Sind sie erreicht, gibt es kein Zur√ľck mehr

Kipppunkte im Klimasystem mit ihren verheerenden Kettenreaktionen

Wetter-Experte Bernd Fuchs √ľber die Kipppunkte im Klimasytem

Viele denken ja, der Klimawandel ist ein langsamer und schleichender Prozess. Das stimmt leider nicht immer, denn es gibt tickende Zeitbomben in unserem Klimasystem, die gravierende und schnelle Veränderungen mit sich ziehen. Sie werden auch als Kipppunkt bezeichnet. In unserer aktuellen Folge des Klima Updates nimmt sich Bernd Fuchs dieser Domino-Effekte beim Klimawandel an.

Lese-Tipps:

Wissenswertes rund um die Kipppunkte auf der Erde

Arktis als Kipppunkt
Das schmelzende Eis der Arktis ist ein Kipppunkt unseres Klimasystems © wetter.de

Kipppunkte stellen im Erdklima bestimmte Systeme dar, die bei steigender Luft- und Wassertemperatur auf der Erde aus dem Gleichgewicht geraten können und dann ihrerseits ebenfalls immens zum Klimawandel beitragen könnten. Die mitunter zusammenhängenden Systeme können unumkehrbar in einen neuen Zustand versetzt werden, wenn sie einen bestimmten Schwellenwert, ihren Kipppunkt, erreicht haben. Das bisher stabile Erdklima verändert sich dann noch schneller und selbstverstärkend.

Lese-Tipp: Die Veränderung des Klimas auf der Erde

Die Kipppunkte lassen sich in drei Klassen aufteilen:


  1. schmelzende Eiskörper
  2. sich verändernde Strömungs- und Zirkulationssysteme von Ozeanen und in der Atmosphäre
  3. bedrohte bedeutende √Ėkosysteme

Arktis als einer der Kipp-Punkte unseres Klimas

 Die Arktis leidet enorm unter dem Schwund des Eises.
Das Eis wird d√ľnner - der Albedo-Effekt verst√§rkt den Klimawandel. ¬© imago images/Nature Picture Library, Ingo Arndt via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Arktis ist einer der Kipppunkte in unserem Klimasystem. Das heißt, wenn das Abschmelzen des Eises fortschreitet, ist die Eisschmelze irgendwann irreversibel. Dann droht das Ende des gesamten Eises auf Grönland.

Klima weltweit: Alles zum Thema Klima und Klimawandel

Weitere Kipppunkte unsere Klimasystems

Die verschiedenen Kipppunkte im Erdsystem und ihre m√∂glichen Folgen und R√ľckkopplungseffekte wurden von den Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts f√ľr Klimafolgenforschung (PIK) benannt und um weitere Elemente erg√§nzt:

Das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes

Durch die schmelzenden Gletscher steigt der Meeresspiegel weiter an und die Erderwärmung schreitet voran. Die kritische Grenze wird bei einer Erwärmung von 3 Grad vermutet. Der Eisschild könnte dann in den nächsten Jahrhunderten komplett abschmelzen, was einen Meeresspiegelanstieg von circa 7 Metern zur Folge hätte.

Das Abschmelzen des Westantarktischen Eisschildes

Das Gleiche gilt f√ľr das Schmelzen des gr√∂√üten Eisspeichers der Erde. Der Kipppunkt wird hier bei einer Erw√§rmung von 5 bis 8 Grad vermutet.

Das Abtauen der Permafrostböden

In den dauerhaften Frostb√∂den Nordkanadas, Sibiriens, Alaskas und Gr√∂nlands sowie den Hochgebirgen wird Methan und Kohlendioxid gespeichert, das durch die globale Erw√§rmung abtaut und die Treibhausgase freisetzt. Die Treibhausgas-Konzentration wird dadurch weiter erh√∂ht. R√ľckkopplungseffekt: Durch die erh√∂hte CO2-Konzentration wird es w√§rmer auf der Erde und das Eis schmilzt noch schneller.

R√ľckgang der Nordischen Nadelw√§lder (Borealw√§lder)

Die B√§ume im Norden der Erde im Taiga-Gebiet (Alaska, Skandinavien und Sibirien) speichern CO2, ein R√ľckgang w√ľrde die CO2-Konzentration in der Atmosph√§re erh√∂hen. R√ľckkopplungseffekt: Durch mehr CO2 in der Atmosph√§re wird es hei√üer auf der Erde, Waldbr√§nde und Baumkrankheiten w√ľrden zunehmen und den Bestand weiter verringern. Der Kipppunkt liegt bei 3 bis 5 Grad und k√∂nnte das komplette Aussterben der W√§lder innerhalb von 50 Jahren beg√ľnstigen.

Entwaldung des tropischen Regenwalds

Eine √§hnlich wichtige Bedeutung wie die Borealw√§lder hat der Amazonas-Regenwald f√ľr unser Klima. Auch seine B√§ume speichern CO2. Die Entwaldung erh√∂ht die CO2-Konzentration und f√∂rdert somit die globale Erw√§rmung. Dem Regenwald droht so ein √§hnliches Schicksal wie den n√∂rdlichen Waldgebieten.

Das Erlahmen der atlantischen thermohalinen Zirkulation

Der Wasserkreislauf der atlantischen Meeresstr√∂mung k√∂nnte durch die Erw√§rmung des Wassers aus dem Gleichgewicht geraten, wenn sich Wasserdichte und Salzgehalt u.a. durch schmelzende Eismassen ver√§ndern. Eine Schw√§chung oder gar ein Abrei√üen des Nordatlantikstroms w√ľrde das Klima ver√§ndern, zu mehr tropischen Niederschl√§gen f√ľhren und den Meeresspiegel ansteigen lassen. Der Kipppunkt wird bei 3 bis 5 Grad Erw√§rmung vermutet.

St√∂rung der Southern Oscillation und Verst√§rkung des El-Ni√Īo-Ph√§nomens

Die Wasserzirkulation im Pazifik wird durch El Ni√Īo und die Southern Oscillation (ENSO) bestimmt. Wenn sich diese komplexe Zirkulation ver√§ndert, k√∂nnten sich die Effekte des Klimaph√§nomens El Ni√Īo verst√§rken. Die daraus resultierenden Wetterextreme w√ľrden wohl deutlich √∂fter und st√§rker auftreten und dadurch f√ľr h√§ufigere √úberflutungen in S√ľdamerika, D√ľrren in Australien und Missernten in Indien sorgen.

Der R√ľckgang der Netto-Produktivit√§t der Biosph√§re

Die Biosph√§re kann weniger CO2 speichern, wenn durch mehr D√ľrren und Hitzewellen Pflanzen zerst√∂rt werden und so die Photosynthese zur√ľckgefahren wird. Momentan ist das Erdklimasystem noch eine CO2-Senke, die mehr CO2 aufnimmt als abgibt. Dies k√∂nnte sich in diesem Jahrhundert drastisch √§ndern, wenn die menschengemachten CO2-Emissionen nicht verringert werden.

Destabilisierung des Jetstreams, Zusammenbruch des indischen Sommermonsuns und Veränderung des Westafrikanischen Monsunsystems

Drastische, irreversible Klimaver√§nderungen und Wetterextreme wie tropische Niederschl√§ge, Hitzewellen, D√ľrreperioden oder √úberschwemmungen sind die Folge. Die Ver√§nderung kann allerdings auch m√∂glicherweise positive Folgen haben wie das Ergr√ľnen der Sahara.

Methan-Ausgasung aus den Ozeanen

Im Schelfeis auf dem Meeresboden gelagertes Methan (sogenannte Methanhydrate) wird durch die erh√∂hte Temperatur im Meerwasser freigesetzt und erh√∂ht somit die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosph√§re. Allein auf dem sibirischen Kontinentalschelf sollen √ľber 500 Milliarden Tonnen dieses Eis-Methan-Gemisches lagern.

Absterben von Korallenriffen

Nach aktuellen Klimamodellen w√ľrde bei einem Temperaturanstieg um 1,5 Grad ca. 70 bis 9 Prozent der Korallenriffe verloren gehen. Verschmutzungen, die erh√∂hte Meerestemperatur und die Versauerung der Meere f√ľhren zur Korallenbleiche. Korallenriffe sind eine wichtige Nahrungsquelle f√ľr die Meeresbewohner, daher w√ľrden absterbende Korallen das Artensterben im Meer verst√§rken. Zudem bieten Korallenriffe nat√ľrlichen Brandungsschutz f√ľr K√ľstengebiete.

Abschwächung der marinen Kohlenstoffpumpe

Die Weltmeere nehmen sehr große Mengen an Kohlenstoff auf und verringern somit die CO2-Emissionen in der Atmosphäre. Algen nutzen den Kohlenstoff zum Wachstum. Nach dem Sterben der Algen versinkt der Kohlenstoff in der Tiefsee. Diese so genannte marine Kohlenstoffpumpe könnte durch die Erwärmung und Versauerung der Ozeane sowie Sauerstoffarmut eingeschränkt werden.

Dauerhafte D√ľrre im nordamerikanischen S√ľdwesten

Die subtropische Trockenzone dehnt sich weiter nach Norden aus und die dort vorhandenen monsun√§hnlichen Ozean- und Atmosph√§renstr√∂mungen k√∂nnten sich weiter abschw√§chen. Die Niederschl√§ge im S√ľdwesten der USA w√ľrden weiter zur√ľckgehen und die Region droht, durch anhaltende D√ľrreperioden zu versteppen.

Unsere Wettertrends und Themenseiten

Sollten Sie Interesse an weiteren Wetter-, Klima- und Wissenschaftsthemenhaben, sind Sie bei wetter.de bestens aufgehoben. Besonders ans Herz legen,k√∂nnen wir Ihnen auch den 7-Tage-Wettertrend mit der Wetterprognose f√ľr die kommende Woche. Dieser wird t√§glich aktualisiert. Falls Sie weiter in die Zukunft schauen m√∂chten, ist der 42-Tage-Wettertrend eine Option. Dort schauen wir uns an, was auf uns in den kommenden Wochen zukommt. Vielleicht interessiert Sie eher wie sich das Klima in den vergangenen Monaten verhalten hat und wie die Prognose f√ľr das restliche Jahr aussieht. Daf√ľr haben wir unseren Klimatrend f√ľr Deutschland.

Damit Sie auch unterwegs kein Wetter mehr verpassen, empfehlen wir unsere wetter.de-App f√ľr Apple- und Android-Ger√§te.

(oha)