstört. Doch viele Menschen haben vor allem ihr Zuhause und ihren Arbeitsplatz an die Fluten verloren.

Laut ersten Schätzungen müssen die deutschen Versicherer bis zu fünf Milliarden Euro für die Schäden zahlen, die das Hochwasser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz angerichtet hat. Zusammen mit den Schadenssummen aus den anderen Bundesländern wäre das Tief BERND damit die teuerste Naturkatastrophe in Deutschland in diesem Jahrtausend.

Glück im Unglück - Wenn während der Flut die Wehen einsetzen

Im Video: Mitten in der größten Flutkatastrophe des Jahrhunderts wäre diese Frau fast Mutter geworden.

Ein Jahr nach der Flut: Wie geht es den Menschen im Ahrtal heute?

Beim Jahrhundert-Hochwasser, von dem besonders Teile Belgiens, der Niederlande, Österreichs, der Schweiz und Deutschland betroffen waren, kamen allein in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz 134 Menschen ums Leben. Auch ein Jahr später kommt der Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete nur langsam voran. Die Folgen der Fluten sind an vielen Orten noch sichtbar.

Auch in Kordel an der Kyll, einem Nebenfluss der Mosel, stehen viele Geschäfte und Gebäude noch leer, weil sie kaum oder gar nicht genutzt werden können. Der Pegel des Flusses stieg während der Flut von gerade einmal 70 Zentimetern auf etwa acht Meter an. Der Ort war für einige Zeit von der Außenwelt abgeschnitten, weil alle Straßen versperrt waren. Strom- und Wasserversorgung waren ausgefallen. Gut die Hälfte aller Häuser in Kordel werden noch renoviert und auch die für den Ort wichtige Kita kann laut Angaben des Bürgermeisters Medard Roth erst in ein paar Jahren wieder eröffnen: „Die Leute sagen zu mir: Wir leben in einem toten Dorf“, so Roth.

Kordel ist nur ein Beispiel von vielen: In weiten Teilen der Flutgebiete sieht man auch ein Jahr später noch die Auswirkungen der Wassermassen. Und die Angst steckt den Menschen vor Ort noch in den Knochen: Bei jedem heftigen Unwetter kommen sie zurück, die Bilder und Emotionen der Jahrhundert-Flut von 2021.

Unsere Wettertrends und Themenseiten

Sollten Sie Interesse an weiteren Wetter-, Klima- und Wissenschaftsthemen haben, sind Sie bei wetter.de bestens aufgehoben. Besonders ans Herz legenkönnen wir Ihnen auch den 7-Tage-Wettertrend mit der Wetterprognose für die kommende Woche. Dieser wird täglich aktualisiert. Falls Sie weiter in die Zukunft schauen möchten, ist der 42-Tage-Wettertrend eine Option. Dort schauen wir uns an, was auf uns in den kommenden Wochen zukommt. Vielleicht interessiert Sie eher wie sich das Klima in den vergangenen Monaten verhalten hat und wie die Prognose für das restliche Jahr aussieht. Dafür haben wir unseren Klimatrend für Deutschland.

Damit Sie auch unterwegs kein Wetter mehr verpassen, empfehlen wir unsere wetter.de-App für Apple- und Android-Geräte.

Klima-Rekorde - Ist Deutschland noch zu retten? Die Doku im Online Stream auf RTL+

(sso mit dpa)