Die Hochwassergefahr steigt rapide an

Viel Schnee in den Alpen +++ Tauwetter und Starkregen +++ Droht eine Hochwasserkatastrophe wie 1999?

Soviel Schnee in den Bergen zu dieser Jahreszeit gab es zuletzt 1999. Damals gab es ein sogenanntes Jahrhunderthochwasser, das auch als Pfingsthochwasser in die Geschichte einging. Jetzt kommt die Wärme, aber zum Teil auch viel Niederschlag, vorher fiel noch jede Menge Schnee in den Hochlagen. Meteorologe Christian Häckl erklärt im Interview, wie gefährlich die Hochwasserlage in diesem Jahr werden kann.

Das sagt unser Wetterexperte Christian Häckl zur aktuellen Lage - Teil I

Der bisher viel zu kalte Mai hat uns nicht nur viele Grill- und Draußensitzabende vorenthalten, sondern auch dafür gesorgt, dass die übliche Schneeschmelze in den Alpen stark verzögert wurde oder bisher gar nicht stattfand. In Lagen oberhalb etwa 2.000 Meter kamen in den vergangenen drei Wochen sogar noch 1 bis 2 Meter Schnee dazu, auf der Zugspitze liegen rekordverdächtige 5,80 Meter. Wenn jetzt ab dem Wochenende die Frühsommerluft mit Tauwetter UND kräftiger Platzregen auf die Schneemassen trifft, kann es speziell an den Nordalpen zu einer gefährlichen Hochwassersituation kommen.

Auf welches potenzielle Gefahrenszenario müssen wir uns einstellen?

Um das Hochwasserpotential abschätzen zu können, muss man wissen, dass ein Kubik-Meter Schnee (Schneehöhe 1 Meter) im späten Frühjahr aus 300 bis 500 Liter Wasser besteht. Wenn dieser (Kubik-)Meter Schnee binnen weniger Tage schmilzt und gleichzeitig auch noch 100 oder 200 Liter Regen obendrauf fallen, dann kommen enorme Wassermassen in die Flüsse.

Aber auch die Gefahr von Erdrutschen darf man nicht außer Acht lassen. Derzeit sind sich die Wettercomputer nur einig, dass es ab Samstag deutlich wärmer wird. Wie groß die Regenmengen bis Mitte nächster Woche sein werden, ist dagegen noch sehr unsicher.

"Ist das nun einer oder nicht?" "Das ist einer!"

Ein Tornado ist schon beobachtet worden – übrigens ein typischer kleiner Tornado, wie er bei (früh-) sommerlichen Gewittern auch in Deutschland gar nicht so selten vorkommt. Rund 50 Mal im Jahr tritt das Phänomen hierzulande auch auf. Das Video von Andy Breti aus Frauenstein in Sachsen zeigt ein sehr schönes Exemplar.

Das sagt unser Wetterexperte Christian Häckl zur aktuellen Lage - Teil II

Welche Regionen sind potenziell am stärksten betroffen und was ist zu erwarten?

Da in den Nordalpen (Bayern und Österreich) am meisten Schnee liegt, und dort auch bis nächsten Mittwoch 50 bis 100 Liter Regen erwartet werden, ist dort die Gefahr von großflächigen Überschwemmungen am größten. In Spitzen können sogar mehr als 200 Liter pro Quadratmeter fallen.

Wir erwarten ab morgen ein extrem rasches Anschwellen der Pegel im Süden – von den großen Flüssen stark betroffen wird die (zunächst obere) Donau sein, Neckar zwar ebenfalls mit Hochwasser aber nicht dramatisch. Bei den kleineren Flüssen wird es sicher die Iller, den Lech, Isar, etc erwischen – auch die Bodenseeregion kriegt einiges ab.

Wann gab es zuletzt eine vergleichbare Situation und was ist da passiert?

Vor ziemlich genau 20 Jahren (22.5.1999) gab es das Pfingsthochwasser an den bayerischen Alpen und am Bodensee. Damals lag ähnlich viel Schnee auf den Bergen und es fielen in nur 48 Stunden an die 200 Liter Regen. So schlimm erwarten wir es derzeit nicht, aber das Unwetter- und Hochwasserpotential wegen der großen Schneemengen ist durchaus mit 1999 vergleichbar.

So viel Regen fällt in den nächsten Tagen

Was passierte beim Pfingsthochwasser 1999?

Das Pfingsthochwasser war ein Jahrhunderthochwasser an Pfingsten im Jahre 1999 in Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg und Tirol.

Durch das Zusammentreffen von großen Niederschlägen, die durch eine Nordweststaulage bedingt waren, mit der Schneeschmelze kam es im Bereich der Isar, Amper, Ammer, Wertach, Lech, Iller, Vils, Inn und Donau zu massivem Hochwasser.

Enorme Regensummen gingen im Mai 1999 innerhalb von drei Tagen nieder. Teilweise waren es über 200 Liter pro Quadratmeter.
Enorme Regensummen gingen im Mai 1999 innerhalb von drei Tagen nieder. Teilweise waren es über 200 Liter pro Quadratmeter. © RTL Interactive

Am 22. Mai traf Tief „Quartus“ auf das durch die Schneeschmelze bereits bestehende kleine Hochwasser und löste so mit Niederschlägen von über 200 Liter pro Quadratmeter das Pfingsthochwasser aus. Besonders betroffen war der Süden Bayerns im Bereich des Ammersees und der Flüsse Amper und Isar sowie Gebiete im Landkreis Oberallgäu.

​In Landsberg am Lech und auf der Zugspitze wurden innerhalb von 72 Stunden knapp 208 Liter Regen gemessen. Sonst fallen im Durchschnitt im gesamten Monat Mai rund 170 Liter.

Checkliste im Video: So schützen Sie sich vor Hochwasser