Klimaschutz nicht aus den Augen verlieren

Der Klimawandel ist wesentlich tödlicher als das Coronavirus

Die gute Luft ist trügerisch

Corona tut der Umwelt gut. Das mag schon stimmen, die Entlastung für unsere Atmosphäre ist messbar. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wird die CO2-Emission signifikant sinken und nicht weiter steigen. Menschen in den Industriestädten Chinas und Indien können wieder aufatmen, Tiere holen sich ihren Lebensraum zurück, und doch treibt Politik und Wirtschaft nur ein Gedanke um: Wann können wir die Industrie wieder hochfahren und endlich wieder Geld verdienen?

Der Corona Zerfallsindex von wetter.de: So lange beeinflusst das Wetter COVID-19

Luftverschmutzung kostet uns 7,3 Milliarden Euro am Tag

FILE - epa05078545 Vehicles travel through a main thoroughfare during a hazy day in Beijing city, China, 22 December 2015. Beijing issued a red alert for smog on 18 December 2015, urging schools to close and residents to stay indoors for the second t
Luftverschmutzung in Peking © dpa, Wu Hong

Es steht zu befürchten, dass der Klimaschutz in der Nach-Corona-Zeit eine untergeordnete Rolle spielen wird. Wir haben jetzt aber eine große Chance, nämlich aus der Krise zu lernen und beim Hochfahren andere Standards zu nutzen und andere Prioritäten zu setzen. Und das aus einem extrem gewichtigen Grund: Der Klimawandel ist weit tödlicher als Covid19.

Ein paar Beispiele: Etwa 4,5 Millionen Menschen sterben jährlich an Luftverschmutzung, in Deutschland 80.000. Dies sind aktuelle Zahlen von CREA (Center for Research on Energy and Clean Air) aus dem Februar 2020. An Covid19 sind derzeit weltweit ungefähr 185.000 Menschen gestorben. Auch die Kosten sind interessant: Die weltweiten Kosten durch Luftverschmutzung wurden auf etwa 7,3 Milliarden Euro beziffert – am Tag!

Ohne Gletscher fallen Flüsse trocken

Ein altes Fahrrad liegt am Dienstag (24.04.2007) am Rheinufer am ausgetrockneten Rand des Flussbettes in Düsseldorf. Der Rhein führt hier durch die Trockenheit der letzten Wochen Niedrigwasser. Der Klimawandel birgt große Gefahren für die Gesundheit
Klimawandel birgt Gefahren auch für Deutschland - und Niedrigwasser gefährdet die Versorgungslage. © dpa, A3730 Federico Gambarini

Durch den Klimawandel schmilzt das Eis und der Meeresspiegel steigt. Auch das mit tödlichen Folgen: In Küstenregionen bis zu zehn Metern Höhe leben laut IPCC 680 Millionen Menschen. Menschen, deren Lebensraum verschwindet. Was passiert, wenn die Gletscher komplett abschmelzen, ist für viele von uns noch nicht vorstellbar. Auch große Flüsse können dann trockenfallen. Flüsse, die in regenarmen Zeiten vom Gletscherwasser gespeist werden.

Flüsse sind auch Lebensadern der Versorgung. Wir werden schnell die Auswirkungen spüren, wenn beispielsweise kein Benzin oder Diesel mehr erhältlich ist, weil die Schifffahrt eingestellt werden musste. Einen Vorgeschmack bekamen wir in Deutschland 2018.

Der Klimawandel nimmt nicht die Alten ins Visier, sondern die Kinder

A villager carries water to irrigate the field at Wangzhai Village of Zhanggang Town in Changle City of southeast China's Fujian Province on July 30, 2007. With frequent heatwave and less rainfall, most parts of the province have suffered drought sin
Trockenheit in China - die Flüsse sind Trinkwasserversorgung für Milliarden Menschen. © picture-alliance/ dpa, Landov 3595996

Besonders dramatisch ist das in der Himalaya-Region: Forscher gehen davon aus, dass zwei Drittel der Gletscher am Hindukusch in diesem Jahrhundert verschwinden. Damit geht Millionen Menschen das Trinkwasser aus. Gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn Ganges und Jangtse kein Wasser mehr aus den Bergen bekommen: Diese Riesen versorgen zwei Milliarden Menschen mit Wasser.

Schon vor sechs Jahren wusste die Weltgesundheitsorganisation: Der Klimawandel gefährdet die menschliche Gesundheit. Der Klimawandel macht dabei einen entscheidenden Unterschied zum Coronavirus: Er trifft in erster Linie die Kinder, während das Virus vornehmlich ältere Menschen tötet. Kinder leiden eher an Unterernährung, sie werden häufiger mit Malaria oder Dengue infiziert, weil sie sich noch nicht selbst gezielt schützen können.

Der Klimawandel nimmt keinen harmlosen Verlauf

Wuestenlandschaft bei Sonnenuntergang, Computergrafik | desert landscape at sunset, computer graphic | Verwendung weltweit
Die Wüsten der Welt breiten sich aus. © picture alliance / blickwinkel/M, McPHOTO/M. Gann

Wenn der CO2-Ausstoß so weiter geht wie bisher, dann – so berichteten Wissenschaftler 2019 im renommierten Magazin „The Lancet“ – lebt ein heute geborenes Kind an seinem 71. Geburtstag im Schnitt in einer um 4 Grad wärmeren Welt. In dieser Welt wird es enorme Nahrungsmittel- und Wasserknappheit geben, in dieser Welt werden Wüsten riesige Landstriche unbewohnbar gemacht haben und diese Welt wird sich das Kind dann auch noch mit vielleicht zehn Milliarden Menschen teilen müssen.

Wenn wir nicht gegensteuern. Der Klimawandel macht vor niemandem Halt. Der Klimawandel nimmt nicht – wie bei vielen Corona-Patienten – einen harmlosen Verlauf. Er trifft uns alle mit voller Härte. Der Klimawandel hat das Potenzial, viel tödlicher zu werden als alle Krankheiten. Denn er macht die Erde für einen Großteil der Menschen unbewohnbar. Bedenken wir zudem die fortschreitende Verwüstung der Erde  und den jährlichen Verlust der Anbaufläche - bei steigender Bevlkerungszahl.

Wenn die Europäische Union ihren Green Deal durchzieht, haben wir eine Chance. Dieser sieht vor, die EU CO2-neutral zu gestalten. Das wäre bahnbrechend. Doch selbst in manchen vor allem östlichen EU-Mitgliedsstaaten wie Tschechien und Polen wird offen die Abkehr vom Green Deal gefordert, auch die Industrie will Umweltstandards zurückfahren, um schnell und kostengünstig produzieren zu können.

Hören wir doch weiterhin der Wissenschaft zu

Es ist schwer zu verstehen, warum die Menschen beim Klimawandel anders denken als beim Virus: Die Gefahr ist die gleiche: Es lauert der Tod. Und wir haben es ja in den letzten beiden Jahren erleben müssen, als die Sommer fürchterlich heiß und trocken waren und die Ernten gering. Jetzt brennen schon im April die Wälder und die nächste Ernte steht auf der Kippe. Und doch denken die meisten nur an das Hochfahren der Wirtschaft.

Vielleicht verstehen wir die Tragweite erst, wenn in den Supermärkten nicht nur das Klopapier vergriffen ist, sondern Wasser und Nahrung plötzlich zu Luxusgütern werden. Noch können wir die Krise als Chance nutzen: So wie es Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan formulierte: „Meine Hoffnung ist, dass die Politik auch in der Klimakrise beginnt, den Wissenschaftlern zuzuhören und deren Empfehlungen umsetzt.“

TVNOW-Doku: Wüstenstaat Deutschland

Mega-Hitze und große Trockenheit - und viele fragen sich: Wird Deutschland bald zum Wüstenstaat? Wie viele Dürre-Sommer hintereinander können wir eigentlich noch verkraften? Hier geht es zur DOKU - Wüstenstaat Deutschland?