Das Coronavirus macht die Wettervorhersage schlechter

Osterprognose ist trotzdem genau

Für die Erstellung des Wetterberichts sammeln auch normale Verkehrsflugzeuge jede Menge Daten. Wegen der Corona-Krise bleiben jetzt aber die meisten von ihnen am Boden. Wie sich das ausgewirkt hat und warum das derzeit aber gar nicht so schlimm ist, sehen Sie im Video.

Interview mit Detlev Majewski vom Deutschen Wetterdienst

Woher kommen die Wetterdaten für die Wettervorsage?

Detlev Majewski: "Für unsere Wettermodelle müssen wir wissen: Wie ist das Wetter gerade jetzt in diesem Moment. Und dazu nutzen wir eine Fülle von Beobachtungssystemen. Zum Einen Beobachtungssysteme, die vor Ort messen, also in der Atmosphäre, wie Bodenstationen, Wetterschiffe, Bojen auf dem Wasser und Wetterballone. Zudem tragen alle Verkehrsflugzeuge Messinstrumente und liefern bei Start und Landung und in der Reiseflughöhe die gleichen Daten wie die Wetterballone. Zum Anderen Fernerkundunginstrumente wie Wettersatelliten und das Wetterradar, dass die Niederschlagsgebiete zeigt."

Abbildung 1 Weltweites Beobachtungsmessnetz
Das weltweite Beobachtungsmessnetz für den Wetterbericht

Flugzeuge als Wetterbeobachter

Warum sind gerade Flugzeuge so wichtig?

"Flugzeuge sind deshalb so wichtig, weil sie ein Bild der Atmosphäre liefern, direkt vor Ort, hochaufgelöst, in hoher räumlicher und zeitlicher Dichte. Die Fernerkundungssysteme sehen die Atmosphäre ja nur von oben, während die Flugzeuge sie durchfliegen und uns Werte der Temperatur, des Drucks und des Windes vom Boden bis zur Reiseflughöhe liefern. Ihre Messgenauigkeit ist deutlich höher als von einem Satellit, der sich in über 800 Kilometer über der Erdoberfläche befindet."

Was genau messen die Flieger?

"Die Flugzeuge messen bei Start und Landung ein Temperaturprofil, ein Druckprofil und den Wind, so dass wir vom Boden bis zur Höhe von 10 bis 12 Kilometern, der Reiseflughöhe, eine detaillierte Profilinformation über die Atmosphäre haben. Auf der Reiseflughöhe messen sie zudem entlang des gesamten Flugweges. Bei den transatlantischen Fliegern haben wir also auch Messungen über den Ozeanen."

23.03.2020, USA, Everett: Ein Boeing Dreamlifter-Flugzeug, mit dem große Teile für die Flugzeugmontage transportiert werden, startet in Paine Field in der Nähe der Boeing-Fertigungsstätte in Everett. Der angeschlagene US-Luftfahrtriese Boeing fährt s
Nebenberuf Wettermelder: Flugzeuge sammeln Daten für einen genauen Wetterbericht. © dpa, Ted S. Warren, TW

Wie sehr hat sich der Flugverkehr verändert?

"Durch die Corononavirus-Pandemie ist der Flugverkehr natürlich drastisch zurückgegangen. Im Januar und Februar haben die Flugzeuge uns 350.000 Meldungen pro Tag über Mitteleuropa geliefert. Mit der Reduktion des Flugverkehrs sind die Meldungen auf 50.000 pro Tag zurückgegangen (rote Kurve s. Grafik).. Wir sind jetzt unter 20 Prozent der Daten, die wir vorher hatten.

Neun Flugzeuge der Lufthansa sind mit einem speziellen Feuchtesensor ausgestattet. Von ihnen bekamen wir etwa 2500 Meldungen pro Tag. Die sind auf null zurückgegangen. Alle diese neun Flugzeuge sind am Boden (blaue Kurve s. Grafik)."

Wetterbeobachtungen
Der totale Einbruch im März

Am zweiten März ist ganz Mitteleuropa abgedeckt durch Messflugzeuge, die großen Flughäfen von London und Frankfurt sind besonders gut zu sehen. Keine drei Wochen später, ein völlig anderes Bild, am 23. März: keinerlei Flüge über Italien oder Südosteurupa und nur noch wenige Flüge über Frankfurt und London.

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2. März 2020: Es wimmelt nur so von Flugzeugen über Europa
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23 März 2020: Am Himmel ist es äußerst ausgedünnt.

Müssen wir uns an schlechtere Wettervorhersagen gewöhnen?

"Das wird von der Wetterlage abhängen. Hochdruckwetterlagen wie jetzt können wir sicher weiterhin gut vorhersagen. Schwieriger wird es, wenn jetzt Tiefdruckgebiete vom Atlantik heranziehen. Die Luft über dem Atlantik wird jetzt nicht mehr von Flugzeugen durchmessen, so dass wir schon erwarten, dass es einen Abfall in der Vorhersagequalität gibt. Wieviel das im Einzelfall ausmacht, kann man jetzt noch nicht sagen. Eine Berechnung des Europäischen Zentrums kam auf eine Verschlechterung um 10 Prozent, im Mittel, über die Nordhalbkugel."

Was heißt das konkret? Kann man jetzt Tiefdruckgebiete nicht mehr richtig einschätzen?

"Nein, wir haben ja noch die ganzen anderen Messsysteme. Was aber passieren könnte, ist dass wir eine gefährliche Tiefdruckentwicklung, ein Sturmtief, nicht mehr schon an Tag 5 vor dem Ereignis, sondern erst an Tag 4 sehen können. Oder dass wir die Intensität etwas anders einschätzen, als wenn wir Flugzeugdaten dazu bekommen hätten.

Um das Problem zu abzufedern, versuchen wir jetzt, andere Beobachtungssysteme häufiger zu nutzen. Die Wetterballone werden jetzt nicht mehr nur umm 0 und 12, sondern auch um 6 Uhr über Deutschland starten.  Auch andere europäische Wetterdienste werden das so tun, damit wir auch morgens nochmal ein Temperatur-, Druck und Windprofil als Ausgangspunkt für unsere Modelle haben."

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